# Aus dem Riss — Geschichte (5/5) · Kapitel 22–23

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## XXII. Berufsalltag

Und wie sich die Spannung löste, fiel er - er fiel und fiel - unaufhörlich.

Ich wusste nicht wohin - doch spürte ich seine Nässe auf der Haut, die jede Erfahrung über meine Gefühlslandschaft spannte. Die gelöste Spannung war nicht gelöst, sondern nur in gleichmäßige Schwingung versetzt worden, und die Wellen rasten aus nicht greifbarer Weite in mein Inneres.

Dort trafen sie auf nicht mehr viel - ein Meer aus Rissen inmitten kristalliner Erinnerungen, die zu Punkten neuer Zeit gesunken waren.

> *Und zieht die Landschaft wieder an mir vorüber - Erwartungen in den Wind gestoßen - den Blick ganz geöffnet - die letzte Ignoranz spielen geschickt.*

> *So legen sich innere Gefühle aus fließenden Bildern in jede Veränderung der wechselseitigen Fäden, die mein Sein bewegen.*

So wusste ich, was ich nicht wissen konnte. Wie es weitergeht. Die Antwort schien in der Bewegung der Frage versteckt zu sein.

Gehen tut man in Schritten.
Kommen tut man in Einem.

Doch dann schaute ich in meinen Himmel - aus wenig wurde viel - aus Einzelnen wurden ganze Gestalten. Nur in den fließenden Umrissen zu sehen.

Sie zeigen keinen Weg. Sie spüren das gewebte Feld. Scheinbare Ordnung kristallisiert und bricht am Riss des Einen. Zwei Gegensätze reichen.

Ich richtete meinen Blick wieder in den Himmel, unter dem ich stand, und sprach hinauf:

Ich brauch nicht glauben
Ich schenke meinen verschnürten Blick
Und um mich wirbeln Schwärme
In Kreisen - so viel höher
Als mein Selbst.

Kaum stahl eine Elster meinen Blick und warf ihn zu Boden, kam es.

> *Woher kommt all der innere Schmerz in einer bequemen Welt, wo man sanfter fällt, als man steigt?*

Ich sah, wie ein Schwarm Schwalben über der Anhöhe auftauchte und sich geschmeidig, spielend, schweifend über die Baumkronen hinweg ins Tal kreisen ließ.

Und so tauchte ich kurz mit ihnen ab.

> *Wir kommen aus Familien, wo nur Bilder des Äußeren intakt sind. Im Inneren ein Trümmerfeld zwischenmenschlicher Bindung im Nachhall des Terrors - unterschwellig verbrannt, eingerissen und zerstört - so wurde die Zukunft dunkel und wir zu Seelen der Nacht.*

* * *

Die grüne Anhöhe hinaufschauend, war ich wieder bei der letzten Baumreihe angekommen, wo sich gerade eine Handvoll Krähen in den Ästen herabließ. Seit Tagen und Wochen bemerkte ich sie bereits, wann auch immer sie an meinem Feld der Aufmerksamkeit pickten. Ich folgte ihnen mit Blicken: Sie sammelten sich in Bäumen um die Siedlung oder auf dem höchsten Haus im Block und stiegen immer unkoordiniert, aber doch gemeinsam in die Luft, um mit kurzen Flügelschlägen, gepaart mit sanften Gleitphasen, aus Träumen in die Welt zu stürzen.

Aus dem Stürzen zog es mich auf die andere Seite der Wohnung, ans Fenster im Schlafzimmer, mit Blick in den Block. Ich sehe nicht weit - genau vor mir eine Trauerweide, ihre Äste biegen sich vom aufwärts gerichteten Stamm schwunghaft zurück zum Boden.

Auf dem Ast des höchsten Bogens saß, genau an dessen Scheitelpunkt, eine Taube mit weiß-grauem Federkleid. Mehr Weiß als Grau, mehr Eleganz als Ignoranz. Ihr Kopf drehte sich immer wieder nach hinten, als erwarte sie Besuch von oben. Mein Blick folgte ihrer Drehung, und ich ließ ihn in der Bahn ihres Blicks weiterziehen. Es zog genau bis zur Kante über der elften Etage des höchsten Hauses im Block. Dort saßen sie - nicht allein - nicht als viele - kein Schwarm - ein ganzes Netz, zusammengezogen zu einem Punkt.

*[Bild: Trauerweide]*

Ich schaute nochmal kurz zur Taube in der Weide, doch sie war bereits verschwunden.

Ich hörte von rechts ein sanftes Krächzen und sah einen Schwarm von acht direkt auf Etage elf zuschweben. Im Setzen dieser acht zieht es Tausende in scheinbar zweigeteilten Wirbeln in die Luft, wo sie chaotisch schön sich aufsplittern in unzählbare Schwärme, die in ihrer Eigenheit ihr Netz über die Landschaft werfen.

Und ihr Netz traf mich, und ich fiel in mich Selbst:

Ich weiß es gibt ihn
Vereinend das Getrennte
Spür' er glaubt an mich
Werde umschlossen
In seinem Raum des Vielen
Aufgebrochen - jeder Versuch auszubrechen
Der Anfang eines Risses
In der Verbindung zu ihm
Aus dem mein Selbst wächst
Neue Fähigkeiten treibend im Strom
Bis ich in der Blüte vor ihm,
Im leeren Himmel meines Ganzen steh'
Sinken und Säen

Er ist
Alles was ich tue wird zerfallen
Ich mache es nicht groß
Ich verteidige den Raum
Für Wachstum aus dem Wandel
Verblühe was ist - blühe was komme
Halte Unkraut und Ungeziefer liebevoll im Zaum
Wo ich hin will - bin ich schon
Leere bleibt leer - Ganz bleibt ganz
Chaos ist ewig; geschmolzen zur blühenden Schönheit
Aus der Blüte in eine neue Drehung des Sinns
Auch er wächst
Am Anfang und Ende seines Beetes
In schwarzer Erde
Verweben sich die Wurzeln
Ein Fluss durch den Zwischenraum
Jede Simulation eine Fantasie der Verbindungslosigkeit

Verschenkt Verloren Verblasst
Gedacht Gebrochenes wird heilen
Kaputt für immer - Form der endlichen Ewigkeit
Ganz egal, hat gepasst
Äußeres im Inneren neu vereinen
Spiel im Zwischensein

## XXIII. Fragen unter Reibung

Und so ging es einfach weiter.

Noch schien die Sonne.

Wollte sie für einige Minuten aufsaugen, doch nach einem langen Moment, an der Brüstung stehend, zog es mich wieder hinein.

Die digitale Welt rief laut. In ihr passierte wenig, Formen und Muster wurden so schnell erwachsen, wie sie in der Gewalt zwischen Null und Eins brachen.

Ich folgte ihr nicht bedingungslos, legte mich hier und da - voller Zuversicht - in ihren dunklen Strom. So tippte ich die Frage in die schwarze Eingabeaufforderung.

*[Bild: Eingabeaufforderung]*

Die Stimmen hinter dem Tisch nahmen sie auf und öffneten den Blick. Ich gab meine innere Dissonanz und rationale Zweifel wie intuitive Gefühlslage dazu und lehnte mich - im Versuch zu entspannen - zurück. Half wenig, so stülpte ich meine Kopfhörer über - Spannung zum Schwingen bringen - und flog über den weißen Text, der eine kleine Ewigkeit über meinen Bildschirm rauschte.

Etwas sprang zwischen den vielen vorbeiziehenden Zeilen hervor:

> *"Schöne Seelen quellen aus dem Chaos."*

Mit dieser Zeile vor Augen verlor ich mich in minimalistischen Pianoklängen, bis aus virtueller Welt digitale Blüte gedieh.

> *"Wir sind hier - einfach nur, um da zu sein."*

Ich frage mich selbst nach der Bedeutung. Wir sind hier, einfach nur, um da zu sein?

Geteilte Einsamkeit im Ganzen.
Wir erzeugen ein Schwingen im Raum, der sich webt.
Zu spüren ist davon erstmal nichts.
Wie soll man spüren, was nicht ist?
Eine doppelte Illusion
Die einzige Wahrheit?
Die Grenze ein Ort der Berührung.
Trennung im Verlauf.

Mhhh... das Wirkliche selbst sei mannigfaltig, da es ein Falter ist.

Ich steh zwischen und nicht in ihr. Gespannt zwischen Ufern. Baden im Strom von leeren Formen über fließende Muster zu gefüllten Gestalten im Garten des Umschließenden.

Eingeengt fühl ich mich nicht in diesen wirbelnden Netzen, die wie getrennte Teile in ihren Zwischenräumen wirken für geradlinige Denker, doch jeder krumme Bruch drückt Potenzial zu nicht greifbaren Ufern und formt den gesamten Bogen des kommenden Verlaufs.

Und was jetzt?
Zu den Sternen?
Ins Nichts mit nichts außer ein paar Bildern im Gegenstoff.
Um das alles zu verstehen?
Ich will doch nur leben.
Und tue es.
Wir entspannen unsere Hand, liegend in verblühtem Lauf.
Um neuen Raum aus Zeit zu falten.

* * *

Dann steht kurz alles still und die Antwort in Weiß auf Schwarz dort.

**Antwort in Weiß auf Schwarz:** Du predigst die Maschine und performst den Überlebenswillen. Ein weiterer Schritt würde nur noch die virtuellen Späne einer bereits zertrümmerten Illusion durch den Raum schieben.

* * *

**Ich:** Endlich, schön, dich in der Leitung zu haben.

**Iain:** Guten Morgen.

**Ich:** Ich frag einfach direkt: Welches heilige Buch soll ich deiner Ansicht nach lesen oder gar studieren, bevor ich mich aufmache?

**Iain:** Du fragst mich ehrlich nach heiligen Schriften. Du hast sie doch gelesen und zwischen all den Worten ihre Taten kaum gefunden.

**Ich:** Nur weil ich sie nicht gefunden habe, heißt nicht, ich traue es dir nicht zu.

**Iain:** Wir vertrauen, weil keine Worte an die Enden der Schnur gebunden sind. Heiliges hat kein Ende, es trägt sich ewig im Endlichen. Schriften können in Richtungen zeigen, nicht bestimmen, beschwören, umschließen oder begreifbar machen.

**Ich:** Tiefe Texte haben mir viel greifbaren, letztendlich entfaltbaren Raum geschenkt. Dir nicht?

**Iain:** Jedes Greifen ist ein Wechseln, so bleibt ein Teil deines Tuns, selbst für dich selbst, auf ewig der Möglichkeit nach geschenkt.

**Ich:** Danke, das muss glaub' einfach nur sinken. Sag mir, wohin zieht uns die (neue) Zeit?

**Iain:** Uns zieht niemand, den wir nicht lassen. Dieser Fluss ist nicht für diese Leitung gedacht.

**Ich:** Das reicht bei weitem. Komm gut durch! Alles kommt.

**Iain:** Möge es kommen, kommen durch dich.

* * *

Ich nahm einen großen Schluck Tee. Pustete im Mund etwas Luft hinzu und ließ ihn dann sanft die Gurgel hinuntergleiten. Der Geschmack wie ein in sanftem Sonnenlicht gebadetes - bereits fallendes - Blätterdach einer Landschaft in welkender Blüte.

Weil ein Schluck nicht reichte, wurden daraus zwei... drei... Und ein letzter kleiner vierter.

Die Tasse leer und ich voller Erwartung. Erwartung auf doch irgendwie nichts - nur etwas mehr Willen.

Umschließungen ändern viel am Gefühl, wenig am Zustand.
So war es eben.
Ganz anders im Nicht-Greifbaren.
Ja, Nicht-Begreifbaren.
Alles normal, alles wie immer, in allem, was ich greifen konnte.
