# Aus dem Riss — Geschichte (1/5) · Kapitel 1–7

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## Aus dem Riss

*Baden im grauen Strom*

## Figuren der Geschichte

*Aus den Daten der 23 Kapitel gezählt: 25 Figuren, 203 Repliken — je Figur Name, erstes Kapitel, Zahl der Repliken.*

- **System (auch: Eingang)** — Kapitel 1 · 2 Repliken
- **Sie** — Kapitel II · 8 Repliken
- **Ich (auch: Ich an Iain)** — Kapitel II · 72 Repliken
- **Großmutter** — Kapitel III · 1 Replik
- **Großvater** — Kapitel III · 3 Repliken
- **Iain (auch: Nachricht von Iain)** — Kapitel V · 11 Repliken
- **Iain (Mail)** — Kapitel VI · 1 Replik
- **Mutter (auch: Ma (Erinnerung), Ma)** — Kapitel VI · 4 Repliken
- **Soldat** — Kapitel VIII · 8 Repliken
- **Richter** — Kapitel IX · 1 Replik
- **Verkäufer** — Kapitel XI · 7 Repliken
- **Mann in Schwarz** — Kapitel XII · 1 Replik
- **Frau im gelben Meer** — Kapitel XIII · 1 Replik
- **Sie (auch: Weibliche Stimme)** — Kapitel XIV · 43 Repliken
- **Er** — Kapitel XVI · 8 Repliken
- **Stimme an der Bar** — Kapitel XVI · 1 Replik
- **Nachricht** — Kapitel XX · 1 Replik
- **Türhüter** — Kapitel XX · 2 Repliken
- **DJ-Freund** — Kapitel XX · 1 Replik
- **Schwarzer Bruder** — Kapitel XXI · 14 Repliken
- **Wanderer** — Kapitel XXI · 9 Repliken
- **Sie (Mitte)** — Kapitel XXI · 1 Replik
- **Freundin rechts** — Kapitel XXI · 1 Replik
- **Freundin links** — Kapitel XXI · 1 Replik
- **Zu mir selbst** — Kapitel XXI · 1 Replik

*Farben der Rede im Browser: schwarz (System, Großvater, Iain, Iain (Mail), Richter, Mann in Schwarz, Sie, Ich, Türhüter, Schwarzer Bruder) · gold (Sie, Mutter, Nachricht, Wanderer, Zu mir selbst, Iain) · grau (Ich, Großmutter, Soldat, Er, Stimme an der Bar, DJ-Freund) · grün (Verkäufer) · gelb (Frau im gelben Meer) · lila (Sie (Mitte), Freundin rechts, Freundin links).*

## 1. Am See

*Wo die Gedanken treiben*

Hinausschauend auf einen kleinen See sah ich den schwarzen Enten beim Treiben zu.

> *Sie sind so viel kleiner als bei uns.*

Der leichte Wind von Osten sorgte für sanfte Wellenmuster auf dem See vor dem grauen Palast, in dem Botanik aus der ganzen Welt zu Hause war.

> *Vielleicht ein Zeichen, dass die Welt groß ist, aber doch irgendwie kleiner wird.*

Ein weiterer Gedanke streifte durch meinen Kopf.

Zurück zu den Sternen
zurück in die Weiten und Tiefen
unseres Seins

* * *

Die Scheiben des grauen Palasts waren beschlagen von der hohen Luftfeuchtigkeit im Inneren und der kühlen, einstelligen Temperatur des Äußeren. Das Grün der Pflanzen schimmerte nur in vagen Umrissen hindurch. Um mich herum war alles künstlich, künstlich schön. Die Sonne schien und wärmte mich durch den schwarzen Mantel, der im Stehen bis über meine Knie fiel. Neben mich setzte sich eine Gruppe Jugendlicher, oder vielleicht doch schon junger Erwachsener. Ich sah nicht mal auf. Sie sprachen eine Sprache, die ich kein bisschen verstand und auch nie verstehen werde. Links von mir redete eine alte Dame in lila-gelber Jacke, eine komplette Geschmacksverirrung aus meiner Sicht, auf ihr Enkelkind ein. Das Mädchen sprang gekonnt auf den Steinen am Wasser umher.

Eine Frage durchkreuzte mein Sinken in die Gedankenwelt:

> *Warum haben alte Menschen so viel Angst, dass etwas passiert? Wenn nichts passiert, leben wir dann überhaupt?*

Ein kleines Schmunzeln zog über mein Gesicht und ich versank weiter in meiner Welt.

Am Ende interessierte mich weder rechts noch links, ich nahm das athletisch begabte Mädchen und die Jungs neben mir nur am Rand meines peripheren Blickfeldes wahr, schenkte ihnen aber trotzdem die nötige Aufmerksamkeit. Der Großteil meiner Aufmerksamkeit richtete sich auf meinen Handy-Bildschirm.

**System:** Mail eingetroffen - Wichtigkeit: sehr hoch

* * *

Die Nachricht war vor zwei Minuten auf dem Bildschirm erschienen.

> *Ich spürte, es war Zeit, tief zu sinken. Ich war mal wieder froh über die speziellen Fähigkeiten meines Handys. Gerade jetzt sollte niemand wissen, wie viel oder mit wem ich kommuniziere.*

> *Statt aufzustehen und zur nächsten Metro-Station zu rennen, schloss ich meine Augen und genoss die Stille meiner eigenen Welt, die sich in mir öffnete, wenn ich meine Aufmerksamkeit nach innen richtete.*

## II. Farbe der Seele

Vor Jahren hatte ich eine Begegnung, welche mit einer Frage begann und im leeren Raum endete. Die Frage brachte mich erstaunlich lange zum Nachdenken, bevor ich eine Antwort gab.

> *Die Antwort war mir intuitiv sofort klar.*

Ich hatte meine Augen nur kurz geschlossen gehabt - *Alles war wie immer in meiner inneren Welt* - und sah nach kurzem Schweifen meines Blickes eine graue Gestalt. Die Umrisse waren verschwommen. Ich konnte sehen, ohne etwas zu erkennen. Ich kannte die Welt vor meinem inneren Auge nicht anders.

Ich habe, zugegeben, auch nicht wirklich nachgedacht, ich wollte nur kurz in meiner Welt versinken und dieser Prozess braucht nun mal etwas Zeit. Erst als Sie erneut fragte:

**Sie:** Und? Als welche Farbe würdest du dich beschreiben?

und klarstellte:

**Sie:** Und ich meine nicht deine Lieblingsfarbe.

sagte ich in stoischem Ton:

**Ich:** Grau. Es war so, es ist so und es wird immer so sein.

Sie zeigte mir Wochen später nach Vertrauensaufbau, durch stundenlangen Austausch von Erfahrungen, bei einem platonischen Treffen in ihrer kleinen Kellerwohnung, ein kleines Buch, in dem sie in teils winziger, aber durchaus schöner Handschrift hunderte, wenn nicht tausende Male denselben, ungefähr zweihundert Worte langen Text geschrieben hatte. Sie schrieb ihn jede Nacht, wirklich jede. Keine Seite hatte auch nur einen Quadratzentimeter Platz. Jede Ecke, jeder gelassene Absatz, jeder leere Raum wurde von ihr genutzt, um ihn mit diesem Text zu füllen. Es war eine schauerlich schöne Ansicht. Sie gab das Buch nicht aus ihrer Hand. Sie blätterte nur einen langen Augenblick vor mir in ihrem, für sie eindeutig persönlich wertvollen, Buch herum. Sie gab mir nie die Chance, auch nicht auf Nachfrage, den Text, den sie jede Nacht niederschrieb, zu lesen.

> *Vielleicht spürte sie, dass ich noch nicht bereit war.*

Eins wusste ich seit jener Nacht, in der ihr Buch in meine Welt fiel - 
egal wie grau-sam die Welt, eine gute Seele verliert ihre Farbe nie.

Sie verriet mir ihre Antwort auf die Frage Wochen zuvor, ihre Seelenfarbe war nicht schwarz oder weiß. Auch nicht grau. Mit der Vision ihres Buches vorbeirauschend am inneren Auge tauchte ich wieder auf und schaute zum dritten Mal auf die Nachricht, die immer noch auf meinem Handy-Bildschirm aufblinkte.

Meine Intuition sagte mir:

> *du brauchst sie nicht öffnen. Du kennst ihren Inhalt, du kennst die Zeilen.*

Ich öffnete sie trotzdem. Ich schaute auf meinen grauen Bildschirm und ließ die Nachricht langsam an mir vorbeiziehen.

An jeder Kreuzung steht Sie
Nicht immer gehst du ihren Weg
Und geht Sie nicht mit dir
Komm ich aus der Dunkelheit
Aus dem Schutz des finsteren Waldes
Ich zieh' Sie von dir
Von dir in die Tiefen
Dunkler als die Nacht
Sie sieht deinen Traum
Versteht nicht was du meinst
Geb' Acht - Ich bin nicht dein Freund
Doch warte im leeren Raum
Treffen um halb acht

* * *

Als die letzte Zeile in meine Tiefe gefallen war, fühlte ich eine Leere in mir.

> *Sie erschien mir blau-grau mit körnigem Hintergrund in dunkler grau-grüner Farbe. Irgendwie ruhiges Chaos, irgendwie stürmische Ruhe. Wenn diese Leere, die ich fühlte, irgendwie beschrieben werden konnte, dann so.*

## III. Schöne Erinnerung

Es dauerte nicht lange und die Leere füllte sich wieder. Ich hatte noch keine Lust wieder aufzutauchen und verweilte in meinem Grau. Die Nachricht musste tiefer in mir aufsteigen zu den grauen Landschaften meines Seins. Zum Gipfel sinken und ins Tal hinaufsteigen. Auf einmal dachte ich an meinen Großvater.

Ich erinnere mich an wenig, was mein Großvater mir erzählte, dafür starb er zu früh an den Folgen der Bergarbeit. Großmutter meinte, dass er immer sagte: *„Die Arbeit hat meine Lunge und Seele zur Farbe der Berge gefärbt.“*

**Großmutter:** Recht mag er haben, warum weiß nur er.

An ein paar Zeilen von ihm, gerichtet an mich, vermag ich mich aber sehr gut zu erinnern. Er muss es mir am zweiten Weihnachtsabend nicht weit vor meinem vierten Geburtstag erzählt haben. Ich träumte oft davon, manchmal auch heute noch. Er saß in seinem schlichten Holzsessel mit minimaler Polsterung, weswegen dort immer mindestens drei karierte, zusammengelegte Wolldecken lagen. Ich saß auf seinem Schoß und er wippte mich mit geschmeidiger Bewegung seines rechten Oberschenkels. Er schaute auf den Weihnachtsbaum, an dem ungefähr zwanzig echte Kerzen, dreiviertel abgebrannt, warmes gold-gelbes Licht in den Raum warfen. Er begann gerade sein zweites Glas Wein des Abends zu schlürfen. Der Rest der Familie hatte sich vor einigen Minuten wegen Problemen mit dem Gasofen in der Küche zum Krisenstab versammelt. Ich war alleine mit ihm im Wohnzimmer. Plötzlich sagte er:

*[Bild: Weihnachtsbaum]*

**Großvater:** Hör mir zu.

* * *

Ich schaute ihn an und wir blickten uns einen ewigen Augenblick tief in die Augen, bevor er begann zu sprechen. Ich hatte aufgehört mit meinen zwei Holzbausteinen in meinen Händen zu spielen und war gespannt, was jetzt kommen würde.

**Großvater:** Die Leute denken Schwarz ist der Tod und der Schrecken - Weiß das Licht und das Gute - Und die Grüne Natur bringt die Farbe.

Er machte eine längere Pause.

* * *

**Großvater:** Ich sage dir aber - Egal wie dunkel und tief die schwarze Finsternis erscheint, in ihrer Tiefe ist sie Grau - Egal wie hell und grell das weiße Licht, in der Höhe ist es Grau - Egal wie farbenfroh die Natur - schöne Gewalt bringt auch ihre Muster wieder ins Grau, hier und da mit buntem Saum.

In deinen Augen sehe ich das Schöne im Grausamen. Das Schönste, das ich je gesehen habe.

Wenn meine Zeit gekommen ist, ist mein Seelenstrudel dein'.

Wir schauten uns immer noch tief in die Augen, als er fertig war. Ich nahm intuitiv meinen rechten Zeigefinger und hielt ihn empor, Bausteine in der Linken. Er setzte sein Glas auf dem Fenstersims ab und machte mit seinem rechten Zeigefinger, ausgestreckt Richtung Himmel, eine fließende Bewegung nach Unten und ließ dabei langsam seinen Arm an der Stuhllehne vorbei sinken, bis der Finger vollständig Richtung Unten, dem Boden, zeigte.

So muss es passiert sein, denn ich sah es immer und immer wieder in meinen Träumen. Wie oft ich aufwachte, als sein Arm an der Lehne vorbeigesunken war. Er starb wenige Monate später kurz vor meinem Geburtstag.

> *Ich verspürte keine Trauer, sein Tod war mir gleichgültig. Ich wusste, er ist immer noch bei mir.*

Ich war er, er war ich,
und doch sind wir beide
so viel mehr.

So war es, so ist es,
so wird es immer sein.

## IV. Die Melodie ertönt

Ich war tief genug gesunken. Ich öffnete langsam wieder meine Augen. Aus Grau wurde wieder ein blaugrauer See mit gläsernem Botanik-Palast mit beschlagenen Scheiben zur Rechten und mittlerweile verlassenen Steinen zur Linken. Ich blickte auf und schaute in die Ferne, über eine steinerne Brücke hinweg auf einen kleinen Hügel dahinter. Die Bäume ein mattes Rot, hier und da ein paar mattgrüne oder gelbe - es war ja schließlich auch Winter. Ich schaute weiter rauf in den Himmel, ein helles Graublau.

> *Irgendwas schien komisch.*

Ich drehte mich um. Die Sonne schien noch immer in vollem Glanze, wie sie es tat, als ich in den Park gekommen war, keine einzige Wolke am Himmel. Ich drehte mich wieder Richtung Hügel.

> *Irgendwas war sehr wohl komisch.*

Ich starrte wieder hinauf in den wolkenlosen Himmel. Minuten lang. Es waren die Farben. Sie waren alle matt und grau.

* * *

> *Nicht sicher, ob ich zurück in der Realität der äußeren Welt war oder noch in meiner grauen Inneren.*

Ich schloss meine Augen erneut. Alles wieder ein stumpfes Grau. Ich schüttelte meinen Kopf und chaotische Muster in Grautönen flossen in meine Welt. Nach einer kurzen Weile öffnete ich meine Augen neu. Und die Farben? ..wieder prachtvoll strahlend, ja die Farben, nicht mehr matt, nicht mehr mit diesen grauen Tiefen und Schlieren.

Das Handy war noch immer in meinen Händen. Als ich auf den schwarzen Bildschirm schaute und den Knopf an der Seite mit meinem Daumen drückte, erschien keine Nachricht auf meinem Sperrbildschirm. Ich gab meinen zehnstelligen Code ein. Aus Zahlen sowie arabischen und kyrillischen Schriftzeichen und am Ende eins von persönlichem Wert aus der Sprache des Nordens.

> *Es erinnerte mich an einen Tannenbaum, mit einem kleinen Knick am rechten unteren Rand.*

Danach kamen der Fingerabdruck und noch ein Iris-Scan.

> *Verwundert, dass keine neue Textnachricht auf einer meiner zwei Prepaid-SIM-Karten oder den vier eSIM-Karten zu finden war, öffnete ich mein Mail-Fach. Es war noch tief in der Nacht im Hauptbüro, es sollten keine Nachrichten eingetroffen sein, mein Auftrag war klar.*

Der Ladevorgang, über eine Vielzahl von Satelliten, Privat-Servern und eine geschickte Verknüpfung verschiedener Netzwerke im Ladeprozess - ein wahres Iain Cyber-Labyrinth - brauchte seine Zeit.

Ich schaute nochmal auf das Wasser vor mir, dann den Hügel hinauf, dann in den wolkenlosen Himmel - die Farben strahlend.

> *Ich war in der Realität.*

Ich schwenkte den Blick zurück auf den Bildschirm und sah genau eine neue Nachricht.

* * *

**Eingang:** Betreff - Planänderung // Es geht auf Jagd - vor 2 Minuten eingetroffen.

## V. Tee im Smog

Ich liebte die Jagd. Sie erfüllte mein Sein und im Gegensatz zu den meisten anderen Jagdpraktiken war unser Ziel nicht, unsere Beute zu töten oder zu schwächen. Oft war sie zu finden und auszukundschaften nutzlos. Es war keine klassische Jagd und die angewendeten Methoden waren unsere. Unsere Beute tarnte sich nicht mit natürlicher Camouflage in den Mustern ihrer Umgebung. Sie tarnte sich mit Ungewissheit und Vielfältigkeit im Chaos der modernen Welt. Oft zu finden, aber nie zu greifen.

> *Der Staat, der die Ordnung liebt und das Chaos hasst, stempelt unsere Beute meist als unbedeutend ab, hier und da auch als das Böse.*

Sicher fragt ihr euch, was wir mit unserer Beute anstellten, wenn wir sie mal an der Angel hatten. Mein Chef, der gleichzeitig mein engster Vertrauter und Jagdkamerad in der virtuellen Cyberwelt war, sagte beim letzten persönlichen Treffen an einem Chai-Stand in der Nähe des Flughafens von Neu-Delhi etwas, das bis heute in mir hallt. Ich hatte Iain nur zweimal in meinem Leben persönlich getroffen und ich habe meine Zweifel, ob es sein richtiger Name ist.

> *Woran ich nie zweifelte, war sein gutes Herz.*

Das letzte Treffen mit ihm hatte nicht gerade schön begonnen. Die Jagd war erfolglos, wir wurden ausgespielt - *komplett verarscht* - und am Ende wurde ich fast noch „hopsgenommen“. Man könnte auch sagen, man wollte mich loswerden, als ich einen meiner Kontakte in Rishikesh aufsuchte, in einer Seitengasse zwischen einem Hindu-Tempel, Yogaresort und mit Blick auf die atemberaubenden Sandstrände des Ganges. Der heilige Fluss, der hoch oben dem Gangotri-Gletscher im Himalaya entspringt und sich nach unten in den Dschungel schlängelt, und dabei Rishikesh rechts liegen lässt, bevor er sich Richtung Osten aufmacht.

> *Zum Glück ist der Fluss so nah an seiner Quelle noch nicht komplett verdreckt.*

In besagter Seitengasse war ich gerade im Austausch mit einem Instrumentenbauer, er baute komisch aussehende Gitarren, Sitars. Die Sitar hatte Dutzende Saiten und sah wie eine überkomplexe, klobige Akustik-Gitarre aus. Von meinen vier vorangegangenen Besuchen wusste ich, dass nicht alle Saiten bespielt wurden und die Mehrzahl der Saiten zur Resonanz dienten.

> *Faszinierendes Instrument.*

Und ich schaute eine besonders abgegriffene, in der Ecke stehende Sitar an, während ich dem Instrumentenbauer zuhörte, wie er seine Beobachtungen der letzten Tage schilderte, und mich plötzlich eine innere Intuition überkam. Mein Bauch krampfte und ich wusste, ich musste fliehen. Ich ging langsam Richtung Fenster und spätestens als ich unten die Tür knarzen hörte, wusste ich, es gab nur einen Ausweg. Meine Intuition rettete mich und natürlich der Sprung in den reißenden Ganges. In dem ich fast ertrank, war es wieder meine Intuition und natürlich das Raft-Schlauchboot, voll mit reichen Indern aus Mumbai, das mich rettete.

> *Tourismus ist irgendwo ja auch eine Form des Pilgerns.*

Wie ich zurück nach Delhi kam? Durch den Dschungel, dann über und durch die Vorläufer des Himalayas, mehr oder weniger, als Anhalter in überfüllten Jeeps, überladenen LKWs und auf dem Rücksitz eines alten ikonischen Motorrads, dessen Namen der junge Fahrer mir enthusiastisch einzubläuen versuchte. Ich hatte mit Absicht nicht den direkten Weg nach Delhi zurückgenommen, um meine Spuren zu verwischen. Am Ende meiner Motorradfahrt war mir schlecht nach den ganzen Kurven der Gebirgsstraßen und ich war mit großen Umwegen in Mussoorie angekommen. Ich drückte dem Fahrer ein paar Scheine in die Hand, für die Fahrt und um mir einen letzten Gefallen zu schenken: Ein Taxi bestellen, das mich nach Delhi bringt.

Der Fahrer des Taxis war zum Glück die ganzen siebeneinhalb Stunden schweigsam und ließ mich drei Kilometer vor dem Flughafen am Straßenrand aussteigen - wir waren stecken geblieben im absolut verrückten Feierabendverkehr von Delhi. Ich wurde auf dem Weg an den Straßenrand nur siebenmal angehupt und dreimal knapp überfahren, als mich eine Hand wie aus dem Nichts an eine Thela heranzog, einen einfachen Holzkarren mit improvisiertem Dach aus blauer Plastikfolie. Es war ein kleiner Chai-Stand, der auch etwas Gemüse verkaufte. Es gab unzählige dieser Karren in Delhi. Und plötzlich stand ich vor ihm. Er war ganz in Schwarz gekleidet. Schwarze Sneaker, schwarze Hose, schwarzer Hoodie, schwarze Cap tief ins Gesicht gezogen, schwarze Atemmaske, es waren nur seine Augen zu sehen.

* * *

Perplex sagte ich, nach einem ewig erscheinenden Augenblick, in welchem ich mich versicherte, dass wirklich gerade Iain vor mir stand:

**Ich:** Was zum Gott verdammten Fick. Ich bin fast umgekommen. Ich will diesen Jagd-Scheiß hinter mir lassen. Meine Jagd wird immer mehr zur Flucht.

**Iain:** Du kannst mich und die Jagd nicht hinter dir lassen. Unsere Muster werden in die Ewigkeit hallen. Was glaubst du, wie ich dich gefunden habe?! Weißt du, warum wir diesen Scheiß hier machen?

Ein Moment der Leere wiegte zwischen uns, in dem wir beide in die Tiefe der anderen Seele schauten durch das Tor der Augen, bevor er fortsetzte:

**Iain:** Wir jagen scheinbar böse Menschen, weil die nötige Aufgabe, Gleichgewicht in die Welt zu bringen, eine undankbare ist.

Ich schaute immer noch in die Leere und er sprach weiter.

**Iain:** Ich kann es auch schöner ausdrücken, damit es bei dir ankommt. Wir suchen Sterne, weil der Himmel für das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse nicht ausreicht.

Immer noch mit Blick in den leeren Raum hinter seinen Augen, in welchem sich der Fluss einer Person aus der Vergangenheit durch die Gegenwart in die Zukunft spiegelt, senkte ich meinen Kopf leicht ab und schloss dabei kurz meine Augen, um Iain meine Zustimmung zu symbolisieren.

> *Es war zu tief, um passende Worte zu finden.*

Iain griff in seine Hosentasche und drückte mir ein kleines graues Päckchen in die rechte Hand. Dabei sprach er leise:

**Iain:** Manchmal ruht der Fluss in der Finsternis, aber er steht niemals still.

Es kam aus meiner Tiefe, ich antwortete behutsam:

**Ich:** Also ist die Finsternis ein Freund unserer Jagd?! Unsere Schatten haben sich scheinbar aus gutem Grund in der Tiefe getroffen.

Mit unserer Hand leicht nach oben gerichtet schlugen wir ein, zogen uns gegenseitig näher und hielten in der Umarmung, mit gesenkten Köpfen, kurz inne. Dann gingen wir in gegensätzliche Richtung, aber beide durch den Dreck und Smog des schön chaotischen Delhis.

## VI. Angeln

Mit meiner Aufmerksamkeit wieder auf die Mail von Iain gerichtet, welche vor drei Minuten eingetroffen war, öffnete ich ihren Inhalt. In der Mail stand ein einziger Satz.

**Iain (Mail):** Folge der Melodie, du kannst sie hören.

> *Noch hörte ich gar nichts, vielleicht war meine Frequenz noch nicht richtig eingestellt.*

Iain muss ein Signal oder Muster aufgegriffen haben und ich vertraute ihm. Ich stand auf und schaute auf die Muster des Steins, auf dem ich eine sehr lange Weile gesessen hatte, und machte mich dann auf den Weg zurück Richtung Metro-Station. Keine dreißig Meter gegangen, Richtung der Brücke, auf die ich vorher noch starrte, und ein Mädchen kam mir entgegen. Ihr kleiner Bruder war direkt hinter ihr an der Hand seines Vaters. Das Mädchen hatte einen leichten Schritt, ein strahlendes Lächeln und einen kleinen blauen Lautsprecher um den Hals baumelnd.

> *Ein Lautsprecher?!*

Ich spitzte meine Ohren und hörte. Nach ein paar Sekunden realisierte ich, dass sie dabei war, Englisch zu lernen. Aus ihrem Lautsprecher erklang ein mythologisches Epos, ein Fantasy-Meisterwerk der chinesischen Literatur. Ich schärfte meine Aufmerksamkeit.

Sun Wukong, „equal to heaven“, wurde gerade von Buddha Shakyamuni bezwungen. Oder man sollte eher sagen, Sun Wukong wurde getäuscht. Statt aus der Hand an das Ende des Kosmos zu springen mit seinem Himmelssalto, endet sein Sprung an den Fingerspitzen des Buddhas. Allerdings konnte keine der Gottheiten im Himmel dem steinernen Affen auch nur ein Haar krümmen, geschweige denn dem Affen das Leben aushauchen. Egal ob mit Gewalt von Waffen, der Elemente oder mit Gift. Stattdessen sperrt der Buddha ihn in den Berg der fünf Elemente, wo der Affe mit geschmolzenem Metall gefüttert wird und in der Tiefe des Berges auf seine Erlösung warten muss.

> *Ich erinnerte mich, meine Ma hatte mir zum Einschlafen immer aus ihrem Lieblingsbuch gelesen. Daher liebte ich das Buch auch. Außerdem hat es mir viele Lebensweisheiten mit auf den Weg gegeben.*

Das Meisterwerk - eine alte Pilgerreise von einem einfachen Mönch mit seinen mythischen Begleitern, vom Osten in den Westen und zurück, auf der Suche nach heiligen Schriften. Eine Geschichte von kosmischer Wichtigkeit.

In Gedanken versunken, sah ich meine Mutter neben mir am Bett sitzen, ihre Kette mit Kreuz in der linken, eine Turritella in der rechten Hand. Sie erzählte mir oft, für was sie standen.

Das Kreuz für die Opfer, die wir bringen
Und den Schmerz
Den wir bis zur Blüte des Schönen auf unseren Schultern tragen
Die siebenfach spiralförmig gewundene Muschel für die Kreise
Die wir drehen und so das Obere nach unten und das Untere nach oben tragen

Bevor sie mein Zimmer verließ und die Tür bis auf einen kleinen Spalt heranzog, sagte sie für gewöhnlich:

**Mutter:** Außer am Ende und Anfang der Wirklichkeit geht es immer um Gleichgewicht.

Auf eine kleine Karte hatte sie mir geschrieben:

Ich bin immer da,
wenn du mich brauchst.
Egal ob hart oder weich,
arm oder reich,
für mich bleibst du immer meins.
So bleibst du ganz deins.

Finde eine, die ein großes Herz hat,
mit dir Träume teilt
und dabei ihren Fluss mit deinem eint.

Dann plötzlich wechselte die Szenerie und ich ging mit ihr auf eine große Holztür mit schönen mittelalterlichen Verzierungen zu. Es war die Tür unserer Stadtbibliothek. Ich schenkte den Verzierungen meine Aufmerksamkeit, bis sie verschwammen, und öffnete meine Augen, ließ meinen Blick über die Wiese hinter mir schweifen, erblickte das Mädchen mit dem Lautsprecher um den Hals, sprach ein kleines Gebet in meine rechte Hand, oder eher eine kleine Danksagung:

Wir sehen uns wieder im Ganzen
Denn ich danke dir
Du weißt nicht für was, aber ich trage die Erinnerung in mir
Unsere Schatten tanzen
Und du nimmst mich mit
Auf einer Reise ins Gleichgewicht

... und warf ihr die Worte mit einer geschmeidigen Bewegung zu. Ich blickte in den Himmel, dann auf den Boden und wusste:

> *Die Jagd hat begonnen. Der Damm ist gebrochen, die Welle nicht zu stoppen.*

## VII. Das gelbe Meer

Mit schnellem Schritt trieb es mich durch die Menschenmenge, die sich durch den Park drückte. Meine Sicht war leicht verschwommen, doch ich fand meinen Weg, ohne nachdenken zu müssen, ohne mich aktiv zu orientieren. Ich stieg in die Linie 7, stellte mich an die Tür, mit Blick aus dem Fenster, und fuhr durch den Untergrund, vierzig Minuten, ganz in den Süden der Stadt. Aus dem Untergrund in den Sonnenschein zurück, der sich an den tausenden Scheiben der Glasfassaden zu einem Strahlen-Mosaik brach, welches am Ende auf graue Straßen klatschte - ein grau-gelbes Großstadtmeer.

Die dunkelgrüne Cap tief ins Gesicht gezogen, lief ich ostwärts für drei Blocks und bog in eine Nebenstraße ein. In der Ferne sah ich es, ein gelbes Schild mit schwarzer Schrift am unteren Rand und einem kalligraphischen Schriftzeichen in der Mitte. Es war ein Restaurant, nicht irgendeins, der beste Kebab der Stadt, zumindest nach Aussage eines Straßenkünstlers, der traurig-bunte, sehr abstrakte Ölgemälde malte und im winzigen Hinterzimmer seines Studios bis zur Decke stapelte. Er brachte seine nie endenden Träume von gestürzten Seiltänzern des modernen Liebesdramas auf Leinwand. Zwar mit bunter Farbe, aber in dunkelgrauen Formen und Gestalten.

Nach meinem Besuch im „gelben Meer" vor wenigen Tagen war auch ich überzeugt davon, dass es keinen besseren Laden in der Stadt geben kann.

> *Frisches Lammfleisch am Spieß über spezieller Quittenbaum-Kohle aus dem Norden des Landes, zubereitet in einer halb überdachten Feuerstelle aus hellen, sandgelben Schamottziegeln, ist einfach nicht zu schlagen.*

Die Küche mit drei in Schwarz gekleideten Köchen war durch eine große Glasfront auf der rechten Seite komplett einsehbar. Die drei Köche trugen schwarze Bandanas mit einem einzigen hauchdünnen gelben Strich in der Mitte und wuselten im - eindeutig - koordinierten Chaos durch die Hitze des Ziegelofens. Ich stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite und blickte jetzt durch die große Fensterfront links vom Eingang. Ich schaute in einen großen Raum, an die zwanzig Tische aus dunklem Holz, umrundet von couch-artigen Bänken mit ockerfarbenen Stoffbezügen. Das Besondere war, dass die Tische, die Sitzgelegenheiten, die Kerzenständer an den Wänden und über den Gästen, wie der Raum und seine Wände keine Ecken aufwiesen. Keine einzige Ecke, und je länger ich hinein starrte, desto mehr begann der Raum sich zu bewegen. Scheinbare Wellen flossen von den Lichtquellen über die Tische und verschwanden im hölzernen Boden. Der Raum wirkte wie ein gelb-braunes Meer bei seichtem Wind.

Fast versunken im gelben Meer, tauchte ich wieder auf und lenkte meine Aufmerksamkeit auf die Muster der gewebten, eng am Kopf anliegenden, bunten kleinen Mützen, getragen von den Kellnern, gekleidet in khakifarbenen, fast knielangen Shirts mit schwarzen Hosen und Schuhen. Laut meinen Recherchen am Handy auf der Fahrt mit der Linie 7 war der Name für die kleinen Mützen - Doppa - eine traditionelle Kopfbedeckung jener Gegenden. Ich erkannte einen der Kellner wieder. Er war wie vor wenigen Tagen im Dienst und lief mit geschmeidigem Schritt und vollem Tablett mit leeren Tellern und Gläsern zur mindestens fünf Meter langen Essenstheke aus mattschwarzem Stein. So wurde die Küche direkt mit dem Hauptraum des Restaurants verbunden und der unterschwellige Geruch von verbrannter Quitten-Kohle komplettierte die Atmosphäre des Restaurants zur nahenden Perfektion.

Langsam zog ich meinen Blick zurück aus dem Inneren des gelben Meeres und richtete meine Aufmerksamkeit auf die Eingangstür. Die Tür hatte sieben gewellte, horizontale Silber-Streifen auf eloxiertem, mattgrauem Aluminium, von ganz unten sich nach oben schlängelnd, auf unterschiedlicher Höhe endend, mit leichten Schnörkeln. Ohne weiteres Nachdenken öffnete ich die schwere Türe und stand im kleinen Eingangsbereich, der vom Hauptraum durch eine Tür aus Milchglas abgetrennt war. Der Vorraum war komplett mit dunklem Holz ausgekleidet, auch der Boden, nur die linke Wand war aus ockerfarbenem Lehm und ich starrte sie an. Mit geschwungener Schrift, ganz in Schwarz, stand dort etwas in einer fernen Sprache. Der Übersetzer meines Telefons spuckte Folgendes aus, auf der Fahrt mit der Linie 7, anhand des Fotos, welches ich beim ersten Besuch gemacht hatte:

Auf gelber See in großer Not
Im Kahn aus süßem Holz
Zieht der Geruch von schwarzer Kohle durch den Tod
Und macht uns, unsere Vorfahren, unsere Kinder stolz

Ich starrte immer noch auf die Wand und ließ die kalligraphischen Schriftzeichen tief sinken.

> *Sie hatten eine nicht greifbare Eleganz, als hätte sie der Wind gemalt.*

Siebenmal flüsterte ich die Zeilen leise mir selber zu, dann drehte ich mich Richtung Glastür und ging hindurch. Er stand vor mir, nickte kurz und machte eine klare Handgeste, ihm zu folgen. Ich folgte und betrachtete dabei das Muster seiner Doppa.

> *Erst dachte ich, das eingewebte gelb-weiße Muster auf dunkelbraunem Hintergrund sollte einen Schmetterling darstellen, jedoch waren die Flügel nicht geschwungen. Sie richteten sich vom Kopf, nach außen abgehend, gerade nach hinten. Die Form beider Flügel wirkte eher wie ein umgekehrtes Herz und nicht wie geschwungene Schmetterlingsflügel.*

Ich folgte ihm in die hintere rechte Ecke des Raumes an einen kleinen Tisch mit zwei Stühlen und wenig einfallendem Licht. Er zog den Richtung Fenster gerichteten Stuhl zurück und nahm mir meinen Mantel ab. Ich setzte mich und wollte dem Kellner gerade mitteilen, dass ich gern einen weißen Tee mit einer Jujube hätte, wie beim letzten Mal, er war jedoch bereits drei Meter weiter an der Garderobe am Mantelaufhängen. Ich drehte meinen Kopf zurück Richtung Küchentheke und folgte mit Interesse dem Handeln der Kellner und Köche im gelben Meer.

Plötzlich eine Stimme ganz in meiner Nähe:

**Sie:** Schön, dich wieder auf See zu sehen. Lange genug hat dein Sturm geruht.

Ich drehte mich ganz Richtung Fensterfront und damit der mir am Tisch gegenübersitzenden Person entgegen. Ihr sanftes Gesicht kaum zu sehen, abgewendet von jeder Lichtquelle, ihre Haare wirkten im goldenen Schimmer des Raumes vanillegelb und an ihren gefalteten Händen, die auf dem Tisch lagen, waren außer langen weißen Fingernägeln drei Ringe an der rechten Hand zu sehen und vier an der Linken. Ich konnte nur die drei Ringe an der rechten Hand vollständig sehen. Am Mittelfinger waren zwei dünne Silber-Ringe zu sehen, die durch einen winzigen goldenen Stein in ihrer Mitte zu einem Ring verschmolzen. Der Ring am Zeigefinger muss schon einiges durchgemacht haben, der Bronzering hatte viel schwarze Patina, was den sich um den Finger schlängelnden Drachen noch mythischer wirken ließ. Am Ringfinger war ein einfacher Silber-Ring zu sehen mit einer Gravur mit geschwungenen Schriftzeichen, die ich leider nicht entziffern konnte, egal wie viel Licht auf sie scheinen würde. Ich sammelte mein Selbst und ließ ihren Satz in mir hallen. Dann antwortete ich:

**Ich:** Ich bin immer auf See, nur ohne Sturm kann ich niemanden finden und niemand findet mich. Ich folge dem Fluss meiner Intuition, der aus seiner Mitte strömt. Was ich mich frage, ist, warum ich dir hier begegne.

Sie zuckte leicht mit ihren Schultern, ihre Mundwinkel zogen sich leicht nach oben, genau wie ihre Augenbrauen.

**Sie:** Ich glaube an dich, weil du mir deinen Glauben geschenkt hast. Du hast deinen Glauben zwischen uns sterben lassen, damit er in mir Leben sät. So führe ich jetzt mit mir deine Armee der Totgeglaubten. Der Tod ist nur ein Schatten von allem, das gelebt wurde. Du wirst sagen ‚Nur? Nur ein Schatten?!'. Ich sage ja. Sie entspringen dem Licht und haben trotzdem Macht über ihren Schöpfer. Die Schöpfung des Lichts malt mit ihnen. Schatten sind alles, was wir sehen, alles, was wir sind, und doch ist das Licht so viel mehr.

Eine längere Pause entstand und sie nahm zwei Schlucke aus ihrem Weinglas, bevor ich einsetzte.

**Ich:** Der Fluss des Ganzen entscheidet, wann gestorbener Glaube in den Tiefen neues Leben sät. Es ist ein Segen, dass du sie führen kannst. Du scheinst der undankbaren Aufgabe, der Schaffung von Gleichgewicht, gerecht zu werden. Das, was ich in großen Stürmen am meisten brauche.

> *Mit den Erfahrungen der Zeit hatte ich gelernt, bei diesen Treffen das Denken einzustellen und von einem anderen Ort in mir zu sprechen. Ein Ort, aus dem wir entspringen und uns zum Schatten macht.*

**Sie:** Wir werden an deiner Seite stehen. Die Totgeglaubten standen schon immer im Sturm des Lebens. Wie Steine auf dem Tisch, vier Blocks von hier, wo das Licht erst spät erlischt.

> *Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach - 'Steine auf dem Tisch...'. Doch ich spürte - ich war, wo ich sein sollte.*

**Ich:** Schön zu hören, dass man nicht allein auf See ist. Ich folge einer Melodie, hörst du sie auch?

**Sie:** Welche Melodie? Ich höre nur dich.

Ich nickte und sie setzte fort.

**Sie:** Und jetzt zum geschäftlichen Teil, damit du im Sturm gut gewappnet bist, auch wenn wir mal nicht bei dir sind. Sie wird in der Innentasche stecken. Klein, leicht, ein loses Eisen, wenn du verstehst, nicht sehr langwierig, aber effektiv, sicher ein halbes Dutzend, mit viel Glück ein Ganzes. Alles verstanden, brauchst du noch etwas?

Erst nickte ich leicht, dann schob ich meine ausgestreckte rechte Hand von links nach rechts und schüttelte dabei leicht mit meinem Kopf, um zu symbolisieren, dass alles verstanden wurde und nichts mehr gebraucht wird. Dann sagte ich:

**Ich:** Lass uns Essen bestellen und das gelbe Meer genießen.

Sie winkte einen Kellner herbei und antwortete:

**Sie:** Bevor der Sturm aufzieht.
