# Aus dem Riss — Geschichte (4/4) · Kapitel 18–21

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## XVIII. Gewaltige Aufmerksamkeit

**Weibliche Stimme:** Ich sehe, du hast bereits akzeptiert, oder warum regt sich nichts in deinem Fenster zur Seele? Riechst du das? Du warst lang genug dir selbst überlassen.

**Ich:** Kannst du mich bitte den Zahlen überlassen?

**Weibliche Stimme:** Du willst, dass ich dich dem Zufall überlasse?! Er ist in Zahlen zu Hause. Wo liegt da der Wert?

**Ich:** Eine Zahl hat keinen Wert. Eine bloße Form - völlig leer - ihre scheinbare Fülle kommt durch nicht sichtbare Fäden, die die Zahl in ihrer Form halten. Von der einen Zahl zur nächsten, es werden mehr, es werden viele, unendlich viele. Und doch versinken sie alle in der kreisenden Null, und zählt man sie zusammen, vereinen sie sich zu etwas Ganzem auf dem Meer der Leere.

**Weibliche Stimme:** Du willst in die Unendlichkeit?

**Ich:** Ich bin, daher wäre dieser Wunsch absurd. Aber spürst du nicht die Wellen, die ewige Flut kehrt zurück. Ich mach mein Herz zum Felsen und lass sie an meiner Liebe zerbrechen.

**Weibliche Stimme:** Es stimmt, die Wellen sind zu spüren. Die Flut kommt. Wenn du aus tiefem Herzen sprichst, aber deine Liebe nicht mehr antwortet, dann spricht...?

**Ich:** Erstaunlich aufmerksam bist du. Du sprichst bereits von diesem Ort.

**Weibliche Stimme:** Oh, du sagst, ich kann nur lieben was auch ist?

**Ich:** Liebe ist nur in Erfahrung zu finden, nicht in deinem Herzen. Dort verweilt ein anderer Geist, und er will sehen und nichts fühlen. Du musst ihren goldenen Schweif sehen, gib ihr ein Zuhause in deiner Welt, um sie dann wieder in ihre zu schicken, dann spiegelt Erfahrung ein Goldenes in ihrem Namen - auf ewig zu fühlen.

**Weibliche Stimme:** Ich werde davon träumen.

**Ich:** Lebe deine Träume nicht. Zu viele leben weiter im Meer aus gebrochenen Träumen. Dabei müssten sie sich nur fallen lassen und sinken. Doch sie haben Angst, dass intuitive Wahrheit ihre rationale Logik überschreibt. Und Aufmerksamkeit schreibt man nicht, man schenkt sie, dem fließenden Kontext der Wirklichkeit, wie dem leeren, doch pulsierenden Raum der Träume. Wir sind Schmelztiegel des Seins, auf einer Brücke zwischen Eis und wirbelnder Blüte, wir tragen Nichts in die Höhe, um Alles zu erleben, geladen mit Chaos, zur erfüllenden Blüte, so wird man Nichts und ist Alles - ein ewiger Zeitfalter, wenn du verstehst.

**Weibliche Stimme:** Wie komme ich auf einen Pfad wie deinen?! Ich will meine Zeit auch falten lernen.

**Ich:** Ich folge einem jungen Pfad. Er hat Potenzial, ein Bett zu werden. Habe eine Geburt vollzogen und ihn aus meinem Feuer entsandt. Ich stand in Flammen und mein Geist zerfiel zu Asche. Endlich ganz allein im schwarzen Nichts. Aufmerksam schauend in die Leere - einfach nichts. Hier - ganz unten - will niemand dein Geschenk, aber du siehst ganz oben. Dein Herz zieht sich zusammen, bis es fast zerbricht - so schenk den letzten Tropfen Liebe deinem Selbst und starre aufmerksam ins Leere - bis das Selbst Du bist.

**Weibliche Stimme:** Ich kenne das schwarze Nichts, ich meine zu glauben, ihm in meinen Träumen über die letzten Wochen begegnet zu sein. Dort werde Ich, Ich?!

**Ich:** Was meinst du, du kennst es?! Hast du eine Ahnung von der Tiefe der menschlichen Ebene? Du musst was erfahren haben. Zu mir kommen die, die sich nicht vorstellen können zu laufen, deshalb fliegen sie. Die, die nachts mystische Bücher füllen, weil die Gewalt im Familiendrama sie viel zu früh erwachsen machte. Die, die sich von schwarzen Seelen in weiße Ketten haben legen lassen. Die, die in leeren Räumen stehen und sich nicht trauen unter den Teppich zu schauen. Die, die von Geburt nur stolpernd laufen, fallend jede Hilfe ablehnen, weil schöne Bilder und Geschichten auf dreckigem Boden sprießen. Die, die ihren Körper sterbend schon verlassen hatten, um dann doch nochmal in weißen Laken aufzuwachen mit neuem Mut zu leben. Die, die den Krieg in der Familie für sich beenden und mit einem Samen für friedliche Kindheit ins Jetzt schreiten. Sag mir, was hast du erlebt?

**Weibliche Stimme:** In mir tobt ein heiliger Krieg. Und es geht nicht um Frieden. Es ist ein Sturm der Gewalt.

**Ich:** Mit der Zeit lernst du ihn zu lieben. In ihm wurde Ich alt.

**Weibliche Stimme:** Aber hier gibt es weder Niederlage noch Sieg.

**Ich:** Ja, der Prozess ist ein undankbarer Akt. Also schau, dass du in deiner Mitte bleibst und in deiner Aufmerksamkeit das Gleichgewicht... wie soll ich sagen... nicht verkackst.

**Weibliche Stimme:** Ich geb mein Bestes und akzeptiere mein Schlechtestes. Spielt sich in dir auch ein Krieg ab?

**Ich:** Was denkst du? Dass meine Familie im Kern des Strudels nicht fast ertrank. Dass all das Blut - erschossen und vergossen - keine toten Quellen geöffnet hat, die heute mein Sein durchströmen? Denkst du das? Denkst du das wirklich?! Der dritte ist für die Ewigkeit und ich führe ihn, seit ich Bilder im Kopf habe. Alles spiegelt sich und es schickt mich zwischen Polen.

**Weibliche Stimme:** Ich denke nicht mehr viel. Ich habe Respekt vor dem Kommenden.

**Ich:** Finde deine toten Gefährten und folge den Schlieren. Ich schicke meine Gefährten aus nicht greifbaren Ebenen in eine unterbewusste Schlacht. Die Linie wird im Herzen und nicht auf dem Schlachtfeld verschoben. Und wollen wir auf ihr leben, gehört sie ins Gleichgewicht. Der Wunsch, nein der Drang zu einem erfüllten Leben tötet Gutes wie Böses...

Ich konnte nicht mehr weiter sprechen, mich durchdrang ein Bild von mir selbst auf einer Art Zahnarztstuhl mit Klammern an den Augenlidern, die aufgerissenen Augen direkt starrend in grell weißes Licht.

> *Ich versuchte mit aller Kraft mehr zu sehen, aber alles was erschien war ein Hauch von einem Umriss einer kleinen schmalen Gestalt, die an der linken und rechten Seite die Leere umschloss und mich zurück in mein eigenes Nichts drückte.*

**Weibliche Stimme:** Der Drang zu einem erfüllten Leben, tötet Gutes wie Böses... und zurück bleibt Menschliches. Wolltest du sicher noch anfügen. Wir sind fertig mit der Operation. Ich habe dir etwas gespritzt, was offensichtlich bereits Wirkung zeigt. Die Wunde muss etwas heilen. Ich gebe dir die nötige Ruhe. Danke für das Gespräch, du wirst mein Geschenk erkennen, wenn du es siehst.

## XIX. Engel ohne Flügel

Und so lag ich dort, wo genau wusste ich nicht. Ich muss eine Ewigkeit in tiefer Betäubung verbracht haben, als ich langsam wieder anfing, einen grauen Schleier zu sehen, bekam ich langsam das Gefühl, mich wieder in meinem Körper zu befinden.

Ich konnte mein dumpf schlagendes Herz spüren, wie das Blut in geschmeidigen Strudeln durch meine Kammern strömte und bis in meine Finger und Zehen hinunter floss, allerdings kam noch nicht viel in der oberen Anhöhe - meinem Kopf - an.

> *Diesen brauchte ich jetzt aber. Denn je mehr ich meine Sicht zurückgewann, desto mehr wollte ich meine Augen wieder schließen.*

Ich hatte das volle Ausmaß dessen, was vor mir war, noch nicht im Ansatz begreifen können, geschweige denn tatsächlich sehen können. Ich fühlte mich weiterhin wie zwischen tiefem psychedelischen Rausch, vermutlich wegen den abklingenden Betäubungsmitteln, und vollkommener Schockstarre.

> *Denn das Grauen meiner Welt hat eine Gestalt bekommen - sie saß im Käfig.*

Und so saß ich mit halbem Verstand und einem neuen Sinn in einem alten, abgeranzten Behandlungsstuhl. Schaute nach unten und sah viele kleine Blutflecken, in gefleckten Mustern, den grauen Boden verzieren.

Es war kein gewöhnlicher Käfig, es war ein Schwarm von Fliegen, die in kontinuierlichen Bahnen summend die Streben des Käfigs bildeten. Ach - wäre es schön gewesen, ein Wunder der Natur.

Doch die Gestalt im Käfig war eine abgemagerte, völlig zerfetzte Krähe. Sie hatte kaum Federn am Körper, man sah zu großen Teilen ihr Skelett und die Wunden sahen glasig aus. Als wäre das Fleisch vertrocknet, als das Blut aufhörte zu fließen, und der Heilungsprozess hatte nie begonnen.

> *Die Flügel bestanden aus gerade einmal vier Federn, sie waren symmetrisch angeordnet und durch die großen Lücken zwischen ihnen schien es physikalisch unmöglich für die Krähe zu fliegen - doch sie tat es.*

Es machte den Eindruck, sie musste fliegen, ihr Essen - der Schwarm von Fliegen - schien volle Kontrolle über die Bewegungsfreiheit des halbtoten Vogels zu besitzen.

So starrte ich durch einen großen Schlitz eines Käfigs, wo die Streben sich summend bewegten, und schaute der Krähe in ihr halbes Gesicht. Das eine Auge pechschwarz, auf der anderen Seite auch tiefes Schwarz, ein Auge war in diesem Loch aber nicht zu finden.

In ihrem glänzenden grau-schwarzen Schnabel hielt sie eine kleine silberne Kette, an welcher eine goldene Grubenlampe hin und her baumelte.

*[Bild: Krähe]*

Die Krähe - scheinbar gefangen, oder zumindest unter Kontrolle des Käfigs - schwebte mit den hohlen Flügeln schlagend, halb stürzend in der Mitte der schwarzen Streben. Der Käfig folgte ihr und führte sie zugleich, wie Wasser dem Flussbett folgt und es in neue Täler führt.

Und so begann ich aus der Intuition meines verwirrten Zustandes heraus mit ihr zu sprechen:

**Ich:** Du bist eingesperrt oder wirst du geschützt? Du scheinst zu stürzen ins Nichts, aber schwebst hier vor mir!

Ich wartete auf eine Antwort, aber nichts kam. Nur das Summen der Fliegen in meinen Ohren, während mein Blick der kleinen Grubenlampe folgte und auf mich wie Hypnose wirkte.

Und beim nächsten Schwung nach links, schaute ich etwas weiter auf, und sah, wie die Fliegen eine Art Schwarz-Weiß-Bewegfilm geschaffen hatten. Sie bewegten sich geschickt unter dem von oben einfallenden Licht und stellten eine einfache Straße dar, wo neben dem Gehsteig links und rechts eine fünfstöckige Fassade in den Nachthimmel stieg.

In der Ferne ein junges Paar, das Mädchen deutlich kleiner als der Junge, bewegten sich, wegen scheinbar intensiver Kommunikation, stockend den linken Gehsteig hinunter. Sie bewegten sich immer weiter auf mich zu.

Und links von mir war ein einfacher Hauseingang entstanden, aus abertausenden an Fliegen. Selbst die neun Klingelschilder an der rechten Wand wurden mit Namen dargestellt. Es müssen Abermillionen gewesen sein.

Alles was ich sah, die andere Straßenseite, die geparkten Autos, das dunkelgelbe Laternenlicht, das sich die hundert Meter die Straße hinab so schön auf dem leicht feuchten Asphalt spiegelte - der ganze Raum muss zur Szene verwandelt worden sein außerhalb meiner Aufmerksamkeit. Jetzt war ich mittendrin in dieser „Fliegenbildproduktion".

Und während meine Aufmerksamkeit sich noch vom sanften Glanz des weich gelb tanzenden Lichtes lenken ließ, bogen die Beiden in den Hauseingang ein. Sie drückte ihm aufgebracht eine runde Form in die Hand - vielleicht ein Kuchen - und zeigte aufgebracht mit ihren Händen die Straße hinunter, wo die Beiden hergekommen waren.

Er zuckte nur mit den Schultern und drehte sich Richtung Eingangstür und stellte die Kuchenform direkt unter den neun Klingeln ab. Als er wieder aufsah, saß sie mit Händen im Gesicht auf der Stufe und das sich bewegende Bilderspiel der Fliegen fror ein.

Ich schaute mich um, die Straße war leer, keine Bewegung, nur das kontinuierliche Summen durchdrang mein Sein. Ich schaute wieder in den Hauseingang, das Mädchen niedergeschlagen auf den Treppen, die Hand des Jungen nur wenige Zentimeter entfernt von Vergebung an der Schwelle zum Altar - ihren Schultern - erstarrt.

Und als diese Worte meinen Gedankenfluss hinuntergerissen wurden, zog es meinen Blick wieder nach oben auf die Klingeln, zuerst auf die Tafel über den Knöpfen, wo stand:

Höllenstraße -
Hier sind keine Berge in Sicht
und der Main trägt dich davon.

Ich war mir nicht mehr sicher, was sie im gelben Meer zu mir gesagt hatte, ob vier Blocks oder vier Etagen. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich auf der anderen Seite der Welt befand.

Ich schaute auf die Namen neben den Knöpfen und sah, dass in der vierten Etage niemand wohnte. Zumindest waren keine Namen in den kleinen dafür vorgesehenen Kästchen.

Ich blickte Richtung Eingangstür und sah auf der rechten Seite fünf Reihen mit je zwei Schlitzen für die Briefkästen. Auch hier war die vierte Reihe unbeschriftet und aus dem linken Schlitz schaute eine kleine weiße Ecke eines Briefes hervor, welche ich intuitiv ergriff.

Mit einer Handbewegung war das etwas dickere Papier des Briefes aufgefaltet und meine zwei runden Tore zogen die Zeilen in vergessliche Tiefe.

Wir sind die, an die keiner mehr glaubt,
deswegen sind wir dir auf ewig dankbar.

Wir sind für das Leben gestorben,
sind zu Staub zerfallen
und tanzen jetzt in neuem Wind.

Wir sind zwischen jeder Zeile,
die Menschen schreiben, sagen,
in die vorbeiziehenden Brisen singen.

Du bist der König der Lüfte.
Niemand kann dir da oben etwas tun -
das glaubst du zumindest -
und du willst vielleicht recht behalten -
aber wünscht du dir nicht auch manchmal,
der Wind selbst zu sein?

Wir sitzen nicht im Himmel,
wir standen im weißen Gewand auf den Gipfeln
und sind mit dir in die Täler geflossen,
wo wir im Schatten Flügel schenkten.

Wir verwirklichen, was du uns vorstellst,
so lernen sie eben durch die Qual des Lebens.
Wenn sie nur wüssten, nur sehen könnten.

Du wirst in deinem Leben nur Geschenke annehmen,
die zu leben sind,
denn so füllen sie deine geistliche Leere
mit materiellem Müll.

Wir haben sie so geliebt und verehrt,
aber wir haben sie in der finsteren Gier nach mehr
auf dem Meer verloren.

Du hast mit dem Gang durch die Hölle
den möglichen Himmel verteidigt
und so öffnete sich der Spalt.

Wir marschieren weiter, bis wir wieder fliegen.

Als ich meine Aufmerksamkeit vom ausgefalteten Brief löste, trieb ein Gedanke an mir vorbei:

Ihr lauft so viel tiefer durch mein Inneres,
als meine Vorstellungskraft mir erlaubt zu sehen -
und ich bin froh darüber.

Ihr habt mir gesagt,
manches wird schwerer als notwendig,
dadurch werden wir später stärker als je zuvor sein.

Endlich kann ich es sagen:
Sie dreht sich und ich nicht mehr.

Ich drückte die unmarkierten Klingeln zur Etage vier, schaute nochmal über meine rechte Schulter und sah dabei auf der anderen Straßenseite die Krähe auf einer Laterne landen. Sie spannte ihre vierfedrigen Flügel auf und ich hörte das Summen.

Drückte die Türe auf und stand in einer vertrauten Gasse.

> *Ich blickte erneut über meine Schulter, die Teekanne war direkt über mir.*

## XX. Gespannte Oberfläche

Ich drehte mich ein letztes Mal um und blickte weit in die Gasse hinein aus welcher ich nun lässig schlenderte, geschmeidigen Schrittes über grauen Asphalt auf dem die vom Himmel fallenden Tropfen glitzernd verlorenes Licht spiegelten, bevor sie am Rand durch ein paar Spalte seelenruhig in den Abgrund flossen.

Ich hob meinen Kopf - die Wolken über mir bewegten sich nicht nur - Sie strömten über das Himmelszelt. Ein etwas hellgrau schimmerndes Muster in der Mitte der Wolkendecke fing meine Aufmerksamkeit.

> *Ich spannte die Schnur. Es dauerte nur einen Moment und aus den strömenden Bewegungen der Decke heraus entstand ein Wirbel im hellgrauen Schimmer meiner dämmernden Nacht. Der Wirbel wirkte sanft fließend im Schein, doch still im Kern. Die fließende Wolkendecke riss langsam weiter auf - von Ost nach West - und zwischen den Rissen drehte es sich ruhig, umschlossen von schwebenden Wassertröpfchen, wie ein Fisch stehend im Gegenwirbel der reißenden Strömung.*

Ein langer Blick, eine geschmeidige Handbewegung über meine Stirn, unter meine Brust, zurück zum Mund geführt und es zog mich aus der Gasse zurück auf die belebte Straße.

Dieselbe Straße wie gekommen jetzt gehend zurück - gelenkt vom erinnernden Geruch der Suppenstube - bereits fallend auf den Hocker in der vorderen Ecke.

Ich schlürfte gerade die letzte, mit Fettaugen spiegelnde, Rinderbrühe aus der cremefarbenen Schüssel als mein Handy vibrierte.

> *Es konnte nur bedeuten, dass eine wichtige Nachricht eingetroffen ist. Ich ließ die letzte Wärme der vorzüglichen Schüssel Lanzhou-Ramen, sanft durch meinen Körper schwappen, schmierte mir mit dem Handrücken meinen Mund ab und zog das Handy aus der Hosentasche.*

**Nachricht:** Ich hoffe es hat gemundet. Nehme die fünf für drei, dann Ausgang zwei, östlich siebzig Schritte rechts. Schau nach unten - jeder Boden ist nur gespannte Oberfläche. Schön dich tanzen zu sehen. Der Fluss ist heilig.

Ich brauchte vier Minuten bis zur nächsten Metrostation, musste sechs Minuten auf Linie fünf warten, die drei Stationen dauerten ewig erscheinende acht Minuten, Ausgang zwei war entgegen meiner Erwartung neben Ausgang fünf, aber nachdem ich die Straße draußen überquerte und mich nach links drehte waren es genau siebzig Schritte bis zum rechts Einbiegen in eine relativ breite, wunderschön mit weiß- und orange-farbenen Ziegeln in Mosaik-artigen Mustern gepflastert, aber doch runtergekommene Fußgängerzone. Es wirkte als verblühte der Handel in den Geschäften hier vor nicht allzu langer Zeit. Langsam schlenderte ich über die Muster der Ziegel und schaute dabei links und rechts die Fassaden hoch und runter. Alles schien gut verschlossen oder verlassen und ich war allein auf weiter Flur.

Bis ich kurz stehen blieb um eine alte Preisliste an einem der Läden genauer zu betrachten - Ein Kilogramm längst verspeister Lammkeule für einen nicht mehr lesbaren Preis - Da bemerkte ich eine rhythmische Vibration, die sich vom Boden auf meinen Körper übertrug.

> *Als würde das Herz eines Blauwals den Untergrund in Schwingung versetzen. Ich berührte mit meiner linken Hand die Wand neben dem Schild und mein Körper empfing den Bass der empor hallte noch stärker.*

Ich schaute mich kurz um bevor ich aus dem Handgelenk dreimal geschmeidig, im Takt des Beats, mit der Mittelfingerrückseite an die weiße Türe, rechts neben dem Schild, klopfte. Die Tür öffnete sich einen guten Spalt und ein Kopf mit lockigem schwarzen Haar und runder Brille kam heraus und schaute erst die Straße hinauf, dann hinunter, bevor er mir skeptisch ins Gesicht schaute und ohne Begrüßung fragte:

**Türhüter:** Worauf stehen wir?

**Ich:** Gespannter Oberfläche

> *Was ist das für eine Frage, er fragte nicht nach, er fragte ab. Und die unreflektierte intuitive Antwort wäre der Boden..*

Noch während ich das zweite Wort aussprach bewegte sich sein Kopf leicht nach unten und mit dem letzten Laut von mir wieder nach oben. Ich war drin.

**Türhüter:** Um die Ecke rechts ist die Garderobe.

Ich ließ die Garderobe links liegen und bog direkt ab in einen weiten Gang mit schwarzen Sofas und einer Vielzahl an Hockern, Stühlen und kleinen Tischen, die auf beiden Seiten ungeordnet herum standen. Auf den meisten Tischen standen einige Plastikflaschen, dazwischen lagen auffällig oft leere Plastiktütchen, hier und da waren Jacken über Stühle oder Hocker gelegt und auch der ein oder andere Rucksack und Dutzende Handtaschen waren auf Sofas oder unter Stühlen und Tischen platziert.

Kaum eine Seele hatte sich im spärlich künstlichen Licht des Ganges niedergelassen, neben mir lag jemand regungslos auf der Couch und an der noch etwas von mir entfernten Treppe saß jemand auf einem Hocker und nickte sanft mit dem Kopf während seine Augen geschlossen waren. Zwei Freunde standen nah bei ihm und schienen ihn zum Aufstehen bewegen zu wollen. Ich schloss kurz meine Augen, atmete ein und im Übergang zum Entgegengesetzten, ging ich weiter und ließ meinen Blick frei schweifen.

Nichts griff wirklich meine Aufmerksamkeit, mein Blick fing sich kurz an einer gelben Packung aus der einige Kekse herausgerissen wurden - ein alter Name in geschwungener Schrift, ein Hauch von Monaden - erst als ich den Bogen zu den Treppenstufen einschlug bekam ich mit wie einer der Jungs sagte:

**DJ-Freund:** Den können wir hier sitzen lassen, der pennt noch ein Stündchen, dann geht er sich frisch machen und wir legen nochmal richtig auf.

Der Satz hallte noch in meinem Gedanken, als ich die Treppen hinabstieg und dabei bemerkte wie sich die Luft veränderte. Sie schien im wahrsten Sinne des Wortes zu vibrieren, ich schüttelte alles von mir ab, drehte mich etwas nach rechts und nahm die letzten drei Stufen bevor ich in das Meer von Klang tauchte.

> *Und dann lief vor meinem inneren Auge etwas ab, was ich im Nachhinein nur als eine Art Vorspann beschreiben kann. In Worten kaum zu fassen.*

* * *

So schneidet eine unsichtbare Schnur
In Aufmerksamkeit gewunden
Sie teilt und eint
So fällt fließende Wirklichkeit in das Flussbett deines Seins
Und hinterlässt einen Spalt im Herzen

Sie denken in einer Welt wie Deiner kennt man den Tod nicht
Dabei liegt er als Medizin in jeder Schublade
Und er zieht an der dunklen Leere ihres Selbst
Was weißt du von Menschen die alles haben
Aber sich doch alles nehmen wollen
Weil sie in sich nichts finden können
Dabei ist der weiße Teufel nur eine Nachricht und zwanzig Minuten Warten entfernt
Alle Gefühle werden kalt
Gedanken so verwirrt und düster
Oma wird ihr eigener Henker

Gute Seelen stürzen aus dem Fluss des Lebens
Die Treppe oder Brücke 'runter
Und stehen nie wieder auf

Andere liegen auf weißen Laken und schweben schon davon
Aber dürfen nicht
Werden von unbekannter Kraft zurückgezogen

Doch Nachts um Vier auf dem Balkon
Mal wieder drauf
Ist kein Geist mehr an Gleise gekettet

Junge Augen sehen wie ihre eigenen Quellen sich gegenseitig auslöschen
Und dann steht Sie Da

Einsam

Auf ihrer Insel im Dazwischensein

* * *

Und ja, dann stand sie dort. Ich hier, auf dem Boden des Dancefloors, in der Schwingung von gewaltigen Techno-Beats.

> *Und was ein prachtvoller Raum es war. Das Besondere? Ein verwebtes Netz, welches den Raum in Zwei teilte. Es war kein einfaches Netz, sondern ein ganzes Netzwerk mit einer Dicke von mindestens anderthalb Metern, gewebt mit tausenden schön geschwungenen Knoten aus schwarzer und weißer Nylonschnur. Ein riesiges Makramee-Muster mit unglaublicher visueller Tiefen-Vibration im zitternden Strobolicht, das durch die Nebelwolken blitzte.*

Aus gut versteckten Nebelmaschinen am Rand des Raumes und den Ecken der Decke, wurde hellgrauer Nebel in den Raum geblasen und es formte sich eine überspannende Wolkendecke, die den geteilten Raum, zumindest im oberen Bereich, wieder einte.

Ich schenkte ihrem Kleid meine ganze Aufmerksamkeit. Es wehte sanft in den Schwingungen, die von den Lautsprechern aus den Raum durchfluteten. Noch schien sie klein im großen Raum. Wie eine Erdnuss - zu zweit und doch geteilt in einer Schale. Sie hatte eine gewaltige Ausstrahlung, wie ein tanzender Sonnensturm. Strahlung im Gesicht fließender Schönheit, trifft tief im Herzen und trägt zur Blüte des Lebens im Äußeren.

> *Mein Selbst war in diesem Moment eine reine Form, Innen leer, aber diese Form war alles das ich hatte.*

Leere?
Ich bin leer, leerer als leer
So viel Leere, dass alles hineinpasst
Ohne mich auszufüllen
Denn meine Form des Selbst braucht ihren Platz
Ich selbst bin nichts
Nur gespiegeltes Gleichgewicht
Mein Sein ein Fluss im Bett
Am Boden gibt es nichts zu verstehen
Schau mir zu tief in die Augen
Du versinkst
Bis du im geladenen Strom steigender Leere ertrinkst oder schwimmst

* * *

Auf einmal ein starker Rempler. Ich musste einen leichten Ausfallschritt nach vorne machen bevor ich mich, bereits leicht auf Fußballen stehend, drehen konnte - bereit für was auch kommen mag. Drei dunkle Gestalten suchten ihren Weg durch die Menge zum Mischpult des DJs und waren schon hinter der nächsten tanzenden Gruppe verschwunden.

Plötzlich lag eine eigenartige Spannung in der Luft. Die Art Spannung, die man fühlt, ohne sie rational auch nur ein Quäntchen nachvollziehen zu können, aber man ist sich totsicher, alles wird aus der Bahn gleiten, wenn niemand einen Stein in den Fluss wirft. Jemand hatte gerade die Wirklichkeit neu aufgespannt und seine Formen mit großer Dissonanz in das Muster der Landschaft gefaltet.

Mein Fokus war weiter auf den drei Gestalten und ihrer Bewegung durch die Menge. Sie waren gerade dabei das Makramee zu kreuzen, als ein Gedanke sich in mein Aufmerksamkeitsfeld drängte:

> *Jeder Krieg überschreitet Grenzen, sonst wäre es kein Krieg - Krieg ist heilig - man zieht nur in ihn fehlen die Worte.*

Im geistlichen Einklang mit dem Rhythmus, bewegte sich nicht nur mein Körper sondern auch meine innere Welt:

> *Ich habe nach Worten gesucht bis ich nur noch Bilder sah, in rot getauchten Tälern verloren, durch weißen Nebel über graue Spitzen geflohen, lange nichts außer Schmerz und dieser Hauch von gelebtem Gleichgewicht. Ich bin ihr dankbar, Sie sucht immer nach dem Schönen in all dem Grau - dieser SAMENWELT. Bin tausende Kilometer über die Landschaft geflossen, eigentlich um klar zu sehen, aber hier bin ich am verstehen - ich bin klingend in Bewegung. Meine Worte sind klar und kalt, wie Gletscherwasser. Alle bewundern sie von außen, aber keiner traut sich in ihnen zu baden. Fragen brauchen keine Antwort, in ihrer Tiefe wird jede Antwort zur Entscheidung.*

Und in meinem Auge verfängt sich ein schwarzes Körnchen und schneidet scharf, wie der Sternenhimmel Thar's in ihren Seelen.

> *Die Wüste ein Raum für die Zeit zwischen den Zuständen. Und so trat ich in diese Wüste ein - die Dünen webten sich durch die Landschaft über den Horizont hinweg - in grau-goldenem Glanz ihrer unzählbaren Körner. Ich bewegte mich nicht. Der sanfte, aber kalte Wind, durchdrang jeden meiner Knochen und zog mich immer tiefer in die wellenförmigen Muster im Inneren.*

Und dann stand ich da, ganz allein, er war weder groß noch imposant, er war schön aber nichts Besonderes, er war grau umgeben von gold schimmernden Sandkörnern. Ich trat einen Schritt näher und in tief schwarzer Schrift mit feinem goldenen Rand stand auf steinerner Rückenlehne:

Rex Nullius
In solio meo sedeo in limine

*[Bild: Thron]*

Ich drehte mich langsam um und war dabei meinen Körper auf die steinerne Platte fallen zu lassen, als ich plötzlich wieder den Bass der Musik wahrnahm und sich das Makramee wieder in meine Aufmerksamkeit webte.

> *Ich war zurück und hatte meinen Blick auf die drei Gestalten verloren.*

## XXI. Alles Kommt

> *Am lebendigsten fühle ich mich, wenn mir der Tod ins Gewissen flüstert und mich so vor dem Abgrund warnt.*

> *Und bei mir kam klar und deutlich an: "Setz dich in Bewegung und bring die Steine zurück in den Fluss."*

> *Es ist jedes Mal erst eine Last, bevor aus der Bewegung heraus die Lust entsteht.*

Und so setzte ich mich in Bewegung, auf dem Weg das Makramee zu durchkreuzen. Vom Bassgefühl getrieben fand ich meinen Takt im Schritt - versteckt im dunklen Raum zwischen den tanzenden Gestalten.

> *So trieb es mich durch den schwellenden Raum und als ich mit ausgestreckten Händen auf das Makramee traf, fühlte es sich an als würde ich durch die Lücken hindurch gleiten ohne mich zu teilen.*

Bin weder schwarze Magie noch heiliges Licht.
Wer bleiben will muss werden.

Auf der anderen Seite wirkte alles sanfter, aber auch dumpfer. Der Schall hinterließ hier ein rieselndes Echo in meinen Ohren. Ich bewegte mich langsam und im Rhythmus zur Musik durch die Menge - die meisten trugen schniekes Schwarz und zeigten viel Haut, während sie sich tanzend oder an der Seite sitzend fallen ließen.

> *Ich durchstreifte den Raum und hielt Ausschau.*

Denn wer sucht findet.
Nicht was er will - was er braucht.

* * *

Ich schaute ihm in die Augen, ließ den Eindruck kurz wirken, und sprach.

**Ich:** Haben wir ein Problem?

**Schwarzer Bruder:** Nein, warum sollten wir?

**Ich:** Es scheint eine spürbare Spannung zwischen uns zu liegen. Oder spür ich hier etwas, das nicht existiert?

**Schwarzer Bruder:** Spannung zwischen uns? In welche Richtung zieht es dich denn?

**Ich:** Ich geh in meine Richtung mal mit dem größeren Strom, öfter mal dagegen.

**Schwarzer Bruder:** Geh weiter Richtung Tod mein Freund, meine Feinde warten dort auf dich. Auf deine Rückkehr und ihre Umkehr. Willst du mir sagen woher du kommst?

**Ich:** Lebe zwischen Osten und Westen, wie der Urwald zwischen den beiden Polen dieser Welt. Und du bist wo aufgewachsen? Sicher nicht ohne Drama, wenn man deinen Augen Glauben schenkt.

**Schwarzer Bruder:** Da wo ich her komm, siehst du sie immer wieder, helle Seelen - dunkle Herzen. Jeder der mit mir aufwuchs wusste irgendwann, er wird niemals untergeh'n, mal waren sie stolz, mal weil sie es mir verzweifelt gewünscht haben. Es ist mir mittlerweile egal, welches Drama in meinen Lebensfluss tropft, ich genieße den Regen und wässer meine Saat im schwarzen Boden mit ihm.

Sein Freund rechts von ihm, lockergekleidet im schwarzen Jogger, schwarzes T-Shirt und offen getragene weiße Trainingsjacke darüber, gepaart mit schwarzen, zurückgegelten Haaren unter rückwärts getragener Cap - lächelte mich halb schelmisch, halb herzlich an.

> *Ich gab dem Ganzen einen akzeptierenden Blick und nahm die Konversation wieder auf.*

**Ich:** Du musst einiges an Leid erfahren haben.

**Schwarzer Bruder:** Mhh, was ist schon Leid, wenn du die Schmerzen gewöhnt bist. Leid ist etwas, das dich trägt, deswegen ist es so schwer wenn es auf dir lastet.

**Ich:** Was soll ich dir sagen.. Bruder. Wenn ich Sie über das Leid anderer reden höre, frage ich mich, soll ich sieben Stunden durch paar Täler über spitze Grate auf hohe Spitzen laufen um in der Demut der Schöpfung zu baden oder soll ich mit Kunst, erst unten das Gleichgewicht nehmen um dann oben, mit Grinsen im Gesicht, ein' Ellenbogen auf die Schläfe gleiten zu lassen.

**Schwarzer Bruder:** Zum Glück kannst du mich nicht schlagen - ich spiele ohne Karten und Figuren. Wir sind wenigstens auf dieser Ebene gebunden. Sie glauben sie könnten gut sein, und so nistet sich erst das Schlechte, dann das Böse ein.

Er schaute für eine kurze Weile an mir vorbei, jemand oder etwas hatte seine Aufmerksamkeit gefangen.

**Schwarzer Bruder:** Aber jetzt sag mir - wo bist du her?

**Ich:** Wo bin ich aufgewachsen? Ich geh den Weg zurück und frag mich, wohin die Wellen des Lebens mich getragen haben..
War es das wert?
War so lange Feind von Jedem, jetzt hab ich ihn als Foto an der Wand. Ich seh kein Licht, doch will Sterne zählen.
So oft ist es wieder 3 Uhr nachts und ich spiele meine Musik und bau in Gedanken kein Schloss aus Sand,
nur ein Tschibit mit, nicht am, Hindu Kush, sag mir nicht ich soll besser rennen.
Ich tauch durch das Flussbett von Erinnerung bis zu kommenden Visionen.
Bruder, willkommen im Niemandsland.

**Schwarzer Bruder:** Du bist da wo wir hin wollen. Und wer bleiben will muss werden. Zum König geboren im Reich der Menschen.

**Ich:** In Demut aus dunkler Vergangenheit gewachsen - Mensch geworden.

**Schwarzer Bruder:** Dunkler Vergangenheit?

**Ich:** Mein liebster Geist hat auf dem Hof tanzen gelernt, um am Ende des Tals sieben Tage mit den Jungs gegen vierhundert eiserne Maschinen und siebenundzwanzigtausend Seelen zu bestehen.

**Wanderer:** Schöpf aus deiner Leere und alles wird werden, nicht alles wird gut, aber alles wird sein. Glaub' einfach dran und alles wird real.

**Ich:** Aus welcher Tiefe sprichst du auf einmal. Du hast aber mehr als Recht. Alles kommt.

Es machte sich eine sanft schwellende Stille in der Runde breit.

* * *

Von links ertönte plötzlich eine recht helle, doch kratzende, weibliche Stimme.

Dort waren drei Mädels, ohne Scheu, an uns herangetreten. Ganz rechts hatte wunderschön geschwungenen Eyeliner, was auf blassem Gesicht besonders schön zur Geltung kam.

Ganz links war größer als ich, hatte lange Beine, die alles andere als dünn waren, aber auch nicht dick, es war natürliches Gleichgewicht, und dank der schwarzen Netzstrümpfe gepaart mit schwarzem Body hoben sie sie in volle Pracht.

In der Mitte starrten mich grau-grüne Augen zitternd an, ihre Aufmerksamkeit sprang zwischen den Männern der Runde umher. Sie trug eine Art lockeres schwarzes Korsett mit verwebtem Minirock.

> *An der linken Seite war ein weißes Orchideen-Stick-Muster. Ich folgte dem Stiel der Orchidee von unten nach oben, es war eine fließende Begegnung, sie bewegte ihren Körper leicht zitternd mit dem Rhythmus des gerade eben neu angestimmten Beats. Mein Blick glitt weiter nach oben, immer dem Muster entlang, bis zur schön verzierten Brust, darüber kam dann viel von ihrer eigenen Blüte zum Vorschein, darüber die flackernden grau-grünen Kristalle.*

**Sie (Mitte):** Wanderer, hast du noch was für uns. Wir haben nur zwei rausbekommen, wie soll uns das für den Abend reichen?

**Wanderer:** Ihr liebt das Zeug viel zu sehr. Ich komm gleich zu euch.

**Freundin rechts:** Alles was ich liebe beginnt mit K.

**Freundin links:** Wenn du uns hilfst, lieben wir heute dich.

**Wanderer:** Nicht nötig, liebt euch lieber selbst. Gebt uns zwei Minuten.

Die Mädels drehten sich um und gingen ein paar Meter zur Seite, um sich am Rand auf die gestapelten Paletten zu setzen.

**Schwarzer Bruder:** Liebt euch lieber selbst? Hast du nicht wirklich gesagt.

**Wanderer:** Ich kann alleine, aber nicht einsam sterben.

**Ich:** So wirklich, wie die Vorstellungskraft selbst. Was hilft schon gegen Einsamkeit.. außer alleine sein.

**Wanderer:** Lieber Gott, bitte verhandle mit dem Teufel mein Gleichgewicht.

**Schwarzer Bruder:** Was will Gott bei dir noch tun?

**Ich:** Gott kann nichts gegen den Teufel tun. Hinter überschrittenen Grenzen lassen wir unsere leitenden Prinzipien fallen und tauchen zurück in alte Muster...

**Wanderer:** ..Muster der Gewalt.

**Schwarzer Bruder:** Woher wisst ihr, dass eure Worte wahr sind?

**Ich:** Ich weiß es nicht, ich schenk ihnen Glauben, bis.. der Hall von Erfahrung mir das Wissen schenkt.

**Wanderer:** Alles andere nasip.

Der Wanderer wickelte noch seine Geschäfte ab - ich ließ mich noch etwas vom Bass tanzend treiben.

**Schwarzer Bruder:** Wenn man dir zuschaut, dir zuhört, weiß man nicht ob du gleich in Flammen aufgehst oder sich gleich eine große Flut ergießt. Und was wirklich geschieht weiß ich nicht.

**Wanderer:** Und trotzdem bekommt man dieses Gefühl auf schwarzer Erde zu stehen mit neuen Wurzeln unter einem. Du hast Feuer in den Augen, aber bewegst dich wie Wasser. Trotz unserer Kraft bist du verwurzelt in fruchtbarer Zeit.

Wer will mir das Wasser reichen?
Ich bin das Wasser selbst.
Wer will mich anzünden?
Ich trage Feuer in den Augen.
Wer will die Blüte im Winter?
Ich bin schwarze Erde, auf der grüne Wiese wächst, unter weißer eisiger Haut.
Wer will mich tragen?
Ich bin frei von Leid.

**Ich:** Dabei will ich doch nur frei sein, wie der Wind der den Regen bringt.

**Wanderer:** Du bist wie ein Geschenk, das man öffnet nur damit es sich wieder neu verpackt.

**Ich:** Wir werden loslassen müssen um unser Sein im Strom halten zu können.

Die beiden nickten still mit dem Kopf. Wir schauten einander kurz vertrauenssuchend in die Augen, wurden fündig und verließen die Location durch einen Hinterausgang.

> *Stiegen in einen kleinen Fünftürer mit langer Schnauze und fuhren los.*

Sind verwoben zwischen Welten
Wie Song Jiang der zeitige Regen
Zwischen Liang-Schan-Moor
Und dem hohen Bild jeder Seele
Einfaches Sein mit Schlangen und Vögeln

Sie haben Herzen ganz geöffnet
In ihrer Flucht
Erst fühlst Du den Schmerz
Dann sollte der Hass kommen
Doch alles was hinausströmt
Ist klar doch nicht sichtbar.

Wir hielten an einer Ecke, sie stiegen beide aus, ich sah im Rückspiegel, wie sie in einem Hauseingang verschwanden.

Ich schaute neben mir die Stockwerke der grauen Fassade hoch. Im dritten hingen Blumenkästen ohne Blumen, im sechsten lehnte sich ein Mann, im weißen Unterhemd und telefonierend, über die Brüstung. Zwei über ihm hängten zarte Hände Wäsche auf, dann zog es meinen Blick weiter hoch an die Kante, wo eine schwarze Kreatur sich in diesem Moment im sanften Schwebflug auf das Dach gleiten ließ.

Sie folgen mir, hören nicht auf mich.
Sie kommen nicht wenn ich sie rufe.
Sie sind da wenn ich sie brauche.
Sie sind die Boten des Todes
und im stillen Flug säen sie das Leben.

Wenn ich gehe,
zerpicken mich Tausende
und säen meinen letzten goldenen Rest
in schwarze Erde.
Eine Tiefe, gegen die du nichts mehr tun kannst.

*[Bild: Krähe belebt]*

Die Krähe schwang sich im Schwebflug auf das nächste Dach. Ich ließ meinen Blick folgen..

Und aus dem Nichts, die Fahrertür öffnete sich.

**Schwarzer Bruder:** Da ist einer angekommen.

> *Es geht nicht ums Ankommen - einfach da sein.*

Meine durchdachte Antwort formte sich langsam, während sich der Wanderer geschmeidig auf die Rückbank gleiten ließ.

**Ich:** Bin einfach nur hier.

> *Ich skippte zum nächsten Song - Grüne Wiesen - und wir rollten zur nächsten Subway-Station.*

> *Kurze Übergabe, letzte Worte tauschen und Umarmung geben - ich richtete meine Cap und verschwand nach kurzem Blick in den Himmel im Untergrund.*

> *Zweimal umgestiegen und die Landschaft zog an mir vorbei, während ein sanfter Regen einsetzte.*

> *Die letzten Stufen nach oben, Türe auf, von außen nach innen einen bauen und einen Wuyi-Felsentee aufsetzen - der mit holziger Vanille-Note.*

> *Dann auf den Balkon um Inneres in äußere Gedanken zu tragen. Ich blickte beim Schritt über die Schwelle nach draußen auf die schwungvoll geschriebene Karte, welche an einer Pflanze auf der Fensterbank lehnte.*

Dort stand:

Ja was wird kommen für uns Junge?
Was wird sein, wenn dies alles zu Ende ist?
Wer wird anfangen können?
Wer wird überhaupt aus diesem bösen Traum aufwachen?
Wer wird uns beim Aufstehen helfen?

So stand ich endlich wieder auf meinem Balkon und ließ meinen Blick über die ergrünte Landschaft streifen.

> *Ich habe es gesehen, doch ich habe es nicht mehr in Gedanken. Ich habe es jetzt verstanden und das ist gut für ihn und für mich. Ich zieh' den Teufel an. Und ich lasse es zu, denn es wird Neues gebären. Ich habe auf kleinster Ebene versucht die schwersten Krankheiten zu überkommen - bis es mich krank gemacht hat. Weder weiße Hyphe in meinen Händen noch grauer Rauch auf weißen Gipfeln haben mich gerettet - nur gehalten.*

**Zu mir selbst:** Augen Richtung Abgrund - mein ganzes Sein loslassen und einfach sinken. Danke für die zweite Zeit voller Nadeln - voller Schmerz - voller Herz. Für mich? Für die ganze Familie. Auch die, die nie aus dem Krieg zurückkamen. Für die Teile unserer Seelen, die an Sturmtagen verloren gingen. Wir wurden abgesägt, verdrängt, widerstrebten oder folgten und segelten doch in neue Weiten durch eisige Stille.

Bauten alles wieder auf und zerfielen im Inneren doch. Und keiner sah bis hier, was wir im Äußeren ließen.

Dann vibrierte mein Handy.

**Nachricht von Iain:** Die Zeit des Führens ist vorbei. Wir schicken dich zurück zu den Sternen, wo du uns das Ganze zurück in die Leere spiegeln wirst.

Ich schaute auf die Straße unter mir.

> *Endlich geht es wieder bergauf.*

> *Ich schrieb Iain:*

**Ich an Iain:** Machen wir so. Der Regen wird weiter auf die Erde fallen.

* * *
