Aus dem Riss — Geschichte
Volltext-Fassung der Geschichte „Aus dem Riss" (für Maschinen und Lesen ohne JavaScript). Die interaktive Fassung lädt mit JavaScript. Komplettes Werk inkl. aller Ebenen (die „Frequenzen"): /volltext
1. Am See
Wo die Gedanken treiben
Hinausschauend auf einen kleinen See sah ich den schwarzen Enten beim Treiben zu.
>{1} Sie sind so viel kleiner als bei uns.
Der leichte Wind von Osten sorgte für sanfte Wellenmuster auf dem See vor dem grauen Palast, in dem Botanik aus der ganzen Welt zu Hause war.
Vielleicht ein Zeichen, dass die Welt groß ist, aber doch irgendwie kleiner wird.
Ein weiterer Gedanke streifte durch meinen Kopf.
Zurück zu den Sternen
zurück in die Weiten und Tiefen
unseres Seins
Die Scheiben des grauen Palasts waren beschlagen von der hohen Luftfeuchtigkeit im Inneren und der kühlen, einstelligen Temperatur des Äußeren. Das Grün der Pflanzen schimmerte nur in vagen Umrissen hindurch. Um mich herum war alles künstlich, künstlich schön. Die Sonne schien und wärmte mich durch den schwarzen Mantel, der im Stehen bis über meine Knie fiel. Neben mich setzte sich eine Gruppe Jugendlicher, oder vielleicht doch schon junger Erwachsener. Ich sah nicht mal auf. Sie sprachen eine Sprache, die ich kein bisschen verstand und auch nie verstehen werde. Links von mir redete eine alte Dame in lila-gelber Jacke, eine komplette Geschmackverirrung aus meiner Sicht, auf ihr Enkelkind ein. Das Mädchen sprang gekonnt auf den Steinen am Wasser umher.
Eine Frage durchkreuzte mein Sinken in die Gedankenwelt:
Warum haben alte Menschen so viel Angst, dass etwas passiert? Wenn nichts passiert, leben wir dann überhaupt?
Ein kleines Schmunzeln zog über mein Gesicht und ich versank weiter in meiner Welt.
Am Ende interessierte mich weder rechts noch links, ich nahm das athletisch begabte Mädchen und die Jungs neben mir nur am Rand meines peripheren Blickfeldes wahr, schenkte ihnen aber trotzdem die nötige Aufmerksamkeit. Der Großteil meiner Aufmerksamkeit richtete sich auf meinen Handy-Bildschirm.
System: Mail eingetroffen - Wichtigkeit: sehr hoch
Die Nachricht war vor zwei Minuten auf dem Bildschirm erschienen.
>{2} Ich spürte, es war Zeit, tief zu sinken. Ich war mal wieder froh über die speziellen Fähigkeiten meines Handys. Gerade jetzt sollte niemand wissen, wie viel oder mit wem ich kommuniziere.
>{3} Statt aufzustehen und zur nächsten Metro-Station zu rennen, schloss ich meine Augen und genoss die Stille meiner eigenen Welt, die sich in mir öffnete, wenn ich meine Aufmerksamkeit nach innen richtete.
II. Farbe der Seele
Vor Jahren hatte ich eine Begegnung, welche mit einer Frage begann und im leeren Raum endete. Die Frage brachte mich erstaunlich lange zum Nachdenken, bevor ich eine Antwort gab.
>{3} Die Antwort war mir intuitiv sofort klar.
Ich hatte meine Augen nur kurz geschlossen gehabt - *Alles war wie immer in meiner inneren Welt* - und sah nach kurzem Schweifen meines Blickes eine graue Gestalt. Die Umrisse waren verschwommen. Ich konnte sehen, ohne etwas zu erkennen. Ich kannte die Welt vor meinem inneren Auge nicht anders.
Ich habe, zugegeben, auch nicht wirklich nachgedacht, ich wollte nur kurz in meiner Welt versinken und dieser Prozess braucht nun mal etwas Zeit. Erst als Sie erneut fragte:
Sie: Und? Als welche Farbe würdest du dich beschreiben?
und klarstellte:
Sie: Und ich meine nicht deine Lieblingsfarbe.
sagte ich in stoischem Ton:
Ich: Grau. Es war so, es ist so und es wird immer so sein.
Sie zeigte mir Wochen später nach Vertrauensaufbau, durch stundenlangen Austausch von Erfahrungen, bei einem platonischen Treffen in ihrer kleinen Kellerwohnung, ein kleines Buch, in dem sie in teils winziger, aber durchaus schöner Handschrift hunderte, wenn nicht tausende Male denselben, ungefähr zweihundert Worte langen Text geschrieben hatte. Sie schrieb ihn jede Nacht, wirklich jede. Keine Seite hatte auch nur einen Quadratzentimeter Platz. Jede Ecke, jeder gelassene Absatz, jeder leere Raum wurde von ihr genutzt, um ihn mit diesem Text zu füllen. Es war eine schauerlich schöne Ansicht. Sie gab das Buch nicht aus ihrer Hand. Sie blätterte nur einen langen Augenblick vor mir in ihrem, für sie eindeutig persönlich wertvollen, Buch herum. Sie gab mir nie die Chance, auch nicht auf Nachfrage, den Text, den sie jede Nacht niederschrieb, zu lesen.
Vielleicht spürte sie, dass ich noch nicht bereit war.
Eins wusste ich seit jener Nacht, in der ihr Buch in meine Welt fiel -
egal wie grau-sam die Welt, eine gute Seele verliert ihre Farbe nie.
Sie verriet mir ihre Antwort auf die Frage Wochen zuvor, ihre Seelenfarbe war nicht schwarz oder weiß. Auch nicht grau. Mit der Vision ihres Buches vorbeirauschend am inneren Auge tauchte ich wieder auf und schaute zum dritten Mal auf die Nachricht, die immer noch auf meinem Handy-Bildschirm aufblinkte.
Meine Intuition sagte mir: >{4} du brauchst Sie nicht öffnen. Du kennst ihren Inhalt, du kennst die Zeilen.
Ich öffnete sie trotzdem. Ich schaute auf meinen grauen Bildschirm und ließ die Nachricht langsam an mir vorbeiziehen.
An jeder Kreuzung steht Sie
Nicht immer gehst du ihren Weg
Und geht Sie nicht mit dir
Komm ich aus der Dunkelheit
Aus dem Schutz des finsteren Waldes
Ich zieh' Sie von dir
Von dir in die Tiefen
Dunkler als die Nacht
Sie sieht deinen Traum
Versteht nicht was du meinst
Geb' Acht - Ich bin nicht dein Freund
Doch warte im leeren Raum
Treffen um halb acht
Als die letzte Zeile in meine Tiefe gefallen war, fühlte ich eine Leere in mir.
>{5} Sie erschien mir blau-grau mit körnigem Hintergrund in dunkler grau-grüner Farbe. Irgendwie ruhiges Chaos, irgendwie stürmische Ruhe. Wenn diese Leere, die ich fühlte, irgendwie beschrieben werden konnte, dann so.
III. Schöne Erinnerung
Es dauerte nicht lange und die Leere füllte sich wieder. Ich hatte noch keine Lust wieder aufzutauchen und verweilte in meinem Grau. Die Nachricht musste tiefer in mir aufsteigen zu den grauen Landschaften meines Seins. Zum Gipfel sinken und ins Tal hinaufsteigen. Auf einmal dachte ich an meinen Großvater.
Ich erinnere mich an wenig, was mein Großvater mir erzählte, dafür starb er zu früh an den Folgen der Bergarbeit. Großmutter meinte, dass er immer sagte: *„Die Arbeit hat meine Lunge und Seele zur Farbe der Berge gefärbt.“*
Großmutter: Recht mag er haben, warum weiß nur er.
An ein paar Zeilen von ihm, gerichtet an mich, vermag ich mich aber sehr gut zu erinnern. Er muss es mir am zweiten Weihnachtsabend nicht weit vor meinem vierten Geburtstag erzählt haben. Ich träumte oft davon, manchmal auch heute noch. Er saß in seinem schlichten Holzsessel mit minimaler Polsterung, weswegen dort immer mindestens drei karierte, zusammengelegte Wolldecken lagen. Ich saß auf seinem Schoß und er wippte mich mit geschmeidiger Bewegung seines rechten Oberschenkels. Er schaute auf den Weihnachtsbaum, an dem ungefähr zwanzig echte Kerzen, dreiviertel abgebrannt, warmes gold-gelbes Licht in den Raum warfen. Er begann gerade sein zweites Glas Wein des Abends zu schlürfen. Der Rest der Familie hatte sich vor einigen Minuten wegen Problemen mit dem Gasofen in der Küche zum Krisenstab versammelt. Ich war alleine mit ihm im Wohnzimmer. Plötzlich sagte er:
Großvater: Hör mir zu.
Ich schaute ihn an und wir blickten uns einen ewigen Augenblick tief in die Augen, bevor er begann zu sprechen. Ich hatte aufgehört mit meinen zwei Holzbausteinen in meinen Händen zu spielen und war gespannt, was jetzt kommen würde.
Großvater: Die Leute denken Schwarz ist der Tod und der Schrecken - Weiß das Licht und das Gute - Und die Grüne Natur bringt die Farbe.
Er machte eine längere Pause.
Großvater: Ich sage dir aber - Egal wie dunkel und tief die schwarze Finsternis erscheint, in ihrer Tiefe ist sie Grau - Egal wie hell und grell das weiße Licht, in der Höhe ist es Grau - Egal wie farbenfroh die Natur - schöne Gewalt bringt auch ihre Muster wieder ins Grau, hier und da mit buntem Saum. In deinen Augen sehe ich das Schöne im Grausamen. Das Schönste, das ich je gesehen habe. Wenn meine Zeit gekommen ist, ist mein Seelenstrudel dein'.
Wir schauten uns immer noch tief in die Augen, als er fertig war. Ich nahm intuitiv meinen rechten Zeigefinger und hielt ihn empor, Bausteine in der Linken. Er setzte sein Glas auf dem Fenstersims ab und machte mit seinem rechten Zeigefinger, ausgestreckt Richtung Himmel, eine fließende Bewegung nach Unten und ließ dabei langsam seinen Arm an der Stuhllehne vorbei sinken, bis der Finger vollständig Richtung Unten, dem Boden, zeigte.
So muss es passiert sein, denn ich sah es immer und immer wieder in meinen Träumen. Wie oft ich aufwachte, als sein Arm an der Lehne vorbeigesunken war. Er starb wenige Monate später kurz vor meinem Geburtstag.
>{3} Ich verspürte keine Trauer, sein Tod war mir gleichgültig. Ich wusste, er ist immer noch bei mir.
Ich war er, er war ich,
und doch sind wir beide
so viel mehr.
So war es, so ist es,
so wird es immer sein.
IV. Die Melodie ertönt
Ich war tief genug gesunken. Ich öffnete langsam wieder meine Augen. Aus Grau wurde wieder ein blaugrauer See mit gläsernem Botanik-Palast mit beschlagenen Scheiben zur Rechten und mittlerweile verlassenen Steinen zur Linken. Ich blickte auf und schaute in die Ferne, über eine steinerne Brücke hinweg auf einen kleinen Hügel dahinter. Die Bäume ein mattes Rot, hier und da ein paar mattgrüne oder gelbe - es war ja schließlich auch Winter. Ich schaute weiter rauf in den Himmel, ein helles Graublau.
>{1} Irgendwas schien komisch.
Ich drehte mich um. Die Sonne schien noch immer in vollem Glanze, wie sie es tat, als ich in den Park gekommen war, keine einzige Wolke am Himmel. Ich drehte mich wieder Richtung Hügel.
>{2} Irgendwas war sehr wohl komisch.
Ich starrte wieder hinauf in den wolkenlosen Himmel. Minuten lang. Es waren die Farben. Sie waren alle matt und grau.
>{3} Nicht sicher, ob ich zurück in der Realität der äußeren Welt war oder noch in meiner grauen Inneren.
Ich schloss meine Augen erneut. Alles wieder ein stumpfes Grau. Ich schüttelte meinen Kopf und chaotische Muster in Grautönen flossen in meine Welt. Nach einer kurzen Weile öffnete ich meine Augen neu. Und die Farben? ..wieder prachtvoll strahlend, ja die Farben, nicht mehr matt, nicht mehr mit diesen grauen Tiefen und Schlieren.
Das Handy war noch immer in meinen Händen. Als ich auf den schwarzen Bildschirm schaute und den Knopf an der Seite mit meinem Daumen drückte, erschien keine Nachricht auf meinem Sperrbildschirm. Ich gab meinen zehnstelligen Code ein. Aus Zahlen sowie arabischen und kyrillischen Schriftzeichen und am Ende eins von persönlichem Wert aus der Sprache des Nordens.
>{1} Es erinnerte mich an einen Tannenbaum, mit einem kleinen Knick am rechten unteren Rand.
Danach kamen der Fingerabdruck und noch ein Iris-Scan.
>{2} Verwundert, dass keine neue Textnachricht auf einer meiner zwei Prepaid-SIM-Karten oder den vier eSIM-Karten zu finden war, öffnete ich mein Mail-Fach. Es war noch tief in der Nacht im Hauptbüro, es sollten keine Nachrichten eingetroffen sein, mein Auftrag war klar.
Der Ladevorgang, über eine Vielzahl von Satelliten, Privat-Servern und eine geschickte Verknüpfung verschiedener Netzwerke im Ladeprozess - ein wahres Iain Cyber-Labyrinth - brauchte seine Zeit.
Ich schaute nochmal auf das Wasser vor mir, dann den Hügel hinauf, dann in den wolkenlosen Himmel - die Farben strahlend.
>{2} Ich war in der Realität.
Ich schwenkte den Blick zurück auf den Bildschirm und sah genau eine neue Nachricht.
Eingang: Betreff - Planänderung // Es geht auf Jagd - vor 2 Minuten eingetroffen.
V. Tee im Smog
Ich liebte die Jagd. Sie erfüllte mein Sein und im Gegensatz zu den meisten anderen Jagdpraktiken war unser Ziel nicht, unsere Beute zu töten oder zu schwächen. Oft war sie zu finden und auszukundschaften nutzlos. Es war keine klassische Jagd und die angewendeten Methoden waren unsere. Unsere Beute tarnte sich nicht mit natürlicher Camouflage in den Mustern ihrer Umgebung. Sie tarnte sich mit Ungewissheit und Vielfältigkeit im Chaos der modernen Welt. Oft zu finden, aber nie zu greifen.
>{2} Der Staat, der die Ordnung liebt und das Chaos hasst, stempelt unsere Beute meist als unbedeutend ab, hier und da auch als das Böse.
Sicher fragt ihr euch, was wir mit unserer Beute anstellten, wenn wir sie mal an der Angel hatten. Mein Chef, der gleichzeitig mein engster Vertrauter und Jagdkamerad in der virtuellen Cyberwelt war, sagte beim letzten persönlichen Treffen an einem Chai-Stand in der Nähe des Flughafens von Neu-Delhi etwas, das bis heute in mir hallt. Ich hatte Iain nur zweimal in meinem Leben persönlich getroffen und ich habe meine Zweifel, ob es sein richtiger Name ist.
>{4} Woran ich nie zweifelte, war sein gutes Herz.
Das letzte Treffen mit ihm hatte nicht gerade schön begonnen. Die Jagd war erfolglos, wir wurden ausgespielt - *komplett verarscht* - und am Ende wurde ich fast noch „hopsgenommen“. Man könnte auch sagen, man wollte mich loswerden, als ich einen meiner Kontakte in Rishikesh aufsuchte, in einer Seitengasse zwischen einem Hindu-Tempel, Yogaresort und mit Blick auf die atemberaubenden Sandstrände des Ganges. Der heilige Fluss, der hoch oben dem Gangotri-Gletscher im Himalaya entspringt und sich nach unten in den Dschungel schlängelt, und dabei Rishikesh rechts liegen lässt, bevor er sich Richtung Osten aufmacht.
>{1} Zum Glück ist der Fluss so nah an seiner Quelle noch nicht komplett verdreckt.
In besagter Seitengasse war ich gerade im Austausch mit einem Instrumentenbauer, er baute komisch aussehende Gitarren, Sitars. Die Sitar hatte Dutzende Saiten und sah wie eine überkomplexe, klobige Akustik-Gitarre aus. Von meinen vier vorangegangenen Besuchen wusste ich, dass nicht alle Saiten bespielt wurden und die Mehrzahl der Saiten zur Resonanz dienten.
>{2} Faszinierendes Instrument.
Und ich schaute eine besonders abgegriffene, in der Ecke stehende Sitar an, während ich dem Instrumentenbauer zuhörte, wie er seine Beobachtungen der letzten Tage schilderte, und mich plötzlich eine innere Intuition überkam. Mein Bauch krampfte und ich wusste, ich musste fliehen. Ich ging langsam Richtung Fenster und spätestens als ich unten die Tür knarzen hörte, wusste ich, es gab nur einen Ausweg. Meine Intuition rettete mich und natürlich der Sprung in den reißenden Ganges. In dem ich fast ertrank, war es wieder meine Intuition und natürlich das Raft-Schlauchboot, voll mit reichen Indern aus Mumbai, das mich rettete.
>{2} Tourismus ist irgendwo ja auch eine Form des Pilgerns.
Wie ich zurück nach Delhi kam? Durch den Dschungel, dann über und durch die Vorläufer des Himalayas, mehr oder weniger, als Anhalter in überfüllten Jeeps, überladenen LKWs und auf dem Rücksitz eines alten ikonischen Motorrads, dessen Namen der junge Fahrer mir enthusiastisch einzubläuen versuchte. Ich hatte mit Absicht nicht den direkten Weg nach Delhi zurückgenommen, um meine Spuren zu verwischen. Am Ende meiner Motorradfahrt war mir schlecht nach den ganzen Kurven der Gebirgsstraßen und ich war mit großen Umwegen in Mussoorie angekommen. Ich drückte dem Fahrer ein paar Scheine in die Hand, für die Fahrt und um mir einen letzten Gefallen zu schenken: Ein Taxi bestellen, das mich nach Delhi bringt.
Der Fahrer des Taxis war zum Glück die ganzen siebeneinhalb Stunden schweigsam und ließ mich drei Kilometer vor dem Flughafen am Straßenrand aussteigen - wir waren stecken geblieben im absolut verrückten Feierabendverkehr von Delhi. Ich wurde auf dem Weg an den Straßenrand nur siebenmal angehupt und dreimal knapp überfahren, als mich eine Hand wie aus dem Nichts an eine Thela heranzog, einen einfachen Holzkarren mit improvisiertem Dach aus blauer Plastikfolie. Es war ein kleiner Chai-Stand, der auch etwas Gemüse verkaufte. Es gab unzählige dieser Karren in Delhi. Und plötzlich stand ich vor ihm. Er war ganz in Schwarz gekleidet. Schwarze Sneaker, schwarze Hose, schwarzer Hoodie, schwarze Cap tief ins Gesicht gezogen, schwarze Atemmaske, es waren nur seine Augen zu sehen.
Perplex sagte ich, nach einem ewig erscheinenden Augenblick, in welchem ich mich versicherte, dass wirklich gerade Iain vor mir stand:
Ich: Was zum Gott verdammten Fick. Ich bin fast umgekommen. Ich will diesen Jagd-Scheiß hinter mir lassen. Meine Jagd wird immer mehr zur Flucht.
Iain: Du kannst mich und die Jagd nicht hinter dir lassen. Unsere Muster werden in die Ewigkeit hallen. Was glaubst du, wie ich dich gefunden habe?! Weißt du, warum wir diesen Scheiß hier machen?
Ein Moment der Leere wiegte zwischen uns, in dem wir beide in die Tiefe der anderen Seele schauten durch das Tor der Augen, bevor er fortsetzte:
Iain: Wir jagen scheinbar böse Menschen, weil die nötige Aufgabe, Gleichgewicht in die Welt zu bringen, eine undankbare ist.
Ich schaute immer noch in die Leere und er sprach weiter.
Iain: Ich kann es auch schöner ausdrücken, damit es bei dir ankommt. Wir suchen Sterne, weil der Himmel für das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse nicht ausreicht.
Immer noch mit Blick in den leeren Raum hinter seinen Augen, in welchem sich der Fluss einer Person aus der Vergangenheit durch die Gegenwart in die Zukunft spiegelt, senkte ich meinen Kopf leicht ab und schloss dabei kurz meine Augen, um Iain meine Zustimmung zu symbolisieren.
>{4} Es war zu tief, um passende Worte zu finden.
Iain griff in seine Hosentasche und drückte mir ein kleines graues Päckchen in die rechte Hand. Dabei sprach er leise:
Iain: Manchmal ruht der Fluss in der Finsternis, aber er steht niemals still.
Es kam aus meiner Tiefe, ich antwortete behutsam:
Ich: Also ist die Finsternis ein Freund unserer Jagd?! Unsere Schatten haben sich scheinbar aus gutem Grund in der Tiefe getroffen.
Mit unserer Hand leicht nach oben gerichtet schlugen wir ein, zogen uns gegenseitig näher und hielten in der Umarmung, mit gesenkten Köpfen, kurz inne. Dann gingen wir in gegensätzliche Richtung, aber beide durch den Dreck und Smog des schön chaotischen Delhis.
VI. Angeln
Mit meiner Aufmerksamkeit wieder auf die Mail von Iain gerichtet, welche vor drei Minuten eingetroffen war, öffnete ich ihren Inhalt. In der Mail stand ein einziger Satz.
Iain (Mail): Folge der Melodie, du kannst sie hören.
>{2} Noch hörte ich gar nichts, vielleicht war meine Frequenz noch nicht richtig eingestellt.
Iain muss ein Signal oder Muster aufgegriffen haben und ich vertraute ihm. Ich stand auf und schaute auf die Muster des Steins, auf dem ich eine sehr lange Weile gesessen habe, und machte mich dann auf den Weg zurück Richtung Metro-Station. Keine dreißig Meter gegangen, Richtung der Brücke, auf die ich vorher noch starrte, und ein Mädchen kam mir entgegen. Ihr kleiner Bruder war direkt hinter ihr an der Hand seines Vaters. Das Mädchen hatte einen leichten Schritt, ein strahlendes Lächeln und einen kleinen blauen Lautsprecher um den Hals baumelnd.
>{1} Ein Lautsprecher?!
Ich spitzte meine Ohren und hörte. Nach ein paar Sekunden realisierte ich, dass sie dabei war, Englisch zu lernen. Aus ihrem Lautsprecher erklang ein mythologisches Epos, ein Fantasy-Meisterwerk der chinesischen Literatur. Ich schärfte meine Aufmerksamkeit.
Sun Wukong, „equal to heaven“, wurde gerade von Buddha Shakyamuni bezwungen. Oder man sollte eher sagen, Sun Wukong wurde getäuscht. Statt aus der Hand an das Ende des Kosmos zu springen mit seinem Himmelssalto, endet sein Sprung an den Fingerspitzen des Buddhas. Allerdings konnte keine der Gottheiten im Himmel dem steinernen Affen auch nur ein Haar krümmen, geschweige denn dem Affen das Leben aushauchen. Egal ob mit Gewalt von Waffen, der Elemente oder mit Gift. Stattdessen sperrt der Buddha ihn in den Berg der fünf Elemente, wo der Affe mit geschmolzenem Metall gefüttert wird und in der Tiefe des Berges auf seine Erlösung warten muss.
>{3} Ich erinnerte mich, meine Ma hatte mir zum Einschlafen immer aus ihrem Lieblingsbuch gelesen. Daher liebte ich das Buch auch. Außerdem hat es mir viele Lebensweisheiten mit auf den Weg gegeben.
Das Meisterwerk - eine alte Pilgerreise von einem einfachen Mönch mit seinen mythischen Begleitern, vom Osten in den Westen und zurück, auf der Suche nach heiligen Schriften. Eine Geschichte von kosmischer Wichtigkeit.
In Gedanken versunken, sah ich meine Mutter neben mir am Bett sitzen, ihre Kette mit Kreuz in der linken, eine Turitella in der rechten Hand. Sie erzählte mir oft, für was sie standen.
Das Kreuz für die Opfer, die wir bringen
Und den Schmerz
Den wir bis zur Blüte des Schönen auf unseren Schultern tragen
Die siebenfach spiralförmig gewundene Muschel für die Kreise
Die wir drehen und so das Obere nach unten und das Untere nach oben tragen
Bevor Sie mein Zimmer verließ und die Tür bis auf einen kleinen Spalt heranzog, sagte sie für gewöhnlich:
Mutter: Außer am Ende und Anfang der Wirklichkeit geht es immer um Gleichgewicht.
Auf eine kleine Karte hatte sie mir geschrieben:
Ich bin immer da,
wenn du mich brauchst.
Egal ob hart oder weich,
arm oder reich,
für mich bleibst du immer meins.
So bleibst du ganz deins.
Finde eine, die ein großes Herz hat,
mit dir Träume teilt
und dabei ihren Fluss mit deinem eint.
Dann plötzlich wechselte die Szenerie und ich ging mit ihr auf eine große Holztür mit schönen mittelalterlichen Verzierungen zu. Es war die Tür unserer Stadtbibliothek. Ich schenkte den Verzierungen meine Aufmerksamkeit, bis sie verschwammen, und öffnete meine Augen, ließ mein Blick über die Wiese hinter mir schweifen, erblickte das Mädchen mit dem Lautsprecher um den Hals, sprach ein kleines Gebet in meine rechte Hand, oder eher eine kleine Danksagung:
Wir sehen uns wieder im Ganzen
Denn ich danke dir
Du weißt nicht für was, aber ich trage die Erinnerung in mir
Unsere Schatten tanzen
Und du nimmst mich mit
Auf einer Reise ins Gleichgewicht
... und warf ihr die Worte mit einer geschmeidigen Bewegung zu. Ich blickte in den Himmel, dann auf den Boden und wusste:
Die Jagd hat begonnen. Der Damm ist gebrochen, die Welle nicht zu stoppen.
VII. Das gelbe Meer
Mit schnellem Schritt trieb es mich durch die Menschenmenge, die sich durch den Park drückte. Meine Sicht war leicht verschwommen, doch ich fand meinen Weg, ohne nachdenken zu müssen, ohne mich aktiv zu orientieren. Ich stieg in die Linie 7, stellte mich an die Tür, mit Blick aus dem Fenster, und fuhr durch den Untergrund, vierzig Minuten, ganz in den Süden der Stadt. Aus dem Untergrund in den Sonnenschein zurück, der sich an den tausenden Scheiben der Glasfassaden zu einem Strahlen-Mosaik brach, welches am Ende auf graue Straßen klatschte - ein grau-gelbes Großstadtmeer.
Die dunkelgrüne Cap tief ins Gesicht gezogen, lief ich ostwärts für drei Blocks und bog in eine Nebenstraße ein. In der Ferne sah ich es, ein gelbes Schild mit schwarzer Schrift am unteren Rand und einem kalligraphischen Schriftzeichen in der Mitte. Es war ein Restaurant, nicht irgendeins, der beste Kebab der Stadt, zumindest nach Aussage eines Straßenkünstlers, der traurig-bunte, sehr abstrakte Ölgemälde malte und im winzigen Hinterzimmer seines Studios bis zur Decke stapelte. Er brachte seine nie endenden Träume von gestürzten Seiltänzern des modernen Liebesdramas auf Leinwand. Zwar mit bunter Farbe, aber in dunkelgrauen Formen und Gestalten.
Nach meinem Besuch im „gelben Meer" vor wenigen Tagen war auch ich überzeugt davon, dass es keinen besseren Laden in der Stadt geben kann.
>{2} Frisches Lammfleisch am Spieß über spezieller Quittenbaum-Kohle aus dem Norden des Landes, zubereitet in einer halb überdachten Feuerstelle aus hellen, sandgelben Schamottziegeln, ist einfach nicht zu schlagen.
Die Küche mit drei in Schwarz gekleideten Köchen war durch eine große Glasfront auf der rechten Seite komplett einsehbar. Die drei Köche trugen schwarze Bandanas mit einem einzigen hauchdünnen gelben Strich in der Mitte und wuselten im - eindeutig - koordinierten Chaos durch die Hitze des Ziegelofens. Ich stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite und blickte jetzt durch die große Fensterfront links vom Eingang. Ich schaute in einen großen Raum, an die zwanzig Tische aus dunklem Holz, umrundet von couch-artigen Bänken mit ockerfarbenen Stoffbezügen. Das Besondere war, dass Tische, die Sitzgelegenheiten, die Kerzenständer an den Wänden und über den Gästen, wie der Raum und seine Wände keine Ecken aufwiesen. Keine einzige Ecke, und je länger ich hinein starrte, desto mehr begann der Raum sich zu bewegen. Scheinbare Wellen flossen von den Lichtquellen über die Tische und verschwanden im hölzernen Boden. Der Raum wirkte wie ein gelb-braunes Meer bei seichtem Wind.
Fast versunken im gelben Meer, tauchte ich wieder auf und lenkte meine Aufmerksamkeit auf die Muster der gewebten, eng am Kopf anliegenden, bunten kleinen Mützen, getragen von den Kellnern, gekleidet in khakifarbenen, fast knielangen Shirts mit schwarzen Hosen und Schuhen. Laut meinen Recherchen am Handy auf der Fahrt mit der Linie 7 war der Name für die kleinen Mützen - Doppa - eine traditionelle Kopfbedeckung jener Gegenden. Ich erkannte einen der Kellner wieder. Er war wie vor wenigen Tagen im Dienst und lief mit geschmeidigem Schritt und vollem Tablett mit leeren Tellern und Gläsern zur mindestens fünf Meter langen Essenstheke aus mattschwarzem Stein. So wurde die Küche direkt mit dem Hauptraum des Restaurants verbunden und der unterschwellige Geruch von verbrannter Quitten-Kohle komplementierte die Atmosphäre des Restaurants zur nahenden Perfektion.
Langsam zog ich meinen Blick zurück aus dem Inneren des gelben Meeres und richtete meine Aufmerksamkeit auf die Eingangstür. Die Tür hatte sieben gewellte, horizontale Silber-Streifen auf eloxiertem, mattgrauem Aluminium, von ganz unten sich nach oben schlängelnd, auf unterschiedlicher Höhe endend, mit leichten Schnörkeln. Ohne weiteres Nachdenken öffnete ich die schwere Türe und stand im kleinen Eingangsbereich, der vom Hauptraum durch eine Tür aus Milchglas abgetrennt war. Der Vorraum war komplett mit dunklem Holz ausgekleidet, auch der Boden, nur die linke Wand war aus ockerfarbenem Lehm und ich starrte sie an. Mit geschwungener Schrift, ganz in Schwarz, stand dort etwas in einer fernen Sprache. Der Übersetzer meines Telefons spuckte Folgendes aus, auf der Fahrt mit der Linie 7, anhand des Fotos, welches ich beim ersten Besuch gemacht hatte:
Auf gelber See in großer Not
Im Kahn aus süßem Holz
Zieht der Geruch von schwarzer Kohle durch den Tod
Und macht uns, unsere Vorfahren, unsere Kinder stolz
Ich starrte immer noch auf die Wand und ließ die kalligraphischen Schriftzeichen tief sinken.
>{3} Sie hatten eine nicht greifbare Eleganz, als hätte sie der Wind gemalt.
Siebenmal flüsterte ich die Zeilen leise mir selber zu, dann drehte ich mich Richtung Glastür und ging hindurch. Er stand vor mir, nickte kurz und machte eine klare Handgeste, ihm zu folgen. Ich folgte und betrachtete dabei das Muster seiner Doppa.
>{2} Erst dachte ich, das eingewebte gelb-weiße Muster auf dunkelbraunem Hintergrund sollte einen Schmetterling darstellen, jedoch waren die Flügel nicht geschwungen. Sie richteten sich vom Kopf, nach außen abgehend, gerade nach hinten. Die Form beider Flügel wirkte eher wie ein umgekehrtes Herz und nicht wie geschwungene Schmetterlingsflügel.
Ich folgte ihm in die hintere rechte Ecke des Raumes an einen kleinen Tisch mit zwei Stühlen und wenig einfallendem Licht. Er zog den Richtung Fenster gerichteten Stuhl zurück und nahm mir meinen Mantel ab. Ich setzte mich und wollte dem Kellner grade mitteilen, dass ich gern einen weißen Tee mit einer Jujube hätte, wie beim letzten Mal, er war jedoch bereits drei Meter weiter an der Garderobe am Mantelaufhängen. Ich drehte meinen Kopf zurück Richtung Küchentheke und folgte mit Interesse dem Handeln der Kellner und Köche im gelben Meer.
Plötzlich eine Stimme ganz in meiner Nähe:
Sie: Schön, dich wieder auf See zu sehen. Lange genug hat dein Sturm geruht.
Ich drehte mich ganz Richtung Fensterfront und damit der mir am Tisch gegenübersitzenden Person entgegen. Ihr sanftes Gesicht kaum zu sehen, abgewendet von jeder Lichtquelle, ihre Haare wirkten im goldenen Schimmer des Raumes vanillegelb und an ihren gefalteten Händen, die auf dem Tisch lagen, waren außer langen weißen Fingernägeln drei Ringe an der rechten Hand zu sehen und vier an der Linken. Ich konnte nur die drei Ringe an der rechten Hand vollständig sehen. Am Mittelfinger waren zwei dünne Silber-Ringe zu sehen, die durch einen winzigen goldenen Stein in ihrer Mitte zu einem Ring verschmolzen. Der Ring am Zeigefinger muss schon einiges durchgemacht haben, der Bronzering hatte viel schwarze Patina, was den sich um den Finger schlängelnden Drachen noch mythischer wirken ließ. Am Ringfinger war ein einfacher Silber-Ring zu sehen mit einer Gravur mit geschwungenen Schriftzeichen, die ich leider nicht entziffern konnte, egal wie viel Licht auf sie scheinen würde. Ich sammelte mein Selbst und ließ ihren Satz in mir hallen. Dann antwortete ich:
Ich: Ich bin immer auf See, nur ohne Sturm kann ich niemanden finden und niemand findet mich. Ich folge dem Fluss meiner Intuition, der aus seiner Mitte strömt. Was ich mich frage, ist, warum ich dir hier begegne.
Sie zuckte leicht mit ihren Schultern, ihre Mundwinkel zogen sich leicht nach oben, genau wie ihre Augenbrauen.
Sie: Ich glaube an dich, weil du mir deinen Glauben geschenkt hast. Du hast deinen Glauben zwischen uns sterben lassen, damit er in mir Leben sät. So führe ich jetzt mit mir deine Armee der Totgeglaubten. Der Tod ist nur ein Schatten von allem, das gelebt wurde. Du wirst sagen ‚Nur? Nur ein Schatten?!'. Ich sage ja. Sie entspringen dem Licht und haben trotzdem Macht über ihren Schöpfer. Die Schöpfung des Lichts malt mit ihnen. Schatten sind alles, was wir sehen, alles, was wir sind, und doch ist das Licht so viel mehr.
Eine längere Pause entstand und sie nahm zwei Schlucke aus ihrem Weinglas, bevor ich einsetzte.
Ich: Der Fluss des Ganzen entscheidet, wann gestorbener Glaube in den Tiefen neues Leben sät. Es ist ein Segen, dass du sie führen kannst. Du scheinst der undankbaren Aufgabe, der Schaffung von Gleichgewicht, gerecht zu werden. Das, was ich in großen Stürmen am meisten brauche.
Mit den Erfahrungen der Zeit hatte ich gelernt, bei diesen Treffen das Denken einzustellen und von einem anderen Ort in mir zu sprechen. Ein Ort, aus dem wir entspringen und uns zum Schatten macht.
Sie: Wir werden an deiner Seite stehen. Die Totgeglaubten standen schon immer im Sturm des Lebens. Wie Steine auf dem Tisch, vier Blocks von hier, wo das Licht erst spät erlischt.
Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach - 'Steine auf dem Tisch...'. Doch ich spürte - ich war, wo ich sein sollte.
Ich: Schön zu hören, dass man nicht allein auf See ist. Ich folge einer Melodie, hörst du sie auch?
Sie: Welche Melodie? Ich höre nur dich.
Ich nickte und sie setzte fort.
Sie: Und jetzt zum geschäftlichen Teil, damit du im Sturm gut gewappnet bist, auch wenn wir mal nicht bei dir sind. Sie wird in der Innentasche stecken. Klein, leicht, ein loses Eisen, wenn du verstehst, nicht sehr langwierig, aber effektiv, sicher ein halbes Dutzend, mit viel Glück ein Ganzes. Alles verstanden, brauchst du noch etwas?
Erst nickte ich leicht, dann schob ich meine ausgestreckte rechte Hand von links nach rechts und schüttelte dabei leicht mit meinem Kopf, um zu symbolisieren, dass alles verstanden wurde und nichts mehr gebraucht wird. Dann sagte ich:
Ich: Lass uns Essen bestellen und das gelbe Meer genießen.
Sie winkte einen Kellner herbei und antwortete:
Sie: Bevor der Sturm aufzieht.
VIII. Goldener Wind
Diesmal hatte die Begegnung nicht mit einer Frage begonnen und endete auch nicht in der Leere. Eher das Gegenteil - „Schön dich wieder auf See zu sehen." - und noch dazu, mit etwas in meiner inneren, rechten Brusttasche. Ich stand wieder vor der viel zu schönen Aluminiumtür des gelben Meeres und vermisste jetzt schon den Saum ihres Seins, geworfen auf mich, aus ihrer Seele. Ihre Seele ein violett angehauchtes Rosa im seicht tanzenden Schein zwischen Gelb und Rot. Der Saum nur zu spüren, lässt sie ihren dunklen Nebel, ihre Licht-undurchlässige Hülle, fallen.
Ich hatte beim stillen Essen gemerkt, wie wir uns Dinge sagen können, ohne zu reden.
Der Besuch im gelben Meer hallte tief in meinen Gedankenflüssen und auch die vielen, über Quittenkohle gegrillten Kebabs lagen, nach hohem Genuss, am Grunde meines Magens. Ich fragte mich kurz, was sie wohl wahrnimmt an mir - ich schloss kurz meine Augen - und lenkte den Gedankenfluss zu anderen Ufern. Öffnete meine Augen wieder und lief, gegen den Wind, die Straße hinunter.
Ich stand zwei Blocks nördlich vom gelben Meer an einer großen Kreuzung mitten in der Mega-Großstadt. Die Ampel des Fußgängerübergangs war gerade rot geworden und ich nutzte die Zeit, um mir nochmal an die Brust zu fassen und ließ danach meine Hände in die Seitentaschen meiner Jacke gleiten. Ich spürte die passenden Umrisse - meine Versicherung - auf den geschäftlichen Teil des Meeres war Verlass.
>{2} Ich musste die Objekte natürlich noch inspizieren und mich mit ihnen vertraut machen, aber hier war sicher nicht der richtige Ort dafür.
Die Ampel wollte nicht grün werden und mein Gedankenstrom ließ mir keine Ruhe und auch mein Magen war übervoll und meldete sich mit lautem Grummeln. Ich entschied mich für eine kleine Mauer hinter mir und setzte mich, während ich mich leicht in die direkt an die Mauer angrenzende Hecke, aus grün-roten Sträuchern, lehnte.
Ich folgte dem wirren Treiben um mich herum, was im Gegensatz zu den letzten Stunden, wie ein spiegelglatter Bergsee, auf mich wirkte. Die letzten Stunden fühlten sich wie ein Traum an und für mich war es ein Schöner. Ich träumte wenig in den letzten Jahren, schlief ich doch nur mit meiner glitzernden Medizin wirklich ruhig. Als Kind war das anders.
>{4} War nie beim Militär, aber meine Vorfahren scheinen den Krieg in meine Träume getragen zu haben.
Ihr grausamer Tod im Chaos der Welten hat sich mit meinem Lebensfluss verwebt.
Ich habe früh gelernt meine Träume zu deuten
Und ihre Tiefe und Größe war einfach nicht zu übersehen
Sie waren dennoch einfach gestrickt
Und ihre Nachricht habe ich verinnerlicht:
Jede Entscheidung, die nicht meine ist
Kann - nein - wird den Tod bedeuten
Wer leben will muss opfern, seine Familie, seine Freunde, seine Liebe, aber auch seinen Hass, seinen Willen, wie seine Lust, und vor allem seine eigenen Gedanken, um sein Selbst in großer Schönheit in der kleinen Seele aufgehen zu lassen. Aber der Wert der Schönheit, der den Opfern entgegengesetzt ist, muss sich im Ganzen dem Chaos der Seele aufwiegen.
Plötzlich verschwamm meine Sicht im wirren Treiben, der Verkehr auf der Kreuzung fuhr, auf der linken Seite meines Blickfeldes, in ein schwarzes Nichts. Mein Blick schweift nach rechts und ein dichter gelb-brauner Schleier vernebelt mir die Sicht. Vor mir zerfallen die Hochhäuser zu grauem Staub und ein starker Wind trägt ihn in die Höhe. Der Himmel färbt sich langsam grau, die moderne Großstadt um mich herum wandelt sich zu einer dreckigen-grauen Einöde. Egal wohin ich schaue, eine Landschaft, als hätte die Stadt die letzten Jahrzehnte nichts als Zerstörung von nicht greifbarem Ausmaß erfahren.
>{5} Schutt und Asche.
Ich ließ meinen Blick wieder von links nach rechts schweifen und dabei traf mich, wie aus dem Nichts, ein goldener Strahl. In die Weite geschaut - war es nicht nur ein Strahl, es war ein ganzer Schweif, gold-gelb, er spielte mit dem Grau des Staubes und zog sich fließend durch die Trümmer-Landschaft. Es entstanden gold-graue Muster, in die ich mich wahrlich hätte fallen lassen können, allerdings tat ich es nicht, ich hörte Schritte von rechts - viele Schritte, in einheitlichem Rhythmus.
Ich blieb ruhig sitzen und löste meinen Blick vom Schweif und drehte meinen Kopf langsam wieder nach rechts. Um die zwanzig Mann in alt-modischer Militärkleidung erschienen, in nicht allzu weiter ferne, aus dem gelb-braunen Schleier. Die Kleidung war überzogen mit einer grauen Staubschicht, mit Waffen in den Händen marschierten sie eisern dem goldenen Schweif hinterher, in den ich mich grade noch fallen lassen wollte.
Mein Fokus war ganz auf ihnen. Einer der Soldaten ließ sich zurückfallen in der Gruppe und mit vorbeiziehender Zeit, setzte er sich unscheinbar nach hinten ab. Ohne sich weiter umzuschauen, drehte er sich nach links - in meine Richtung - und ging gerade auf mich zu, während die restlichen Soldaten weitermarschierten. Noch konnte ich sein Gesicht nicht erkennen, aber er gab ein heroisches Bild ab, mit dem abklingenden goldenen Schweif in seinem Rücken, während der Wind seinen mit grauem Staub bedeckten Mantel majestätisch anhob.
Als er ein Stück nähergekommen war, stand in seinem Gesicht jedoch etwas anderes geschrieben, nämlich Gleichgültigkeit gepaart mit durchdringender Entschlossenheit. Jede Kontur wurde untermalt von tiefen, breiten, kleinen, großen, mit Staub gefüllten, Falten. Je näher er kam, desto komplexer und mannigfaltiger wurde die Falten-Landschaft geformt durch seine sanft wandelnden Gesichtszüge.
>{4} Doch was wirklich bis in meine Seele strömte war sein tief greller Blick, aus Augen, die sich der Wirklichkeit entgegensetzten.
Der normalerweise weiße Hintergrund, die Lederhaut, ein dunkles schwarz-braun, als hätte man Kohle grob mit dunkler Erde vermischt, die Iris ein mattes Grau mit seichten helleren und dunkleren Schlieren in gold-grauer Farbe, als hätte sich der Schweif der Trümmerlandschaft auf einen Tanz mit dem grauen Staub der Luft eingelassen in den Tiefen seiner Seele. Und die Pupille glitzerte silber-weiß, wie frisch gefallener Schnee im gespiegelten Licht des Vollmondes.
Soldat: Du hier, im ausgetrockneten Flussbett meines Seins.
Sagte er mit kratziger Stimme aber sanftem Unterton.
Ich: Ich weiß nicht, wo genau ich bin, aber es ist irgendwie schön grausam, grausam schön.
Antwortete ich ehrlich.
Soldat: Schön gesagt, du musst wissen, unsere Betten sind es alle. Das Chaos hat sie geformt und nur mein Blut kann die Spuren der vertrockneten Schönheit sehen. Um sie dann doch wieder zu fluten mit einer fließenden Welle des Seins. Wie Wasser sickern Samen in den Grund des Bettes.
Mir war nicht bewusst, was er mir genau vermitteln wollte, trotzdem nickte ich zustimmend und nach kurzer Pause fragte ich was mir auf der Zunge brannte.
Ich: In welche Schlacht ziehst du mit deinen Kameraden oder kommt ihr gerade aus einer? Und wohin wird dieser goldene Schweif euch führen?
Soldat: Wir führten eine Schlacht auf dem Grund des Meeres, wo unsere Opfer der Wirklichkeit liegen.
Ich: Von welchen Opfern sprichst du?
Soldat: Lass mich ausführen. Wir haben unser Sein dort oben geopfert...
Er zeigte auf den Boden, bevor er fortsetzte.
Soldat: ...unser Potenzial in der Unendlichkeit des Ganzen versenkt, damit ein Samen im Licht unserer vergangenen Finsternis zukünftig neu aufblühen kann.
Mein Blick traf seinen und das spiegelnd weiße Licht aus seiner Pupille ließ mich nicht los und zog meinen Gedankenfluss in die Leere, während er weitersprach.
Soldat: Wir sind zusammen in die gefrorene Nacht gegangen, meine Kameraden und ich, im Glauben ihr Licht zu schenken und Bedeutung zu finden. Am Ende sind wir dabei gemeinsam am Chaos unserer Zeit zu Grunde gegangen. Lange war alles dunkel und der Kampf, sowie die Suche, aussichtslos. Wir kennen es jedoch nicht anders, es ist Gewohnheit geworden. Doch vor wenigen Tagen brachen wir durch die Front, es war zuerst eine schwarze Finsternis. Ein Schwarz, das dunkle Kohle weiß wirken ließ. Doch statt von dieser Finsternis verschluckt zu werden, hielten wir inne. Nach einer ewigen Weile öffnete sich ein winziger Spalt in der schwarzen Leere, in der wir standen und ein kleines Ungeziefer kroch hervor, oder genauer nur sein Schatten. Er spannte seine Flügel und zog einen winzigen - goldenen - Schweif aus der Tiefe des Risses hinter sich her. Seit diesem Moment marschieren wir - pausenlos.
Ich: Ich hoffe der Schatten führt euch aus der Finsternis. Ich frage mich, warum du mir das alles erzählst. Nicht falsch verstehen, ich höre gerne zu. Aber du scheinst mich zu kennen, was habe ich mit all dem zu tun?
Er nahm seinen rechten Finger, zeigte auf sein Ohr, führte den Finger in die Mitte seines Gesichts, bis er auf Höhe der Nasenspitze war, und machte von dort einen geschmeidigen Bogen abwärts Richtung seines Herzens. Dort angekommen bohrte er den Finger in seine Brust und führte ihn in einer wirbelnden Bewegung aufwärts bis er über seinem Kopf gerade nach oben zeigte. Dann sprach er.
Soldat: Du bist weder Licht noch Schatten, du spiegelst tief gesätes Gleichgewicht. Du bist meine Zukunft, ich deine Vergangenheit, wir liegen im gleichen Bett. Du hast das Feuer deiner Quelle neu entfacht, mir etwas Hoffnung mit nur einem Tropfen Wasser gemacht, und uns die goldene Flut gebracht.
Ich: Die Wirkung deiner Worte in mir, zeigen wie groß deine Opfer waren. Ich werde dein Gesprochenes ernst nehmen und sie mit meinem Sein verweben. Möge die Flut zwischen Tropfen und Meer schwellen.
Schenk dieser Welt Gleichgewicht
Der Tod schwimmt im gefrorenen Chaos
Auf dem Meer der Leere
In welches du es geschafft hast zu sinken
Soldat: Ich muss zu meinen Kameraden aufschließen. Du willst nicht, dass wir zu spät kommen.
Er drehte sich um und ging im Marschschritt, ohne sich nochmal umzudrehen, dem erblassenden Schweif wieder entgegen. Ich starrte in seine Richtung und sprach leise zu mir selbst.
Ich werde es für dich tun. Du bist mein...
IX. Rote Kreuzung
Im grauen Staub tauchte auf einmal ein rotes Licht auf.
Und einen Moment später starrte ich wieder auf die Ampel am Fußgängerübergang, sie war immer noch rot. Ein Gedanke formte sich, als ich mich nochmal an die Begegnung im gelben Meer erinnerte, besonders der Punkt an dem sie sagte - „Die Totgeglaubten standen schon immer im Sturm des Lebens. Wie Steine auf dem Tisch, vier Blocks von hier, wo das Licht erst spät erlischt."
>{3} Das Licht... vielleicht dreht es sich um das entblößende rote Licht, welches in der Dunkelheit leuchtet, egal in welcher Stadt.
Es waren egal wo auf der Welt, eigenartig menschliche Orte. Vier Blocks vom gelben Meer - nahm ich wörtlich, ich packte mein Handy aus, öffnete die Karte und malte mit meinem Finger einen Kreis um die Position des gelben Meeres, sodass er sich in alle vier Himmelsrichtungen mindestens vier Blocks weit streckte - der Suchradius. Allerdings schien es mir, in diesem Großstadtdschungel, sehr unwahrscheinlich, wenn nicht sogar unmöglich, das Gebäude auf gut Glück zu finden.
>{2} Ich brauchte zumindest eine Richtung.
Ich stand noch immer an der Ampel, wie angewurzelt, als es auf einmal Worte in meinen Ohren hallte. Neben mir stand ein Pärchen westlicher Herkunft, sie wollte über die Ampel, er vermutlich zurück ins Büro. Er sagte ihr etwas das sich in mir verselbstständigte.
„Please do not forget!"
In meiner Vorstellungskraft baute sich ein Raum auf.
Wenige Sekunden später stand ich inmitten eines leeren Gerichtssaales, als ich mich umschaute, war keine Seele zu sehen. Doch nach kurzer Geduld hallte eine Stimme im Saal, sie klang ernst, so als würde ein Richter sein Urteil verkünden:
Richter: Bitte vergiss nicht. Nur wenn in der Region der Dunkelheit kein Ruf nach Rache erklingt, wird in deiner Welt des Lichts der Frieden gedeihen.
Ich nickte, drehte mich um und verließ den Saal durch eine geschwungene Doppeltür und stand wieder an der roten Ampel.
Endlich wurde die Ampel grün und ich konnte im Strom, von hunderten Menschen, die Straße überqueren. Ich ließ mich einfach vom Strom mitziehen, ich war innerlich noch am Verarbeiten der Nachricht aus dem Gerichtssaal.
Es kam mir so vor als hätte ich die Worte schon mal gehört. Nicht nur gehört, sie wurden zu mir gepredigt.
Dann kam die Erinnerung zurück - das Meisterwerk, das meine Mutter mir zum Einschlafen vorlas. Nachdem der Tang Emperor in der Unterwelt die achtzehnfaltige Hölle hinter dem Berg des immerwährenden Schattens hinter sich gelassen hatte und mit dem Richter Cui am sechsfaltigen Rad der Seelenwanderung angekommen war, war es an der Zeit für den Tang Emperor auf den Weg der Vornehmheit, den Weg des Adels, zu schreiten.
Richter Cui äußerte es in seinen Ratschlägen
Für den Tang Emperor
Der davor war wieder in die Welt des Lichtes aufzusteigen
Nur wenn in der Region der Dunkelheit kein Ruf nach Rache erklingt
Wird in deiner Welt des Lichts der Frieden gedeihen
Ich wusste es war an der Zeit eine Messe für Chaos und Schönheit zu feiern, um die elendigen, heimatlosen Seelen zu erlösen.
Wo diese Messe stattfinden könne war mir noch nicht klar, aber ich wusste, spätestens nach meinem Besuch im gelben Meer, dass ich mich auf hoher See befand, und es jetzt an der Zeit war Chaos zu finden.
Ich war auf der anderen Seite der Straße angekommen, öffnete meine Karte am Handy, realisierte ich war in Richtung Norden unterwegs, drehte mich instinktiv nach rechts und lief ohne weitere Gedankenlast die Straße hinunter.
X. Keinen Hunger
Es dämmerte und die letzten zwei Stunden meiner Suche waren erfolgslos. Ein Gebäude, das an den Wolken kratzte sah aus wie das nächste für mich. In jedes zweite kam ich, ohne Zugangsberechtigung, auch gar nicht erst hinein. Ich war gerade wieder an der nächsten Kreuzung und schaute links die Straße hinunter, dutzende Lebensmittelläden und Restaurants luden mich zum Schlendern und potenziellen Schlemmen ein, Hunger hatte ich jedoch weiterhin keinen.
Der erste Laden der mein Interesse weckte, hatte unzählige Variationen an Nüssen und getrockneten Früchten, ich schaute eine lange Weile durch die Scheibe und überlegte, wo die ganzen Nüsse wohl herkamen.
>{2} Antworten fand ich in mir keine und ich ging weiter.
Der zweite Laden, der meine Aufmerksamkeit erregte, war eine kleine Ramen-Stube. Vielleicht zwanzig Quadratmeter, einfache, durchsichtige Plastikvorhänge am Eingang, drei winzige Tische vor der Küchenzeile am Ende der Stube. Das Menü war mit Kreide auf eine schwarze Tafel geschrieben und in der Küche war ein riesiger Kochtopf aus Stahl in dem die wohlriechende Brühe simmerte und riesige Knochen drin schwammen. Von der Straße sah man bereits, wie der Koch hinter der Zeile dabei war den Nudelteig, mit geschmeidigen Handbewegungen und außergewöhnlicher Fingerfertigkeit in Ramen verwandelte.
>{3} Ich hatte meinen Ort zum Abendessen gefunden, aber der Hunger war noch zu klein, so ließ ich den Ramenduft schweren Magens hinter mir.
Ich zog meine Cap wieder tiefer ins Gesicht und ging die Straße weiter hinunter. Entlang eines Fischladens, zwei riesigen Shops die nichts als Obst und Gemüse verkauften, diese hatten alle Arten und Züchtungen, die man sich nur vorstellen konnte und noch mehr, einer Ledermanufaktur, ein Porzellan- und Jadehändler, sowie ein Laden spezialisiert auf Kochmesser.
>{4} Irgendetwas zog mich an diesen Läden vorbei, meine Aufmerksamkeit blieb nicht an ihnen haften, als säße ich auf dem Beifahrersitz eines schnellen Autos, von wo ich die Landschaft sehen, aber nicht genießen kann.
Kurz vor der nächsten großen Kreuzung tat sich rechts von mir eine kleine Gasse auf und mein Blick blieb an einem runden Schild hängen. Ich ging einige Schritte in die Gasse hinein. Das Schild sah aus, als würde eine Schlange ihren Kopf aus ihm strecken und die darunter vorbeigehenden Leute nicht nur listig von oben beobachten, sondern auch mit gespaltener Zunge anzischen.
Je länger ich das Schild anstarrte, desto mehr bewegte sich der Kopf der Schlange in meine Richtung und ihre rot leuchtenden Augen kamen zum Vorschein.
Ich fühlte, wie meine rechte Hand schwerer wurde und mir Gewicht vom Herzen fiel.
Die Schlange zischte in meine Richtung, ich hob meine rechte Hand empor und ein pech-schwarzer Gegenstand befand sich in meiner Hand und meine Sicht verdunkelte sich. Die Gestalt und Form des Stabes waren nicht zu erkennen, kein Licht konnte zu ihm durchdringen. Die Wellen des roten Lichts ausgehend von den Augen der Schlange wurden von der Finsternis des Stabes gebrochen und dann verschluckt.
Kurz bevor das letzte Licht der Umgebung in der Finsternis verschwand, konnte ich meine Hand loseisen und den Gegenstand zurück in die Innentasche meiner Jacke gleiten lassen. Das wenige Licht, das war, kehrte zurück in die Gasse und das Schild entpuppte sich als stilvoll geschwungene Teekanne.
Ich fasste mir unauffällig an die Brust, spürte die gleiche Form wie davor, ein Lächeln huschte über mein Gesicht und eine Welle der Erfüllung schwappte durch meinen Körper.
Meine Seele sprach zu meinem Selbst -
Egal was passiert
Wir steigen zusammen in diese Tiefe
Für eine neue Zeit
Geboren im Chaos dieser Welt
Ich schaute mich kurz um, ob ich Aufmerksamkeit erregt hatte, sah nichts Auffälliges und schritt mit leerer Entschlossenheit auf die Tür zu, über welcher die verführerisch geschmeidige Teekanne hing.
XI. Tonvasen
Ich setzte meinen ersten Fuß in den Raum hinter der Tür und konnte spüren ich war an einem besonderen Ort gelandet. Die vier Wände des Raumes waren quasi nicht zu sehen, an allen vier waren Regale bis zu Decke gefüllt mit Tongefäßen verschiedener Größen und Farben, von weiß, grau, gelb, braun über rot zu einer zentral im Raum stehenden grünlichen Tonvase gefüllt mit sieben hell-weißen Rosen.
>{5} Die schönsten Blumen, die ich je gesehen habe.
Verkäufer: Hundert Jahre alte Pfingstrosen, sei dir sicher hier wird dich kein böser Geist überkommen.
Kam von links in passablem Englisch vom Verkäufer der gerade ein graues Tongefäß, mit Blumen verzierten Deckel, ins Regal hinter sich zurückstellte. Ich drehte mich zu ihm und antwortete mit leicht verdutztem Gesicht:
Ich: Wunderschöne Blüten, was außer böse Geister fernhalten, wird diesen Pflanzen noch zugesprochen?
Verkäufer: Um effektiv böse Geister abzuwehren, müssen die Rosen schon tief verwurzelt sein, mindestens fünfzig Jahre Wachstum nach oben und nach unten, sonst kannst du auch einfach deinem Aberglauben vertrauen. Aber die ich da drüben im unteren Eck des Regals habe, in dem weißen Gefäß mit dem schwarzen Kreis auf der Vorderseite, die sind nicht sehr alt, aber effektiv in der Schmerzlinderung, der Nährung des Blutes und um deine kühle und ruhige Energie, dein Yin, zu regenerieren. Du weißt schon... im Gleichgewicht zur Hitze des Yang. Wird auch viel von Frauen benutzt, um Menstruationsbeschwerden vorzubeugen oder Muskelkrämpfe zu lösen. Bei deiner Spannung würde ich dir aber eher zur Akupunktur raten.
Ich: Hätte ich eine Dame an meiner Seite, würde ich dir ein paar abkaufen. Und ja die Spannung im Körper ist hoch, hat man seine Segel in den Wind gespannt. Du musst eine gute Menschenkenntnis haben, um die Spannung so schnell aus mir lesen zu können.
Verkäufer: Seine Segel in den Wind gespannt. Habe ich hier einen kleinen Poeten vor mir?
Ich: Nein, manchmal spricht meine Seele und nicht mein Selbst.
Verkäufer: Ich freue mich, dass du in meinen Laden gestolpert bist, setz dich auf den Hocker da drüben und ich bereite dir einen Tee zu, der dir im großen Sturm die nötige Ruhe gibt.
Ich setzte mich auf den kleinen Hocker neben dem kleinen Tisch, aus dunklem Holz, verziert mit grünem Jade, mit der grünlichen Vase in der Mitte, von der die sieben Pfingstrosen mit ihrer Schönheit den Raum mit Harmonie fluteten.
>{3} Ich hätte anderes erwartet, hätte ich nicht alle Erwartungen abgelegt, wie man es auf der Jagd tun muss. Vielleicht gilt das gleiche auch für das Leben.
Ich schaute die Wände auf und ab, versuchte eine Ahnung zu erhaschen, was wohl in den ganzen Gefäßen gelagert wurde. Währenddessen holte der Verkäufer eine kleine Trittleiter aus Holz aus der Ecke und trug einen Behälter nach dem anderen aus verschiedenen Regalen zusammen.
Er stellte sie in die vordere linke Ecke des Raumes, dort war ein rundes Loch im hölzernen Boden, Durchmesser etwas mehr als ein Meter, zwanzig vielleicht dreißig Zentimeter tief, und in der Mitte stand auf schwarzer Erde ein kleines Metallgerüst mit vier Beinen, darunter war bereits etwas Holz, sauber in Kegelform zusammengestellt, sodass von unten Luft in die Struktur ziehen konnte.
Ich saß auf meinem kleinen Hocker und saugte die Energie des Raumes in mich auf, ließ dabei meinen Blick immer wieder schweifen und schaute dem Verkäufer dabei zu, wie er eine eiserne Teekanne zum Kreis im Boden trug. Er stellte die Teekanne auf das Gerüst in der Mitte des Kreises, setzte sich auf die Kante und öffnete nacheinander die Behälter und fing an die Kanne mit getrockneten Blättern und Kräutern zu füllen. Was aus dem letzten Behälter hervorgezaubert wurde, verdutzte mich etwas, er hatte sie an einem ihrer Beine aus dem Gefäß gefischt, eine längliche, schwarze, dunkel dreinblickende, getrocknete Heuschrecke. Gefühlvoll warf er sie in die Kanne und richtete seinen Blick auf mich.
Verkäufer: Um von der Sechs zur Sieben zu kommen, auf dem Pfad der Acht, musst du mir noch ein Rosenblatt der hundert Jahre alten Pfingstrosen pflücken.
Ich nickte ihm zu, schaute auf die Harmonie der sieben Rosen in der grünen Tonvase direkt vor mir und griff entschlossen nach dem ersten, weiß strahlenden Blatt, das meine Aufmerksamkeit zu sich gezogen hatte. Ich ließ es aus den Fingerspitzen, in die Kanne gleiten. Jetzt nickte er mir mit zufriedenem Blick zu, griff nach einer Glas-Karaffe und füllte Wasser in die Kanne, entzündete den Holzkegel unter der Kanne und wir schauten beide in die auflodernden Flammen, als würden dort unsere Seelen miteinander verschmelzen.
Das Knistern der Flammen lag in der Luft und webte sich in die Harmonie des Raumes. Darunter schwellte ein nicht zugreifender Geruch, der in sanften Wellen aus der Kanne strömte. Ein nicht zu beschreibendes Gefühl durchdrang mein Sein, eine volle Leere, eine Überlagerung von allen Gefühlszuständen meiner Erfahrung, alle waren da aber kein Gefühl wirklich präsent.
>{4} Mein Gedankenfluss trocknete aus und ich fühlte mich, wie eine nicht greifbare Form in der Gestalt von hellgrauen, sich aufbäumenden Wolken.
Er sah körperlich schwach aus, wie er am Feuer saß, in seinem einfachen dunkelgrünen Shirt, schwarzer Stoffhose und den offenen dunkelbraunen Lederschuhen. Sein schwarz-graues Haar zur Seite gekämmt und eine runde Brille mit schwarzem Rahmen auf der Nase. Die Falten seiner Haut sprachen von Erfahrungen des Lebens. Doch sobald ich ihm in die Augen schaute, drehte sich das Blatt und seine dunklen, tiefbraunen Augen zogen meine Aufmerksamkeit mit ungeheurer Stärke in ihre schwarze Mitte.
>{5} Dort entfaltete sich ein heller Raum voller Leere und so begann unser Gespräch über eine Kanne wundersamen Tees.
Verkäufer: Sei so lieb und hol uns zwei Tassen, stehen dort drüben im Regal, hinter dem hell-gelben Tongefäß.
Ich ging hinüber nahm zwei der winzigen Porzellantassen und ging damit zum Kreis.
Ich: Ein kaum zu beschreibender Geruch liegt in der Luft, was für einen wohlriechenden Tee hast du uns hier zusammengebraut?
Er nahm mir die erste Tasse aus der Hand, stellte sie auf den Boden neben sich, und hievte die schwere Eisenkanne vom Feuer.
Verkäufer: Einen Sieben-Tee für deinen achten Weg. Eine unbefleckte Lotusblume aus dem schwarzen Schlamm der Wirklichkeit. Eine gelbe Chrysantheme die gegen das dunkle Verlangen strahlt. Die Schrecke für klärende Verbindung in die Unterwelt. Etwas Safran für ein schützendes Schild um das Mosaik deines Herzens. Ein Stück Ginseng für einen ruhigen Geist im Sturm deiner Gedanken. Einige Blätter grüner Tee, Longjing, für die Fülle deiner Aufmerksamkeit. Und das Pfingstrosenblatt für die Schönheit in deinem Tun. So wirst du im gegenwärtigen Moment dein eigenes Sein sammeln können, um es zurück in den Fluss der Wirklichkeit strömen zu lassen.
Ich saugte die Informationen auf, wie den aufsteigenden Geruch des Tees aus meiner Tasse, mit jedem Atemzug. Als er fertig gesprochen hatte, hob ich einfach nur meine Tasse leicht an, er tat mir gleich, und wir tranken beide den ersten Schluck.
Ich trank noch drei große Schlucke und dann...
Ein Gefühl steigt von unten in mich auf
Es durchdringt meine Fasern und mein Geist
Es setzt sich nicht und ruht nicht, sondern schwillt
Ich spüre die Verbundenheit in einen gefüllten Abgrund
Der sich in die Weiten streckt
Ich fange an mich wie ein Schiff zu fühlen
Halb unter Wasser, halb auf See
Jede Welle hebt und senkt mein Sein
Die Wellen, die mich tragen kommen aus den Tiefen des Meeres
Und leiten mich geradewegs in den Sturm meines Seins
Der sich am Horizont auftürmt
Ich richtete meine Aufmerksamkeit vollständig nach außen und saß wieder mit Tee in der Hand auf meinem Hocker. Mein Magen krampfte leicht und ich sollte wohl besser aufs Klo.
Ich musste kein Wort sagen, der Ladenbesitzer schaute kurz auf und zeigte auf einen Durchgang in der Ecke vom Raum aus welcher er die Trittleiter geholt hatte.
Ich stellte die Tasse auf den Boden und wankte leicht verkrampft in die Ecke des Raumes, bis ich um die Ecke schauen konnte, wo die Trittleiter gestanden haben muss.
XII. Feine Maserung
Eine große Massivholzplatte war in die Wand eingelassen, nicht irgendein Stück Holz, das Holz, das Holz mit dem Muster aus meinen Träumen, Träumen davon noch einmal mit Ma an der Hand durch die Tür der Bibliothek zuschreiten.
Das Holz vor mir war genauso mit wellenartigen Mustern verziert, wie die mittelalterliche Tür der Kindheitsbibliothek. Die Wellen strömten von den Rändern in ihre geteilte Mitte, dort entstanden zwei Strudel, die parallellaufende Linien schmolzen und in Formen zu Mustern verliefen.
>{5} Sie muss aus einem einzigen Stamm gefertigt worden sein, denn bei genauerem Hinschauen wurde mir bewusst, dass die Wellen die Maserung des Holzes waren.
Ich starrte auf die Maserung, das Muster das sich bei mir bereits als Kind eingebrannt hatte.
Der Satz meiner Ma kam wieder hoch:
Ma (Erinnerung): Außer am Ende und Anfang der Wirklichkeit geht es immer um Gleichgewicht.
Ich starrte weiter auf die Maserung und folgte den fließenden Wellen in die strudelnden Formen und wieder hinaus, um wieder hineingezogen zu werden. Eine kleine Ewigkeit verbrachte ich damit. Und verlor meine Aufmerksamkeit immer wieder am gleichen Punkt.
>{3} Es kam mir vor wie ein Spiel, das Muster der Maserung lud mich zum Spielen ein. Beim Spielen ging es mir um eins - Es zu brechen.
Zu oft hatte ich meiner Ma zugeschaut, wie sie gegen Unbekannte im Park, mit schwarzen Figuren, in den geistigen Krieg zog, während ich auf dem Spielplatz oder Bolzplatz war. An einem regnerischen Tag rannte ich zu ihr vom Bolzplatz, die Jungs waren rein wegen dem Wetter und ich wollte heim. Ma war gerade dabei die letzten Züge über das Brett gleiten zu lassen und den Mann im schwarzen Mantel, der einen schwarzen Regenschirm in seiner linken Hand hatte, Schach-Matt zu stellen. Dies war nicht nötig, der Mann sagte ruhig:
Mann in Schwarz: Ihr Spielstil ist schrecklich, er zermürbt, nimmt mir den Platz, obwohl ich ihn habe, er vernichtet Gedanken und zwingt mir Leere auf. Meine Position erstarrt und ihre Figuren nutzen die Lücken, als wären sie Wasser in einem Sieb.
Dann nahm er seinen König und legte ihn seitlich auf das Brett, um seine Aufgabe zu signalisieren. Ma nickte nur und sagte:
Ma: Dort wo sie Muster nicht mehr fließen sehen, brichst du ihr Spiel.
Der Herr in schwarz schaute leicht verdutzt, dachte kurz nach, und nickte dann doch mit einem leichten Schmunzeln. Ma drehte sich zu mir:
Ma: Schon genug Fußball?! Es ist doch nur Regen kein Gewitter.
Ich zuckte mit den Achseln. Ma schaute mir in die Augen, nahm ihre Tasche und wir gingen erhobenen Hauptes, nebeneinander, durch den Regen zum Auto.
Ich ließ weiterhin meinen Finger sanft und geschmeidig über die feine Maserung des Holzes fließen, als mein Finger zum wiederholten Male stockte in seiner Bewegung. Ich war am rechten unteren Rand des Musters, etwas über Kniehöhe, wo die Wellen außerhalb der zentralen Strudel mit größerem Abstand zueinander schwelgten.
>{4} Direkt biss ein Gedanke an meiner Bewusstseinsschnur, er hatte gesagt: „...meine Position erstarrt und ihre Figuren nutzten die Lücken, als wären sie Wasser..." Bin ich etwa mit meinem Finger über eine Lücke in der fließend gewachsenen Maserung des Holzes gestolpert?
Ich ging leicht in die Knie, holte dabei mein Handy aus der Tasche, schaltete mit einem kurzen Doppeldruck auf die untere Seite des Lautstärkereglers die Taschenlampenfunktion ein und richtete meine volle Aufmerksamkeit auf die erhellte Stelle in der Tür. Ich nahm wieder meinen Zeigefinger und fuhr langsam die Maserung nach, bis ich wieder zum Stocken kam. Vier Mal von der einen Seite, vier Mal von der anderen Seite her. Nichts passierte, und schlauer wurde ich daraus auch irgendwie nicht.
Ich stand in der Ecke des Ladens und wusste nicht so recht weiter, bis ich etwas fühlte tief in mir, ein Aufschwellen, als würde das leere Watt meiner Seele geflutet werden, als würde ein rundes Glas vom Boden aus mit Wasser befüllt. Bevor die Flut meine runde Anhöhe, in der mein Bewusstsein sich schwimmend voll entfaltete, erreichte, setzte ich meinen Finger erneut auf die Maserung des Holzes und schloss meine Augen.
>{5} Die Flut in mir schwellte weiter an und erreichte meine Brust. Ich hörte meinem Herzen zu, wie es mit tiefem Hall im Rhythmus in mir pochte - eins..zwei..drei..vier - der tiefe Hall wurde dumpf und das energiegeladene Gefühl der dunklen Flut floss über meine Schultern die Arme hinunter.
Gleichzeitig stieg der Pegel von den Schultern den Hals herauf. Im selben Moment, in dem der erste Schwall meine unzähligen Nervenenden in den Fingerkuppen überreizte, hob die Flut mein Bewusstsein auf ihr steigendes Meer. Ich glitt ab in einen unvorstellbaren Tunnel, erst unglaublich dunkel und schwarz, dann war ein Boden und seitlich ansteigende Wände zu sehen, die einen Eindruck vermittelten, als hätte jemand den offenen Ozean bei starker Brise eingefroren und ihm ein bräunliches Schimmern verpasst. Aber irgendwie sah ich die Konturen der Wellen nie wirklich klar und je mehr ich in die Weite schaute, desto mehr schien mir alles in Bewegung zu sein. Ich konnte weit schauen, der halboffene Tunnel ging leicht bergab und der Himmel war grell weiß, sodass man beim Hinaufschauen erblindete.
Ich hatte gerade ein letztes Mal versucht in den Himmel zu blicken und schüttelte mich leicht, als ich meinen bergab gerichteten Blick wieder fokussieren wollte. Die gesamte Ozeanlandschaft schien zu schwanken. Ich spürte wieder die Flut in mir selbst, sie senkte sich immer wieder Richtung Brust, um wieder über den Hals hinweg zu steigen. Ich begann meinen Kopf nach rechts und links zu neigen und nahm dabei meine Hüfte und Beine mit.
>{3} Die Flut in mir, sowie der Ozean vor meinen Augen, alles folgte mir ohne Verzögerung, wir schaukelten einen traumhaft synchronen Tanz.
Der Tunnel wurde zu einem stürmisch aufbrausenden Geflecht aus Wellenmustern, die sich immer wieder auftürmten, um auf sich selbst zurückzufallen. Die Flut im Inneren sank immer weiter ab und ich spürte einen Druck aufkommen, aber er lastete komischerweise nicht auf mir sondern auf dem Wechselwirken zwischen mir und dem Fluss der Wellen um mich herum. Der Druck entwickelte eine eigene Dynamik mit der Zeit und trieb mich immer weiter nach links und die Tunnelwand begann sich langsam über mir aufzutürmen.
>{4} Ich hatte diese Dynamik unterschätzt, sie hatte schnell an Schwung aufgenommen und hat mir die Kontrolle über den Bewegungsfluss entrissen.
Es ging rauf und runter, geschmeidig durch wild geschwungene Muster mit einem unersättlichen Drang, wie reibungsloses Gleiten auf spiegelglattem Eis - wunderschön bis zum Kontrollverlust - wir steuerten direkt auf eine scheinbar unbezwingbare Wand zu an der wir zerschellen würden. Neben mir waren jetzt Muster räumlicher Ebenen, die mein Verstand, mit seiner Sicht von unten, bei weitem nicht mehr greifen konnte. Mit vollem Schwung glitten wir unter einer räumlichen Welle unüberschreitbarer Tiefe entlang und glitten unter dem Bogen der Welle direkt am Abgrund entlang. Der Pegel meiner Flut war weit unter die Brust gesunken, beim allzu nahen Fall in einen nie endenden Abgrund voller Leere.
>{5} Die Leere, die gleichzeitig die Wellen auftürmte und zurück auf den Boden krachen ließ.
Dem Abgrund knapp entkommen, schnellten wir mit links Drall in ein gigantisches Muster aus ineinander überfließenden Wellen, die wie ein Baum vom Stamm in die Krone am Himmel wuchsen - wir waren auf die Wand geprallt.
Wir flossen zwischen den wellenartigen Fasern des Stammes und es fühlte sich an, als würde ein Strom an Bewegung von hinten schieben. Bis in die Krone geschoben, dort weiteten sich die Abstände zwischen den Wellenmustern und überall neben ihnen bildeten sich kleine Strudel aus.
Ich war gänzlich im Fluss versunken, während wir von einer mächtigen Faser aus mehreren verwebten Wellenmustern mitgezogen wurden bis in die Tiefen der Krone. Dort öffnete sich ein riesiger Strudel abwärts fließender Wellen, von dem wir bereits ein Teil waren bevor ich es überhaupt realisieren konnte.
>{4} Ich genoss den überaus tragischen Fluss meines Seins, durch eine Landschaft in der mein Selbst keine Kontrolle hatte - es war tragisch schön.
Schöne Wellen
Im absteigenden Fluss
In die tragende Leere
Unter dem Ganzen meines Seins
Es ging mit spiralförmigem Momentum abwärts, bereit in den leeren Abgrund am Ende der ewigen Spirale zu stürzen. Die Wellen wurden jedoch langsam sanfter und jedes Muster verlor sich in einer eigenartig einheitlichen Glätte, über die ich glitt mit gedämpftem Schwung.
Dann plötzlich ein riesiger Druck auf meinem Inneren, als wär eine riesige Druckwelle in rasanter Geschwindigkeit über die glatte Landschaft gefegt und ich riss meine Augen auf.
>{5} Ich starrte auf die Maserung im Holz, ich starrte auf meinen Finger, ich starrte auf eine winzige Vertiefung in einer kaum sichtbaren Mulde ein kleines Stückchen neben der flussbrechenden Lücke der Maserung.
XIII. Segelschiff
Nichts war passiert, das Rätsel nicht gelöst, keine Tür geöffnet. Ich gab etwas Druck mit dem Finger auf die Mulde und spürte eine leichte Vibration. Ich schweifte mit dem Blick über die Maserung, doch nichts hatte sich geändert. Ich suchte die gesamte Holzplatte nach möglichen Veränderungen und kleinen Spalten ab, um versteckte Mechanismen zu finden, doch hatte keinen Erfolg oder nicht die nötige Geduld.
Ich lehnte mich geistlich erschöpft mit meiner Schulter gegen das Holz in der Wand, nichts passierte. Ich starrte auf die graue Betonwand neben mir. Graue Betonwand - Ich drehte mich um - noch eine graue Betonwand - dazwischen die wunderschöne Wand mit hölzerner Maserung.
>{4} Ich muss endlich wahnsinnig geworden sein und es geschafft haben mich in meiner inneren Welt einzuschließen - es war schön grausam, grausam schön. Wie meine Träume eben waren.
Ich schloss meine Augen und sprach ein kleines Gebet:
Ich saß in Stille
Stand im Sturm
Trank die Leere
Spuckte Alles voll
Lag in Schmerzen
Und rannte nie davon
Ich öffnete meine Augen und stand, entgegen meiner Hoffnung nicht wieder in der Ecke des Teeladens, doch immer noch eingeengt auf zwei Quadratmetern vor wunderschöner Wand. Verwundert drehte ich mich um, ich hatte ein klares Klimpern hinter mir gehört - Glas auf Glas. Ich war nicht allein auf diesen tiefen Ebenen und es muss einen Ausweg aus dieser Enge geben.
>{5} Und dieser Weg hatte sich direkt vor mir eröffnet, an der vierten, von der Holzplatte gegenüberliegenden Seite des winzigen Raumes war eine siebenstufig aufsteigende Treppe aus Beton, sie schien mich hinauf zu gedämpft gelbem Licht zu führen - vielleicht ein Gang, vielleicht ein Weg in neue Weiten.
Ich trat vor die erste Stufe der Treppe und fühlte eine leichte Unebenheit unter meinem linken Fuß. Ich machte einen kleinen Schritt zurück und auf dem Boden, in Beton gemeißelt, war ein Schiff zu sehen mit einer kleinen Inschrift. Das Schiff war in eine geschmeidige Welle eingebunden, die links ihre Tiefen erkundete und rechts ihre Höhe, das Schiff war ein einfacher Halbkreis, nach oben geöffnet, mit geradem Mast in der Mitte, an dem ein dreieckiges Segel im Wind stand. Das Schiff war mittig in der Welle und schien von links nach rechts zu segeln.
Das Schiff segelte durch meine Gedanken und ich war bereit - für was auch immer mich oben erwarten würde.
Auf jeder Stufe war eine weitere kleine Inschrift und sie schienen mir etwas mitteilen zu wollen. Von unten, der ersten Stufe, nach oben, der siebten Stufe, las ich folgendes:
ganz unten
ganz leer
ganz da
ganz hier
ganz oben
ganz voll
ganz still
Ganz still war offensichtlich nicht wahr, ich hatte auf der dritten Stufe erneut ein Klimpern von Glas gehört und blickte, nun wo ich ganz oben war, in einen langen, schmalen Gang mit vier einfachen Holztüren auf beiden Seiten.
>{2} Sieben Stufen zu den acht Entscheidungen - oder wie?
Intuitiv ordnete ich jeder Tür eine Inschrift von den Treppen zu. Die vier Türen auf der rechten Seite waren von vorne nach hinten: ganz unten, ganz da, ganz oben und ganz still. Die Türen auf der der linken Seite waren von vorne nach hinten: ganz leer, ganz hier, ganz voll und der hintersten Türe schenkte ich erstmal keine Beachtung.
Es war kein Nachdenken, die Entscheidungen fielen aus dem tobenden Strom unter meinem Bewusstsein direkt in mein Handeln. Ich machte fünf Schritte und stand vor der zweiten Tür auf der linken Seite, drückte die Klinke hinunter und ging „ganz hier" ein.
Ich stand in einem großen Abstellraum voller Regale und großer Tiefkühltruhen, die Regale gefüllt mit hunderten Kartons und Kanistern. Direkt links neben der Tür war ein großes Regal mit tausenden kleinen Bechergläsern, die nicht mehr als hundert Milliliter fassen konnten.
Ich wollte gerade tiefer in den Raum vordringen und die Tiefkühltruhen genauer betrachten, doch ich hörte wieder Geräusche vom Gang, dann Schritte, eine Tür ging auf, ein paar laute Schritte über den Gang, wieder eine Tür und dann war Stille.
Ich hielt dabei meinen Atem an.
Freund oder Feind?!
Anhand der Schritte vom Gang war ich mir sicher, es war eine Frau, die Absätze hatten es preisgegeben.
Ich griff in meine Jacke, die ich selbst im Teeladen nie ausgezogen hatte. Zu meiner Verwunderung war es kein schwarzer Stab, sondern eine Handschusswaffe, die ich aus der Innentasche hervorzauberte. Eigentlich nicht verwunderlich, die Form hatte es schon nach dem gelben Meer. Aber die Frau im gelben Meer, ihre Worte, ihr Tun, hatte Magisches an sich, mit ihren Gegenständen war es sicher nicht groß anders.
>{3} Ich drückte alle Gedanken von mir weg, ich hatte keine Zeit für die stetigen Naturereignisse, die genau so viel aussagen wie sie einen blenden.
Ich machte die Türe hinter mir zu, ging leicht nach links und schob ein paar Bechergläser zur Seite und legte die Waffe ins Regal. Dann holte ich eine kleine Plastiktüte aus der äußeren rechten Jackentasche. Ich nahm alle Kugeln bis auf eine aus dem Magazin und packte die Kugeln in die Tüte und diese zurück in meine Jackentasche.
Dann betrachtete ich die Handfeuerwaffe genauer, sie schien eine Spezialanfertigung zu sein, nach dem Essen im gelben Meer hatte sie kurz etwas von speziellen Materialien geredet - Polymeren, Keramiken, Fasergeweben, Namen, die mir entfielen, kaum dass sie ausgesprochen waren, allerdings ging es dort um die kommende Mission zum Mars, an denen sie seit Jahren indirekt beteiligt war, und nicht um Waffen - oder wer weiß es schon.
Ich hörte ihr lange zu und hatte nur eine Frage gestellt, als sie andeutete, dass das Böse es bereits auf den roten Planeten geschafft hatte.
Ich: Wie kriegen wir das Böse unter Kontrolle?! Ist es überhaupt gut, das Böse kontrollieren zu wollen?
Frau im gelben Meer: Willst du das Böse zähmen, brauchst du eine gute Angel mit heißer, nein brennender Schnur. Und du triffst besser ins Auge - Nein, genau in die Iris.
Jetzt stand ich in einem Abstellraum voller Chemikalien, Bechergläsern und Erlenmeyerkolben, und wer weiß was in den ganzen Truhen gelagert wurde. Ich hatte das Magazin mit einer einzigen Kugel in die einzigartige Glock geschoben und war dabei die Tür zum Gang zu öffnen, bereit meine Angel auszuwerfen.
Der Gang war leer und alle sieben Türen waren geschlossen, ich zog die achte leise hinter mir zu und schlich mich durch die Stille.
Ich stand einige Zeit vor der Tür, hinten rechts, und lauschte aufmerksam. Nichts war zu hören.
Und dann öffnete sie die Tür und ich stand vor ihr, Waffe locker in der Linken, meine Rechte über meinem Herzen, sie mit weißem Laborkittel, schwarze Leggings, halb hohe schwarze Stiefel mit kleinem Absatz, schwarzes Haar nach hinten zum Zopf gebunden, runde schwarze Brille, ein Becherglas mit etwas durchsichtiger Flüssigkeit in der Linken, eine Pipette in der Rechten und ein Blick durch dunkelbraune Augen der schwache Leute in ihre Hölle schickt.
Ich: Kann ich reinkommen?
XIV. Dunkle Augen
Sie: Bleib ganz stillstehen
Ich tat, was sie sagte, während sie drei Schritte an mir vorbei machte und den Gang hinunterschaute, Richtung der Treppen, von denen ich gekommen war.
Sie: Hat er dich geschickt?
Ich: Mich hat niemand geschickt, ich folge einer Melodie. Aber ja, ich habe mit ihm geredet, einen kleinen Tee getrunken. Ich wollte nur kurz aufs Klo. Jetzt steh ich vor dir mit Waffe in der Hand.
Sie: Du bist ohne seine Hilfe hier hergelangt?
Ich: Naya, er hat mir die Richtung zum Klo gewiesen. Ich habe es jedoch nicht finden können.
Sie: Komm erstmal hinein, ich hoffe du hattest eine ruhige Überfahrt?!
Ich ging durch die offene Tür, in ein modernes Labor, ein feuchter Traum eines jeden Forschers im Bereich der Biomolekularen Wissenschaften, sie folgte mir und zog die Tür hinter sich zu. Dabei fragte ich:
Ich: Überfahrt wohin?
Sie: Nicht so wichtig, dein Boot treibt. Schön, dass du zu mir gefunden hast.
Ich: So gut wie man in den Strömen eines Sturms eben treiben kann. Schönes Labor, ich sehe viele verschiedene Lösemittel auf den Tischen, neben dem ganzen hochwertigen Equipment, was treibst du hier?
Ihre Augen öffneten sich etwas, wahrscheinlich leicht erfreut über die Aufmerksamkeit auf ihrer Arbeit. Ihr Blick weiter ernst aber nicht mehr feindlich.
Sie: Es gibt einiges zu lösen. Das Meer, auf dem du treibst, ist eine komplexe Landschaft, die nur im Fluss hinüber spannt. Der Tod muss immer wieder neu sein Ganzes in der Leere lösen, so fließt Leben durch nicht greifbare Wirklichkeit ins Ewige, weit über den Wolken am Horizont. Ich löse gelebten Tod in Erfahrungen des Seins. Der Tod wird gespiegelt in jeder Zelle, die das Leben webt. Ich breche ihre Muster in Lösemitteln, wie Aceton, Ethanol, Hexan, auch mal Chloroform oder natürlich am liebsten in einfachem Dihydrogenoxid - mein geliebtes Wasser. Das eine bringt Licht, das andere Gewicht, Wasser schützt das Gleichgewicht.
Ich: Ich glaube ich bin hier um zu lernen, zu erfahren, wie wir die Schnur lösen, um im überspannenden Gleichgewicht zu sein. Das Gefühl überkommt mich, dass die Wirklichkeit nicht greifbar ist, wie beschrieben von dir, doch so weiß ich nie was sich in meinen Händen auflöst
Sie: Helfe mir ein wenig das Chaos im Labor zu überspannen und wir kristallisieren deine Erfahrungen in etwas Wundersames. Du sprachst von Sieben-Tee - optimal, er fängt das Licht, schwebt über Finsternis, und schafft eine Landschaft von Gewicht im Zug des Gleichgewichts.
Sie schaute mir tief in die Augen und hob dabei das Becherglas unter mein Gesicht und sagte schlicht:
Sie: Spuck hinein
Ich hatte den Geschmack des Sieben-Tees noch auf meinen Lippen und tat, was sie forderte. Sie nahm das Becherglas mit zu einem Tisch und machte sich direkt an die Arbeit. Sie nahm zuerst einen kleinen Stab aus Glas und verrührte den Speichel mit der Lösung, welche sich bereits im Glas befand. Danach füllte sie den Inhalt in kleine, oben zylindrisch unten konische, Plastikröhrchen. Machte den Verschlussdeckel der sechs Röhrchen zu und öffnete, mit einem Fingerdruck, den runden Deckel eines kleinen, etwa 40x40cm großen, Kastens, der auf dem Tisch neben ihr stand.
>{4} In diesem Kasten war etwas das aussah wie ein eingelassenes schwarzes Rad, es war ein schwarzer Rotor mit zweiunddreißig kleinen Löchern am Rand - erinnerte mich direkt an Roulette.
Ich schaute ihr über die Schulter und sah, dass sie die sechs Röhrchen in Position sechs, sieben und acht und auf Position zweiundzwanzig, dreiundzwanzig und vierundzwanzig steckte, so war das Gewicht des Rotors im Gleichgewicht. Sie schloss den Deckel mit einer geschmeidigen Handbewegung und nach drei, vier Knopfdrücken an der Vorderseite der Box mit stylischen Lüftungsschlitzen am unteren Viertel des Kastens, begann die Zentrifuge zu spinnen.
>{3} Eine mit Zeit stärker werdende Vibration trug sich, über den Tisch, in den Raum.
Ich: Und jetzt machst du was mit meinem Speichel?
Sie: Jetzt gerade isoliere ich die Zellen, die in deinem Speichel enthalten sind vom Rest der Lösung. Die Zentrifugalkräfte helfen mir dabei. Danach werden wir die Zellen mit etwas Ultraschall aufbrechen und durch die mit, bildlich gesprochen, kleinen Angelhaken versehenen Proteine, der gentechnisch veränderten Sieben-Tee-Zutaten, mit Hilfe von Antikörpern an den Haken bekommen. Danach können wir mit einer einfachen Affinitätsmatrix, die Proteine, die uns interessieren aus den Zellen purifizieren. Verschmolzene Aminosäurenketten werden zu funktionalen Gestalten gefaltet, einige Gestalten lieben den Stress und die Angst - Kinasen, Transkriptionsfaktoren, Hitzeschockproteine werden hochreguliert - die molekularen Muster spiegeln, was wir durchlebt haben. Ein optimaler Spiegel von Erfahrungen - den wir probieren werden zu kristallisieren - lese dich an ruhigen Tagen etwas ein, wenn es dich interessiert. Ich gebe dir gern ein paar Namen mit.
Ich: Das klingt nach Alchemie. Du verschmilzt fundamentale Muster meines Seins, ohne welche ich wahrscheinlich nicht in der Wirklichkeit wandeln könnte, und transformierst sie in eine neue Gestalt, einen Kristall, mit hoffentlich neuen Eigenschaften, die weiterhin mit mir verwebt sind?
Sie: Ja, du umgreifst es schon ganz gut, die Alchemie beschränkt sich nicht nur auf Metalle, jede Entität, egal ob Atom, Molekül, Protein, Zelle, Lebewesen oder darüber hinaus, kann mit Kraft aus dem Inneren neu im Äußeren Fluss aufblühen. Der Kristall wird deinen Einfluss sehr lange beeinflussen - wenn du verstehst.
Ein Lachen zog sich durch ihr Gesicht, bevor sie es schnell mit der Hand verdeckte.
Ich: Ich will ja sagen, aber in meinen Kopf entsteht ein komischer Druck, wenn ich es direkt aussprechen will.
Sie: Lass mich raten! Auf der linken Seite.
Ich: Ja etwas über meinem linken Ohr
Sie: Vertrau deinem Herz, hör auf das Grummeln von unten und betrachte den Sturm über dir, aber schenk ihm keine Furcht.
Die Zentrifuge piepte und der Deckel sprang auf.
Sie nahm die Proben hinaus und ich folgte ihr in den hinteren Teil des Labors.
Sie schüttete die Flüssigkeit aus den Röhrchen und füllte eine neue durchsichtige Flüssigkeit, irgendeine Buffer-Lösung, mit einer Pipette wieder hinein. Sie benützte die Pipette um die am Boden abgelagerten Zellen mit der neuen Lösung zu vermischen und sammelte die Lösung aus allen Röhrchen in einem kleinem Becherglas.
Das Becherglas wurde in einen Styroporring gesteckt und zu Wasser gelassen, in ein wesentlich größeren, ungefähr ein Liter fassenden, Becherglas gefüllt mit Eiswasser. Dann führte sie eine, an einem Gestell montierte, dünne Edelstahlantenne falsch herum von oben in die Flüssigkeit des kleinen Becherglases und gab mir ein paar Ohrenschützer.
>{5} Sie machte noch ein paar Einstellungen an einer Box, an welche die Antenne über ein Kabel am oberen Ende angeschlossen war. Dann machte sie eine kurze Handbewegung, ich zog meine Ohrenschützer an. Und man spürte und hörte den ersten pulsierenden Energiestoß, der von der Antenne ausgesendet wurde und auf meine Zellen traf und im Eismeer abklang.
Sie drehte sich um, ging mit zwei geschmeidigen Schritten an mir vorbei und musste nichts sagen oder andeuten, damit ich ihr aus der Tür des Labors ins Zimmer links daneben folgte.
Ein Raum voller Pfflanzen eröffnete sich, und mit voll mein ich wirklich voll. Der Raum schien recht klein, aber war klar als Rückzugsort gedacht. Die Luft war ein Traum, Sauerstoff reich, frisch, nicht zu warm, nicht zu kalt, mit leicht erhöhter Luftfeuchtigkeit.
>{4} In der Mitte des Raumes war ein großer Farn. Dunkelgrün waren seine Wedel mit rötlichen Spitzen. Sie waren kreisförmig, im Stile einer Lotusblüte, angeordnet und wuchsen direkt aus der schwarzen Erde, auf welcher ich stand. Sie war pechschwarz und verwandelte den Raum in einen wahrlich mystischen Ort.
Hinter dem Farn war ein kleiner, bereits gedeckter, Holztisch und zwei einfache Stühle aus dunklem Holz versteckt. Wir setzten uns, nahmen die Ohrenschützer ab und sie schenkte uns beiden eine Tasse Tee ein.
Wir saßen einfach nur da. Ich war in einer Art Trancezustand, seit ich den Raum betreten hatte, und konnte nichts greifen, was auf geistlichen Ebenen an mir vorbeifloss.
Dann fragte sie plötzlich mit sanfter und ruhiger Stimme:
Sie: Du willst mir etwas sagen?
Normalerweise lösen Fragen, Gedanken aus, manchmal einen ganzen Sturm davon. Und irgendwie meinen wir, dass wir daraus unsere Entscheidung ableiten.
>{5} Diesmal passierte gar nichts bei mir, ich drehte nur instinktiv meinen Kopf in ihre Richtung und als ich ihr in die tiefbraunen Augen sah brach es aus mir heraus - als hätte sich mein Herz zu einem Geysir gewandelt.
Jedes Muster - verdammt zu brechen
Jedes Muster fordert dem Fluss sein Strömen heraus - Wellen entstehen
Die Welle bricht in die Asymmetrie
Beladen stürzt Masse in Gravitation
Umschließt so den Raum, der nicht ist
So kommt das Chaos in zweierlei Form
Aus dem Nichts und Allem das ist
Sei dir bewusst, es entspringt dem Chaos und fließt davon
Doch es formt Schleifen
Das Sein im wechselseitigen Wandel in unendlichen Bahnen
So steht eine schöne Bewegung dem Chaos entgegen
Das Sein ist eine volle Gestalt aus leeren Formen
Chaos und Schönheit in ihm können nichts als sich zu ändern
Veränderung ist Leben, anders sein und doch gleich
Menschlich wie jeder, du selbst wie keiner
Leben kennt die Zeit nicht
Die Zeit ist nicht das Leben, sondern nur dessen Wille
Innen ist er Leer und außen bloße Form
Er weiß nichts und gibt so auch nichts vor
Außer, dass er zurück in die Tiefe will
Aber vorher diese Gestalt abschütteln muss
Nachdem er Sie dem Ganzen geschenkt hat
Die Brutstätte des Chaos hinter sich gelassen hat
Und vor der Tiefe im Fluss wahrer Schönheit gebadet hat
Sie: Ich kenne eine schöne Stelle zum Baden. Wovor hast du Angst?
Ich kenne meine Angst
Habe ihr das Fürchten gelehrt
Jetzt haben Sie Angst aus gutem Grund
Ich trage meine Vergangenheit ins Jetzt
Und sie ist dunkel - voll mit grauen Gestalten
Sie haben geführt, gelenkt und sind doch gefolgt, haben gegeben und genommen
Haben Arme beschenkt, das Böse bekämpft
Sowie Unschuldige von hinten ohne Miene zu verziehen in den Kopf geschossen
Und Sie dann kalt in den Graben gestoßen
Das Alles liegt hinter mir und ist so immer vor meinem Auge
Habe es nur geträumt, doch in ihnen wirklich überkommen
Alles ist gleichgeblieben und in Einem etwas anderes geworden
Ich steh in ihrer Schuld, weil ich bin
Aber nie bin ich, da ich immer wandle
Wenn ich nicht bin, lenkt mich ihre Kraft zurück
Und ihre Hoffnung auf ein Ewig-Neues-Sein vereint in meiner Gestalt des Ichs.
Es herrschte eine lange Stille.
Ich: Möge mein Selbst mir beistehen.. - Lass uns baden gehen.
Sie: Lass uns davor noch in Ruhe unseren Tee trinken und eine Kleinigkeit essen. Wir werden etwas Kraft und Geduld brauchen für Ab- und Aufstieg.
XV. Der Abstieg
Der Tee war leer, die süßen Lotussamen im Magen. Sie stand vom Tisch auf und ich folgte ihr, am großen Farn vorbei, zurück auf den Gang, zwei Türen weiter nach links.
Während sie die Tür aufzog, wendete sie ihren Blick zu mir und sagte in ernstem Ton:
Sie: Egal was wir jetzt erfahren werden, sei dir bewusst: Ganz unten ist nichts gelagert, aber alles zu finden. Ganz oben ist alles gelagert, aber nichts zu erfahren.
Dann stiegen wir ab, Stufe für Stufe, eine Wendeltreppe hinunter, welche sich hinter der Tür offenbart hatte. Weiter und weiter in die Tiefe.
>{3} Ich konnte die nächste Stufe nicht sehen, alles war dunkel oder ich geblendet von der Schönheit vor mir.
Wir stiegen bereits einige Minuten hinab und ich konnte langsam mehr erkennen des wundersamen Abstiegs.
Die Treppenstufe, auf der ich nun stand, war keine Stufe, es waren drei klare, aber doch irgendwie verschwommene, seilartige Stränge, die von der einen Seite zur anderen spannten. Ich konnte hindurchschauen, aber nichts dabei sehen - außer mich selbst.
An der rechten Außenseite war ein kleiner Absatz zur Wand, ein kleiner Wasserstrom floss dort in einer Rinne, wie ein kleiner Bach, mit der Biegung den Gang hinab. Als ich auf die andere Seite blickte, spiegelte sich der Anblick, doch das Wasser floss hier mit scheinbar gleicher Flusskraft wie drüben, nicht wie man es erwartet hinab, sondern hinauf.
>{4} Aus diesen zwei Bächen stießen die Treppenstränge fontänenartig hinaus, auf der einen Seite mit leicht blau-grauem Farbton, auf der anderen ein eher gelblicher Ton. In der Mitte jeder Treppenstufe entstand ein spiegelndes, strudelförmiges Lichterspiel, blau-grau-gelb, zumindest schien es so.
In einem war ich mir aber sicher: Die Treppen waren aus Wasser. Wenn ich hindurchfalle, lande ich wenigstens nicht auf Beton, aber ertrinke dann wahrscheinlich mit der Zeit auf tiefer See.
Ein fairer Deal.
Ich vertraute der nächsten Stufe mein Gewicht an. Dabei sprach ich zu mir selbst:
Hier sollst du mich tragen,
ich schenke dem Element,
das das Leben zum Fließen gebracht hat,
mein Vertrauen.
Ich ging entschlossen weiter. Mir wurde bewusst, dass ganz unten ein weiter Weg sein kann, wenn man nicht fällt.
Und die Möglichkeit des Fallens gab es, auf der linken, wie der rechten, der inneren, wie äußeren Seite. Die wundersame Wendeltreppe hatte keine Wände, nur die Rinne des Baches lief spiralförmig, doch irgendwie leicht gezackt, in die Tiefe und schimmerte silber-grau.
Ich machte einen Schritt nach innen und wagte einen Blick hinunter.
>{5} Ich sah nichts außer Finsternis, die sich in der Tiefe immer mehr zu einem Sechseck formte, mit einem silbrig-grauen Außenglanz.
Ich schaute in die Finsternis zwischen den sechs Ecken und verlor mich schnell.
Eine dunkle Stimme kroch aus dem Unterholz der träumenden Aufmerksamkeit und zog an mir. Die Worte kamen langsam, eins nach dem anderen, aus der finsteren Tiefe meiner Grube der Vorstellung:
Lass deinen Gegenstrom hinter dir
und komm in mein Nichts,
wo du endlich alles findest,
das du wirklich willst.
Mein rechter Fuß begann sich von der Wasseroberfläche der Stufe abzudrücken, um durch die Luft Richtung Abgrund zu schwingen.
>{4} Ich fragte mich, wie lange ich wohl fallen würde und ob die silbernen spiralförmigen Rinnen mich wohl bis auf den Boden begleiten werden. Oder falle ich unten einfach nur ins Wasser und sinke dann weiter?
Es ist mir ein großes Rätsel und ein kleiner Reiz, zu wissen, was dort unten wartet. Nicht dass es am Ende oben ist und ich die Himmelsdecke durchbreche und einen Fall der Größten auslöse.
Inmitten meines Schrittes Richtung Abgrund fasste mich auf einmal eine Hand sanft an der Schulter, und ihre sanfte Stimme, noch geölter als im Labor und Garten, hallte meinem Bewusstsein wieder Leben ein:
Wasser kann fallen,
schnell in die Tiefe sinken.
Wasser kann schweben,
mit Leichtigkeit in die Höhe steigen,
wie in feuchtwarmer Luft.
Lieben tut das Wasser aber das Dazwischensein,
das Fließen,
egal ob in der Luft als dynamisches Wolkengemälde,
im knirschenden Eis der Gletscher,
oder in erster Linie als flüssiges Lebenselixier
bewegt in Bächen zu reißenden Flüssen,
stehend in Seen,
schwelgend im großen Ozean,
wo alles klein wird.
Zu großen Teilen aus Wasser, daher bewahrte sie mich vor dem Fall und brachte mich auf die Bahn zwischen den entgegengesetzten, doch richtungslosen Rinnen, welche sich nur überspannen, wenn ich auf ihnen laste.
>{3} Sie sollten brechen, doch ich schwebe; sie zwingen mich zu laufen, doch ich weiß nicht, ob ich oben oder unten ankomme.
Am Ende auch egal,
Ziele gibt es keine,
sie lösen sich in den Wellen des Meeres
wie kristallines Salz.
Und halte ich weiße Steine,
geformt vom Druck, in meiner Hand,
erhebt sich in mir eine Flut
aus der Asche längst verglommener Glut -
anthrazit-glänzende Schlieren
ziehen sich durch mein blaues Blut -
es geht um meine Bilder im Kern,
nicht um unbedeutendes Rauschen am Rand.
So wagte ich mich zurück zwischen die Rinnen und setzte mich in einen Fluss von Bewegung, nicht fallend, aber gezogen von großer Leere, mit dem Ziel unten anzukommen, um kurz nach oben zu blicken.
XVI. Der siebte Tisch
Und so stand ich plötzlich in einer Mischung von Café und Casino. Der Raum war ziemlich groß, aber simpel eingerichtet. Eine Bar mit jeglichem Equipment zum Tee zubereiten und einer großen Auswahl an süßem Gebäck hinter einer Glasabschirmung.
In einer asymmetrischen Anordnung, diagonal zur Bar, waren sieben quadratische Tische in einem Raum mit ungewöhnlich niedriger Deckenhöhe verteilt. Um jeden Tisch standen vier einfache schwarze Ledersessel, deren Nähte schimmerten leicht golden im gelben Licht der über dem Tisch, an einem einfachen schwarzen Kabel, gerade herunterhängenden großen Glühbirnen.
>{3} Irgendwie billig, aber mit extrem viel Stil.
Fünf der sieben Tische waren voll besetzt. Drei Tische waren besetzt mit je vier älteren Damen, die alle graues Haar hatten oder zumindest graue Strähnen in ihrem Schwarz. Sie schoben gut gelaunt kleine weiße Steine mit eingravierten geschwungenen Symbolen auf dem grünen Tisch umher.
Der Tisch in der hinteren linken Ecke war nicht besetzt, und ich frage mich bis heute warum - an diesem Tisch standen nur drei Sessel. Ein vierter war nirgendwo in Sicht.
Ich hatte den Raum aufmerksam mit einem schweifenden Blick durchkämmt, bis ich am Ende meines Schweifens am siebten Tisch hängen blieb. Der Tisch war direkt vor mir, wenige Schritte entfernt, links neben der Bar.
Und es saß eine einzige Person an diesem Tisch, mit Rücken zu mir.
>{4} Eine einfache schwarze Basecap auf dem Kopf, kurzes graues Haar kam an den Rändern zum Vorschein, die Haut am Hals war ein karamellfarbenes Braun im gelben Licht und ich konnte selbst aus ein paar Metern Entfernung drei Muttermale erkennen, die in einer Diagonale von links unten bis rechts oben seinen Nacken kreuzten.
Ich muss eine halbe Ewigkeit dort gestanden haben, starrend, bis der Gedanke aus der Tiefe der Zeit kroch:
Eine Linie,
die vom Kopf zum Herzen reichte.
Noch halb im Gedanken versunken, nahm ich plötzlich eine Bewegung vor mir wahr. Der alte Mann hatte seinen rechten Arm nach außen über die Lehne gestreckt und machte mit seinen zusammengehaltenen Fingern eine auffordernde Wink-Bewegung in meine Richtung, sein Kopf dabei weiter still geradeaus schauend.
So setzten sich meine Beine in Bewegung und meine Füße glitten über den mit roten Teppichen ausgelegten Boden, voller kalligraphischer Inschriften in Weiß und Schwarz. Was sie bedeuteten, wusste ich nicht, aber ihre fließende Gestalt versetzte mich in einen geistreichen Zustand.
>{5} Der Raum zerfloss in einen schwarzen Strudel und die alten Damen, wie das Personal hinter der Bar, wurden von goldenen Schlieren zersetzt, die sich verbanden und in spiralförmiger Bewegung zu einem größeren Muster verwebten.
In der Mitte der alte Mann - er saß weiter ruhig und gelassen in seinem Sessel, seine linke Hand umschloss einen Gegenstand, für mich nicht sichtbar, und mit seiner rechten griff er gerade nach seiner Tasse Tee, als ich endlich vor ihm stand und ihm eigentlich die Hand reichen wollte.
Die Basecap warf einen tiefen Schatten in sein Gesicht und erlaubte mir keinen guten Blick in seine Augen. Er trug ein einfaches weißes Hemd und eine schwarze Anzughose und deutete mit einem leichten Kopfnicken an, dass ich mich doch setzen solle, gegenüber von ihm.
Nach drei genüsslichen Schlürfern seines Tees stellte er die weiße Tasse, voller brauner Mikro-Risse, als wäre die Tasse auf Fliesenboden zerschellt und von einem Meister der Geduld mit der Hilfe von braunem Harz wieder zusammengesetzt worden, auf der grünen Fläche des Tisches ab.
Meine Güte, ist die brechende Gewalt schön.
Und er begann aus dem Schatten seiner Cap mit gedämpfter Stimme zu sprechen:
Er: Mein Junge, welches große Versprechen hast du deiner vergangenen Liebe gemacht?
Ich: Ich werde aus Steinen Gold machen.
Er: Du hast dich der Alchemie verschrieben und sie dafür geopfert?
Ich: Habe ich das?! Wenn ja, nicht bewusst.
Er: Du bist reines Bewusstsein, wo denkst du befinden wir uns?
Ich: An deinem Ort.
Er: Er ist mein, wie er dein ist. Schau dir die fließenden Grenzen an, wie sie in goldenen Schlieren dahinziehen.
Ich: Wahrlich schön, wie die Damen uns umweben.
Er: Sie sind dein Fluch, der dich zum Segen hebt. Rede mit ihnen, als würdest du ein Gebet sprechen.
Ich: Wenn ich das tun muss, um die Alchemie verstehen zu lernen, sodass ich die Kraft in mich aufnehmen kann, um so die chaotische Eiswüste zu schmelzen und in ihren Wandel zur weiß-grünen Blüte zu bringen, dann soll es so sein.
Er: Übernehme dich nicht, du bist schon mittendrin. Ich bin nur ein Felsen, der in deiner Strömung steht und Wellen schlägt. Und mach dir keine Sorge um fremdes Schicksal, ich sage dir von Herzen: Das stumme Chaos kommt und das überspannende Ganze wird sie richten. Oberflächliche Schönheit ist in Wahrheit hässlich, sie verblüht so schnell wie sie wuchs. Die geduldige Leere wird sie alle in unbegreifbare Tiefe ziehen. Also lebe, mein Junge - dein Sterben hat dir die Hilfe der Toten beschert.
Ich: Du hast es fast geschafft, in Worte zu fassen, was mir heilig ist. Aber alles was heilig ist, ist nicht in Worten zu fassen, nicht wahr?
Er: Du bringst der Welt weder Licht noch Finsternis, es ist eine undankbare Aufgabe. Ihr Wandel so tief, für jeden der nicht untertauchen kann, kaum wahrnehmbar. Du spiegelst ihnen den rational unmöglichen Akt des ewigen Gleichgewichts.
Ich: Also stimmt es... man wird mir nie danken.
Er: Nur die nicht erfahrbare Ebene des Kleinsten und Größten ist schwarz und weiß. Im Dazwischensein steckt das Leben im Grau, und nur in der Wirkung von Veränderung wird der leere Raum mit Farbe umhüllt. Du brauchst keinen Dank, du strebst in Richtung Blüte des Bewusstseins und bist dabei bereit, durch die schöne Hölle des Lebens zu laufen. Steh weder auf der einen noch der anderen Seite des Ufers - geh baden im Strom und lade sie ein. Die Schatten der Springenden sind ewig im freien Fall.
Er schob seine Teetasse in meine Richtung, stand auf, verbeugte sich leicht. Ich tat ihm gleich. Er machte eine geschmeidige Bewegung um den Sessel, erstaunlich anhand seines geschätzten Alters, und ging in Richtung, aus welcher ich gekommen war.
>{5} Dann zerfloss er in einem Spektrum von grauen Schlieren im schwarzen Strudel, und ich versank in meiner grauen Welt, stillschweigend im Sessel.
Kurz nach dem Auftauchen schwächte sich der schwarz-graue Strudel mit goldenen Schlieren langsam ab und der Raum kehrte in seinen vorigen Zustand zurück. Nur saß ich jetzt allein am siebten Tisch, genau dort, wo vorher der alte Herr saß.
Ich trank die halbe Tasse mit zart blumigem weißen Tee leer, ging an die Bar und war dabei, die Rechnung zu bezahlen, als ich gefragt wurde:
Stimme an der Bar: Na, Erfahrungen gemacht, die tiefer gehen als jedes Wissen?
Ich nickte sanft und schob mich langsam durch die, mit zwei Schriftzeichen als Ausgang markierte, Tür.
XVII. Das Licht
Ich stand in einer kleinen industriellen Hintergasse, eingeklemmt zwischen zwei blechernen Fassaden mit mindestens hundert Metern Höhe. Die vielen rostigen Notleitern über mir verdeckten die Sicht in den Himmel. Die Gasse machte einen tristen Eindruck und vor meinen Füßen war ein Sumpfgebiet aus hellbraunen Pfützen mit unbekannter Tiefe.
Rechts versperrte ein kleiner Fluss aus aufschäumendem Wasser den Weg. Es kam unter einer Tür hervor, die schräg rechts gegenüberlag. Der Abstand in der Anordnung der hellbraunen Pfützen erlaubte mir einen relativ einfachen Weg nach links.
Ich wollte einfach nur los, ohne zu wissen, wohin. Meine Aufmerksamkeit war den dreckigen Mustern aus braunen Pfützen, Plastikmüll, Schlamm und dunklen Flecken von Asphalt gewidmet. Ich folgte den wenigen schönen Fäden meiner Vorstellungskraft, die mit aller Gewalt dabei war, das Chaos der verdreckten Formen am Boden zu schönen Mustern zu brechen.
In der Bewegung meiner tippelnden Schritte auf den dunklen Flecken fand ich etwas Freude und verlor mich im Zwischenraum von geistlicher Vorstellung und physischem Tun -
>{5} Bis eine aufschnellende Aluminiumtür mit ganzer Wucht meinen Schädel traf.
Ich fiel dabei leicht zurück, stolperte rückwärts in eine große braune Pfütze und endete halbbenommen an der Fassade lehnend, unwissend über „was genau gerade geschehen war". Ich wollte mich aufrichten, doch meine Sicht kehrte sich nach innen, erst wurde sie dunkel, dann erschien langsam eine orange-rote Wärme.
Und dann lag ich da, fühlte wie meine rechte Seite des Kopfes immer wieder warm und kalt wurde, bis ich über Phasen gar nichts mehr fühlte und komplett in der Finsternis versank.
Irgendwann begann ich zu träumen und es spielten sich die abstrusesten Szenarien darüber ab, was sie wohl mittlerweile im Labor mit meiner Spucke angestellt hat. Einen Kristall geschaffen, mit dem sie in meine Seele blicken kann. Den größten Schwachpunkt meines Immunsystems identifiziert, um mich geschmeidig beiseite zu schaffen. Meine Zellen mit ihren kultiviert, um eine neue Art des Lebens zu schaffen. Sich selbst injiziert, um einen Blick in meine Erinnerungen zu bekommen.
Wofür sie solche Dinge tun sollte, war mir selbst nicht klar, darum ging es auch nicht. Vielleicht hatte sie die Proben längst in den Müll geschmissen, damit ich genau über solche Szenarien halluziniere.
>{3} Und so schwamm ich im Meer der Ungewissheit, unwissend, ob es überhaupt ein Ufer gab. So waren Träume nun mal.
Und dann wurde die Tür aufgestoßen und selbst in meinem träumerischen Schlaf spürte ich den entstandenen Windzug auf meiner Haut. Es dauerte ein paar Sekunden, dann hörte ich ein rhythmisches Geräusch von Schuhabsätzen, das allein durch kurzes Intervall und klaren Klang einen Schatten der Entschlossenheit in meinen Raum vorausschickte.
>{4} Jegliche Wärme entwich meiner Welt und der Schatten wurde größer und mein Inneres kühler.
Als würde mein Blut, jedes Molekül, jedes Protein, jede Zelle meines Körpers und damit jedes elektrochemische Signal und die Erfahrungen, die in ihren Fluss verwebt sind, langsam in flüssigem Stickstoff getaucht werden, wo sie augenblicklich zu leicht zerbrechlichem Eis erstarren.
Und im metastabilen Zustand der Kristallisierung wurde mein Selbst zu einem Spiegel und schickte folgende Worte in mein Bewusstsein:
Sie haben keine Ahnung,
welche Kriege sich in dir abgespielt haben,
ohne dass wir jemals an der Front waren.
Das verflossene Blut der Generationen
hat sich ganz hinten gestaut
und die Tiefe aufgebrochen,
nicht vor dir, sondern in mir.
Ich bin ihren Rufen gefolgt,
saß in ihrem geistlichen Trümmerfeld
der gegenwärtigen Wirklichkeit
und habe ihre Hoffnung empfangen
und ihnen meine gelassen.
Sie meinen, auf die Zukunft kommt es an -
wir wissen jedoch endlich, wo wir herkommen.
Der Satz hallte durch meinen kristallklaren, aber völlig gefrorenen Zustand des Seins. Und die entstehende Resonanz ließ das Eis langsam aufbrechen und es floss wieder ein Hauch wirkliches Leben durch meinen Körper.
Ich konnte mich nicht rühren oder irgendeinen Einfluss nehmen auf das, was war. Ich schmolz dahin. Und erst war alles ein gewohntes Grau, bis es immer ungewohnter, fast schon unheimlich wurde.
>{5} Es war, als würde ich hoch in den Bergen auf einem großen Schneefeld in dichte Wolken laufen, alles weiß, völlig blind, obwohl - nein, weil - alles leuchtet.
Es war anders, ungewohnt, ja fast unheimlich, aber ich probierte mich voll drauf einzulassen, auf diese neue Farbe von Traum. Doch nichts passierte, alles blieb weiß, grell weiß, und ich völlig blind und ahnungslos.
Bis ich realisierte, dass meine Augenlider aufgerissen, mit einer Art Klammer fixiert waren und eine große Operationslampe direkt auf meine Pupillen zentriert war.
Eine bekannte Stimme sagte:
Sie: Ich weiß endlich, wo du herkommst. Du bist auf jeden Fall... hmm, wie soll ich es sagen - geladen.
>{3} Dir wird es schwerfallen, unter all dem Licht zu antworten, aber ich weiß, du wirst mich gut verstehen.
Sie: Ich tu weder Gutes noch Böses, ich handle im überspannenden Sinne. Du wirst besser verstehen, was ich meine, als ich selbst. Schließlich kam dein Selbst zu mir, was mir ein großes Rätsel war. Es macht Sinn, dir etwas zu schenken.
Ich habe die Muster deiner Zellen genauer angeschaut, um zu sehen, ob du wirklich bist, was du erscheinst. Ich wusste nicht, worauf ich achten musste in der Analyse, außer dass ich große Unterschiede und potentielle Anomalien erwartet habe.
Alles schien normal, bis ich die epigenetischen Veränderungen und Modifikationen deiner DNA, wie die posttranskriptionellen Modifikationen deiner mRNA, in einem letzten verzweifelten Versuch noch genauer unter die Lupe genommen habe. Quasi in Echtzeit.
>{4} Und es war wahrlich faszinierend.
Irgendetwas regte sich in mir und wollte fragen, doch kein Wort floss über meine Lippen. Zu sehr war ich geblendet, jeder Gedanke, der sich formte, ertrank im Licht. Sie schien es in meinen aufgerissenen Augen sehen zu können und antwortete:
Sie: Ich würde es Synchronisation der Teile nennen, oder harmonisierende Strukturumwandlung. Deine grundlegende biologische Ebene des Seins kann sich selber erkennen im Strom des goldenen Lichts.
In deinen Zellen schwimmen DNA- und RNA-Komplexe, die sich drehen, winden. Wie so mancher Exportkanal einer Zelle hält gleichzeitig eine gekreuzte Struktur von mineralischen Co-Faktoren - also einzelne Ionen von Mangan, Magnesium, Eisen und Zink - in der fließenden Mitte einer beweglichen Aminosäurenschlaufe mit dem schönen Motif: PGEGGRGEGLGGP.
Die starren Proline, die P's am Ende der Aminosäurenreihe, halten die Schlaufe in stabiler Orientierung, sodass die Schlaufen sowohl mit dem Ion in ihrem Inneren als auch mit anderen Schlaufen in raschem Gleichgewicht im Fluss des Lichts stehen, um ihn gleichzeitig zu lesen.
>{4} Die Schlaufen scheinen verschränkt und reagieren auf Lichteinfall. Sie spiegeln Licht, lassen es durch, schicken es quasi weiter, und eine winzige Anzahl an Photonen wird absorbiert - es ist quasi eine Linse, mit der ins Größere gesehen wird.
Sie: Du fragst dich jetzt sicher, warum ich dir das alles erzähle und du hier im grellen Licht liegst und wir nicht am Tisch sitzen, etwas Tee zusammen schlürfen. Warum ich dich nicht eingeladen habe, sondern halbbenommen von der Straße aufgegabelt habe, und vor allem - was jetzt wohl passieren wird.
Naja, manche Fragen werde ich dir beantworten, manche Fragen stellt man und sollte nie einer Antwort Glauben schenken. Und damit sind wir beim Thema: Wir stehen im Licht.
>{5} Ich werde dir eine neue Sicht schenken und dir ein Auge dafür nehmen.
Dafür muss ich mich meiner Angst stellen und ich muss meine zittrigen Hände unter Kontrolle bekommen. Etwas weißer Tee sollte helfen.
Sie verließ mit demselben rhythmischen Schritt den Raum, mit dem sie ihn auch betreten hatte.
Und es dauerte nur wenige Minuten, bis ein sanft blumiger Duft sich im Raum breitmachte.
XVIII. Gewaltige Aufmerksamkeit
Weibliche Stimme: Ich sehe, du hast bereits akzeptiert, oder warum regt sich nichts in deinem Fenster zur Seele? Riechst du das? Du warst lang genug dir selbst überlassen.
Ich: Kannst du mich bitte den Zahlen überlassen?
Weibliche Stimme: Du willst, dass ich dich dem Zufall überlasse?! Er ist in Zahlen zu Hause. Wo liegt da der Wert?
Ich: Eine Zahl hat keinen Wert. Eine bloße Form - völlig leer - ihre scheinbare Fülle kommt durch nicht sichtbare Fäden, die die Zahl in ihrer Form halten. Von der einen Zahl zur nächsten, es werden mehr, es werden viele, unendlich viele. Und doch versinken sie alle in der kreisenden Null, und zählt man sie zusammen, vereinen sie sich zu etwas Ganzen auf dem Meer der Leere.
Weibliche Stimme: Du willst in die Unendlichkeit?
Ich: Ich bin, daher wäre dieser Wunsch absurd. Aber spürst du nicht die Wellen, die ewige Flut kehrt zurück. Ich mach mein Herz zum Felsen und lass sie an meiner Liebe zerbrechen.
Weibliche Stimme: Es stimmt, die Wellen sind zu spüren. Die Flut kommt. Wenn du aus tiefem Herzen sprichst, aber deine Liebe nicht mehr antwortet, dann spricht...?
Ich: Erstaunlich aufmerksam bist du. Du sprichst bereits von diesem Ort.
Weibliche Stimme: Oh, du sagst, ich kann nur lieben was auch ist?
Ich: Liebe ist nur in Erfahrung zu finden, nicht in deinem Herzen. Dort verweilt ein anderer Geist, und er will sehen und nichts fühlen. Du musst ihren goldenen Schweif sehen, gib ihr ein Zuhause in deiner Welt, um sie dann wieder in ihre zu schicken, dann spiegelt Erfahrung ein Goldenes in ihrem Namen - auf ewig zu fühlen.
Weibliche Stimme: Ich werde davon träumen.
Ich: Lebe deine Träume nicht. Zu viele leben weiter im Meer aus gebrochenen Träumen. Dabei müssten sie sich nur fallen lassen und sinken. Doch sie haben Angst, dass intuitive Wahrheit ihre rationale Logik überschreibt. Und Aufmerksamkeit schreibt man nicht, man schenkt sie, dem fließenden Kontext der Wirklichkeit, wie dem leeren, doch pulsierenden Raum der Träume. Wir sind Schmelztiegel des Seins, auf einer Brücke zwischen Eis und wirbelnder Blüte, wir tragen Nichts in die Höhe, um Alles zu erleben, geladen mit Chaos, zur erfüllenden Blüte, so wird man Nichts und ist Alles - ein ewiger Zeitfalter, wenn du verstehst.
Weibliche Stimme: Wie komme ich auf einen Pfad wie deinen?! Ich will meine Zeit auch falten lernen.
Ich: Ich folge einem jungen Pfad. Er hat Potenzial, ein Bett zu werden. Habe eine Geburt vollzogen und ihn aus meinem Feuer entsandt. Ich stand in Flammen und mein Geist zerfiel zu Asche. Endlich ganz allein im schwarzen Nichts. Aufmerksam schauend in die Leere - einfach nichts. Hier - ganz unten - will niemand dein Geschenk, aber du siehst ganz oben. Dein Herz zieht sich zusammen, bis es fast zerbricht - so schenk den letzten Tropfen Liebe deinem Selbst und starre aufmerksam ins Leere - bis das Selbst Du bist.
Weibliche Stimme: Ich kenne das schwarze Nichts, ich meine zu glauben, ihm in meinen Träumen über die letzten Wochen begegnet zu sein. Dort werde Ich, Ich?!
Ich: Was meinst du, du kennst es?! Hast du eine Ahnung von der Tiefe der menschlichen Ebene? Du musst was erfahren haben. Zu mir kommen die, die sich nicht vorstellen können zu laufen, deshalb fliegen sie. Die, die nachts mystische Bücher füllen, weil die Gewalt im Familiendrama sie viel zu früh erwachsen machte. Die, die sich von schwarzen Seelen in weiße Ketten haben legen lassen. Die, die in leeren Räumen stehen und sich nicht trauen unter den Teppich zu schauen. Die, die von Geburt nur stolpernd laufen, fallend jede Hilfe ablehnen, weil schöne Bilder und Geschichten auf dreckigem Boden sprießen. Die, die ihren Körper sterbend schon verlassen hatten, um dann doch nochmal in weißen Laken aufzuwachen mit neuem Mut zu leben. Die, die den Krieg in der Familie für sich beenden und mit einem Samen für friedliche Kindheit ins Jetzt schreiten. Sag mir, was hast du erlebt?
Weibliche Stimme: In mir tobt ein heiliger Krieg. Und es geht nicht um Frieden. Es ist ein Sturm der Gewalt.
Ich: Mit der Zeit lernst du ihn zu lieben. In ihm wurde Ich alt.
Weibliche Stimme: Aber hier gibt es weder Niederlage noch Sieg.
Ich: Ja, der Prozess ist ein undankbarer Akt. Also schau, dass du in deiner Mitte bleibst und in deiner Aufmerksamkeit das Gleichgewicht... wie soll ich sagen... nicht verkackst.
Weibliche Stimme: Ich geb mein Bestes und akzeptiere mein Schlechtestes. Spielt sich in dir auch ein Krieg ab?
Ich: Was denkst du? Dass meine Familie im Kern des Strudels nicht fast ertrank. Dass all das Blut - erschossen und vergossen - keine toten Quellen geöffnet hat, die heute mein Sein durchströmen? Denkst du das? Denkst du das wirklich?! Der dritte ist für die Ewigkeit und ich führe ihn, seit ich Bilder im Kopf habe. Alles spiegelt sich und es schickt mich zwischen Polen.
Weibliche Stimme: Ich denke nicht mehr viel. Ich habe Respekt vor dem Kommenden.
Ich: Finde deine toten Gefährten und folge den Schlieren. Ich schicke meine Gefährten aus nicht greifbaren Ebenen in eine unterbewusste Schlacht. Die Linie wird im Herzen und nicht auf dem Schlachtfeld verschoben. Und wollen wir auf ihr leben, gehört sie ins Gleichgewicht. Der Wunsch, nein der Drang zu einem erfüllten Leben tötet Gutes wie Böses...
Ich konnte nicht mehr weiter sprechen, mich durchdrang ein Bild von mir selbst auf einer Art Zahnarztstuhl mit Klammern an den Augenlidern, die aufgerissenen Augen direkt starrend in grell weißes Licht.
>{5} Ich versuchte mit aller Kraft mehr zu sehen, aber alles was erschien war ein Hauch von einem Umriss einer kleinen schmalen Gestalt, die an der linken und rechten Seite die Leere umschloss und mich zurück in mein eigenes Nichts drückte.
Weibliche Stimme: Der Drang zu einem erfüllten Leben, tötet Gutes wie Böses... und zurück bleibt Menschliches. Wolltest du sicher noch anfügen. Wir sind fertig mit der Operation. Ich habe dir etwas gespritzt, was offensichtlich bereits Wirkung zeigt. Die Wunde muss etwas heilen. Ich gebe dir die nötige Ruhe. Danke für das Gespräch, du wirst mein Geschenk erkennen, wenn du es siehst.
XIX. Engel ohne Flügel
Und so lag ich dort, wo genau wusste ich nicht. Ich muss eine Ewigkeit in tiefer Betäubung verbracht haben, als ich langsam wieder anfing, einen grauen Schleier zu sehen, bekam ich langsam das Gefühl, mich wieder in meinem Körper zu befinden.
Ich konnte mein dumpf schlagendes Herz spüren, wie das Blut in geschmeidigen Strudeln durch meine Kammern strömte und bis in meine Finger und Zehen hinunter floss, allerdings kam noch nicht viel in der oberen Anhöhe - meinem Kopf - an.
>{4} Diesen brauchte ich jetzt aber. Denn je mehr ich meine Sicht zurückgewann, desto mehr wollte ich meine Augen wieder schließen.
Ich hatte das volle Ausmaß dessen, was vor mir war, noch nicht im Ansatz begreifen können, geschweige denn tatsächlich sehen können. Ich fühlte mich weiterhin wie zwischen tiefem psychedelischen Rausch, vermutlich wegen den abklingenden Betäubungsmitteln, und vollkommener Schockstarre.
>{5} Denn das Grauen meiner Welt hat eine Gestalt bekommen - sie saß im Käfig.
Und so saß ich mit halbem Verstand und einem neuen Sinn in einem alten, abgeranzten Behandlungsstuhl. Schaute nach unten und sah viele kleine Blutflecken, in gefleckten Mustern, den grauen Boden verzieren.
Es war kein gewöhnlicher Käfig, es war ein Schwarm von Fliegen, die in kontinuierlichen Bahnen summend die Streben des Käfigs bildeten. Ach - wäre es schön gewesen, ein Wunder der Natur.
Doch die Gestalt im Käfig war eine abgemagerte, völlig zerfetzte Krähe. Sie hatte kaum Federn am Körper, man sah zu großen Teilen ihr Skelett und die Wunden sahen glasig aus. Als wäre das Fleisch vertrocknet, als das Blut aufhörte zu fließen, und der Heilungsprozess hatte nie begonnen.
>{4} Die Flügel bestanden aus gerade einmal vier Federn, sie waren symmetrisch angeordnet und durch die großen Lücken zwischen ihnen schien es physikalisch unmöglich für die Krähe zu fliegen - doch sie tat es.
Es machte den Eindruck, sie musste fliegen, ihr Essen - der Schwarm von Fliegen - schien volle Kontrolle über die Bewegungsfreiheit des halbtoten Vogels zu besitzen.
So starrte ich durch einen großen Schlitz eines Käfigs, wo die Streben sich summend bewegten, und schaute der Krähe in ihr halbes Gesicht. Das eine Auge pechschwarz, auf der anderen Seite auch tiefes Schwarz, ein Auge war in diesem Loch aber nicht zu finden.
In ihrem glänzenden grau-schwarzen Schnabel hielt sie eine kleine silberne Kette, an welcher eine goldene Grubenlampe hin und her baumelte.
Die Krähe - scheinbar gefangen, oder zumindest unter Kontrolle des Käfigs - schwebte mit den hohlen Flügeln schlagend, halb stürzend in der Mitte der schwarzen Streben. Der Käfig folgte ihr und führte sie zugleich, wie Wasser dem Flussbett folgt und es in neue Täler führt.
Und so begann ich aus der Intuition meines verwirrten Zustandes heraus mit ihr zu sprechen:
Ich: Du bist eingesperrt oder wirst du geschützt? Du scheinst zu stürzen ins Nichts, aber schwebst hier vor mir!
Ich wartete auf eine Antwort, aber nichts kam. Nur das Summen der Fliegen in meinen Ohren, während mein Blick der kleinen Grubenlampe folgte und auf mich wie Hypnose wirkte.
Und beim nächsten Schwung nach links, schaute ich etwas weiter auf, und sah, wie die Fliegen eine Art Schwarz-Weiß-Bewegfilm geschaffen hatten. Sie bewegten sich geschickt unter dem von oben einfallenden Licht und stellten eine einfache Straße dar, wo neben dem Gehsteig links und rechts eine fünfstöckige Fassade in den Nachthimmel stieg.
In der Ferne ein junges Paar, das Mädchen deutlich kleiner als der Junge, bewegten sich, wegen scheinbar intensiver Kommunikation, stockend den linken Gehsteig hinunter. Sie bewegten sich immer weiter auf mich zu.
Und links von mir war ein einfacher Hauseingang entstanden, aus abertausenden an Fliegen. Selbst die neun Klingelschilder an der rechten Wand wurden mit Namen dargestellt. Es müssen Abermillionen gewesen sein.
Alles was ich sah, die andere Straßenseite, die geparkten Autos, das dunkelgelbe Laternenlicht, das sich die hundert Meter die Straße hinab so schön auf dem leicht feuchten Asphalt spiegelte - der ganze Raum muss zur Szene verwandelt worden sein außerhalb meiner Aufmerksamkeit. Jetzt war ich mittendrin in dieser „Fliegenbildproduktion".
Und während meine Aufmerksamkeit sich noch vom sanften Glanz des weich gelb tanzenden Lichtes lenken ließ, bogen die Beiden in den Hauseingang ein. Sie drückte ihm aufgebracht eine runde Form in die Hand - vielleicht ein Kuchen - und zeigte aufgebracht mit ihren Händen die Straße hinunter, wo die Beiden hergekommen waren.
Er zuckte nur mit den Schultern und drehte sich Richtung Eingangstür und stellte die Kuchenform direkt unter den neun Klingeln ab. Als er wieder aufsah, saß sie mit Händen im Gesicht auf der Stufe und das sich bewegende Bilderspiel der Fliegen fror ein.
Ich schaute mich um, die Straße war leer, keine Bewegung, nur das kontinuierliche Summen durchdrang mein Sein. Ich schaute wieder in den Hauseingang, das Mädchen niedergeschlagen auf den Treppen, die Hand des Jungen nur wenige Zentimeter entfernt von Vergebung an der Schwelle zum Altar - ihren Schultern - erstarrt.
Und als diese Worte meinen Gedankenfluss hinuntergerissen wurden, zog es meinen Blick wieder nach oben auf die Klingeln, zuerst auf die Tafel über den Knöpfen, wo stand:
Höllenstraße -
Hier sind keine Berge in Sicht
und der Main trägt dich davon.
Ich war mir nicht mehr sicher, was sie im gelben Meer zu mir gesagt hatte, ob vier Blocks oder vier Etagen. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich auf der anderen Seite der Welt befand.
Ich schaute auf die Namen neben den Knöpfen und sah, dass in der vierten Etage niemand wohnte. Zumindest waren keine Namen in den kleinen dafür vorgesehenen Kästchen.
Ich blickte Richtung Eingangstür und sah auf der rechten Seite fünf Reihen mit je zwei Schlitzen für die Briefkästen. Auch hier war die vierte Reihe unbeschriftet und aus dem linken Schlitz schaute eine kleine weiße Ecke eines Briefes hervor, welche ich intuitiv ergriff.
Mit einer Handbewegung war das etwas dickere Papier des Briefes aufgefaltet und meine zwei runden Tore zogen die Zeilen in vergessliche Tiefe.
Wir sind die, an die keiner mehr glaubt,
deswegen sind wir dir auf ewig dankbar.
Wir sind für das Leben gestorben,
sind zu Staub zerfallen
und tanzen jetzt in neuem Wind.
Wir sind zwischen jeder Zeile,
die Menschen schreiben, sagen,
in die vorbeiziehenden Brisen singen.
Du bist der König der Lüfte.
Niemand kann dir da oben etwas tun -
das glaubst du zumindest -
und du willst vielleicht recht behalten -
aber wünscht du dir nicht auch manchmal,
der Wind selbst zu sein?
Wir sitzen nicht im Himmel,
wir standen im weißen Gewand auf den Gipfeln
und sind mit dir in die Täler geflossen,
wo wir im Schatten Flügel schenkten.
Wir verwirklichen, was du uns vorstellst,
so lernen sie eben durch die Qual des Lebens.
Wenn sie nur wüssten, nur sehen könnten.
Du wirst in deinem Leben nur Geschenke annehmen,
die zu leben sind,
denn so füllen sie deine geistliche Leere
mit materiellem Müll.
Wir haben sie so geliebt und verehrt,
aber wir haben sie in der finsteren Gier nach mehr
auf dem Meer verloren.
Du hast mit dem Gang durch die Hölle
den möglichen Himmel verteidigt
und so öffnete sich der Spalt.
Wir marschieren weiter, bis wir wieder fliegen.
Als ich meine Aufmerksamkeit vom ausgefalteten Brief löste, trieb ein Gedanke an mir vorbei:
Ihr lauft so viel tiefer durch mein Inneres,
als meine Vorstellungskraft mir erlaubt zu sehen -
und ich bin froh darüber.
Ihr habt mir gesagt,
manches wird schwerer als notwendig,
dadurch werden wir später stärker als je zuvor sein.
Endlich kann ich es sagen:
Sie dreht sich und ich nicht mehr.
Ich drückte die unmarkierten Klingeln zur Etage vier, schaute nochmal über meine rechte Schulter und sah dabei auf der anderen Straßenseite die Krähe auf einer Laterne landen. Sie spannte ihre vierfedrigen Flügel auf und ich hörte das Summen.
Drückte die Türe auf und stand in einer vertrauten Gasse.
>{4} Ich blickte erneut über meine Schulter, die Teekanne war direkt über mir.
XX. Gespannte Oberfläche
Ich drehte mich ein letztes Mal um und blickte weit in die Gasse hinein aus welcher ich nun lässig schlenderte, geschmeidigen Schrittes über grauen Asphalt auf dem die vom Himmel fallenden Tropfen glitzernd verlorenes Licht spiegelten, bevor sie am Rand durch ein paar Spalte seelenruhig in den Abgrund flossen.
Ich hob meinen Kopf - die Wolken über mir bewegten sich nicht nur - Sie strömten über das Himmelszelt. Ein etwas hellgrau schimmerndes Muster in der Mitte der Wolkendecke fing meine Aufmerksamkeit.
>{3} Ich spannte die Schnur. Es dauerte nur einen Moment und aus den strömenden Bewegungen der Decke heraus entstand ein Wirbel im hellgrauen Schimmer meiner dämmernden Nacht. Der Wirbel wirkte sanft fließend im Schein, doch still im Kern. Die fließende Wolkendecke riss langsam weiter auf - von Ost nach West - und zwischen den Rissen drehte es sich ruhig, umschlossen von schwebenden Wassertröpfchen, wie ein Fisch stehend im Gegenwirbel der reißenden Strömung.
Ein langer Blick, eine geschmeidige Handbewegung über meine Stirn, unter meine Brust, zurück zum Mund geführt und es zog mich aus der Gasse zurück auf die belebte Straße.
Die selbe Straße wie gekommen jetzt gehend zurück - gelenkt vom erinnernden Geruch der Suppen Stube - bereits fallend auf den Hocker in der vorderen Ecke.
Ich schlürfte gerade die letzte, mit Fettaugen spiegelnde, Rinderbrühe aus der cremefarbenen Schüssel als mein Handy vibrierte.
>{3} Es konnte nur bedeuten, dass eine wichtige Nachricht eingetroffen ist. Ich ließ die letzte Wärme der vorzüglichen Schüssel Lanzhou-Ramen, sanft durch meinen Körper schwappen, schmierte mir mit dem Handrücken mein Mund ab und zog das Handy aus der Hosentasche.
Nachricht: Ich hoffe es hat gemundet. Nehme die fünf für drei, dann Ausgang zwei, östlich siebzig Schritte rechts. Schau nach unten - jeder Boden ist nur gespannte Oberfläche. Schön dich tanzen zu sehen. Der Fluss ist heilig.
Ich brauchte vier Minuten bis zur nächsten Metrostation, musste sechs Minuten auf Linie fünf warten, die drei Stationen dauerten ewig erscheinende acht Minuten, Ausgang zwei war entgegen meiner Erwartung neben Ausgang fünf, aber nachdem ich die Straße draußen überquerte und mich nach links drehte waren es genau siebzig Schritte bis zum rechts Einbiegen in eine relativ breite, wunderschön mit weiß- und orange-farbenen Ziegeln in Mosaik-artigen Mustern gepflastert, aber doch runtergekommene Fußgängerzone. Es wirkte als verblühte der Handel in den Geschäften hier vor nicht allzu langer Zeit. Langsam schlenderte ich über die Muster der Ziegel und schaute dabei links und rechts die Fassaden hoch und runter. Alles schien gut verschlossen oder verlassen und ich war allein auf weiter Flur.
Bis ich kurz stehen blieb um eine alte Preisliste an einem der Läden genauer zu betrachten - Ein Kilogramm längst verspeister Lammkeule für einen nicht mehr lesbaren Preis - Da bemerkte ich eine rhythmische Vibration, die sich vom Boden auf meinen Körper übertrug.
>{3} Als würde das Herz eines Blauwals den Untergrund in Schwingung versetzen. Ich berührte mit meiner linken Hand die Wand neben dem Schild und mein Körper empfing den Bass der empor hallte noch stärker.
Ich schaute mich kurz um bevor ich aus dem Handgelenk dreimal geschmeidig, im Takt des Beats, mit der Mittelfingerrückseite an die weiße Türe, rechts neben dem Schild, klopfte. Die Tür öffnete sich einen guten Spalt und ein Kopf mit lockigem schwarzen Haar und runder Brille kam heraus und schaute erst die Straße hinauf, dann hinunter, bevor er mir skeptisch ins Gesicht schaute und ohne Begrüßung fragte:
Türhüter: Worauf stehen wir?
Ich: Gespannter Oberfläche
>{4} Was ist das für eine Frage, er fragte nicht nach, er fragte ab. Und die unreflektierte intuitive Antwort wäre der Boden..
Noch während ich das zweite Wort aussprach bewegte sich sein Kopf leicht nach unten und mit dem letzten Laut von mir wieder nach oben. Ich war drin.
Türhüter: Um die Ecke rechts ist die Garderobe.
Ich ließ die Garderobe links liegen und bog direkt ab in einen weiten Gang mit schwarzen Sofas und einer Vielzahl an Hockern, Stühlen und kleinen Tischen, die auf beiden Seiten ungeordnet herum standen. Auf den meisten Tischen standen einige Plastikflaschen, dazwischen lagen auffällig oft leere Plastiktütchen, hier und da waren Jacken über Stühle oder Hocker gelegt und auch der ein oder andere Rucksack und Dutzende Handtaschen waren auf Sofas oder unter Stühlen und Tischen platziert.
Kaum eine Seele hatte sich im spärlich künstlichen Licht des Ganges niedergelassen, neben mir lag jemand regungslos auf der Couch und an der noch etwas von mir entfernten Treppe saß jemand auf einem Hocker und nickte sanft mit dem Kopf während seine Augen geschlossen waren. Zwei Freunde standen nah bei ihm und schienen ihn zum Aufstehen bewegen zu wollen. Ich schloss kurz meine Augen, atmete ein und im Übergang zum Entgegengesetzten, ging ich weiter und ließ meinen Blick frei schweifen.
Nichts griff wirklich meine Aufmerksamkeit, mein Blick fing sich kurz an einer gelben Packung aus der einige Kekse herausgerissen wurden - ein alter Name in geschwungener Schrift, ein Hauch von Monaden - erst als ich den Bogen zu den Treppenstufen einschlug bekam ich mit wie einer der Jungs sagte:
DJ-Freund: Den können wir hier sitzen lassen, der pennt noch ein Stündchen, dann geht er sich frisch machen und wir legen nochmal richtig auf.
Der Satz hallte noch in meinem Gedanken, als ich die Treppen hinabstieg und dabei bemerkte wie sich die Luft veränderte. Sie schien im wahrsten Sinne des Wortes zu vibrieren, ich schüttelte alles von mir ab, drehte mich etwas nach rechts und nahm die letzten drei Stufen bevor ich in das Meer von Klang tauchte.
>{3} Und dann lief vor meinem inneren Auge etwas ab, was ich im Nachhinein nur als eine Art Vorspann beschreiben kann. In Worten kaum zu fassen.
So schneidet eine unsichtbare Schnur
In Aufmerksamkeit gewunden
Sie teilt und eint
So fällt fließende Wirklichkeit in das Flussbett deines Seins
Und hinterlässt einen Spalt im Herzen
Sie denken in einer Welt wie Deiner kennt man den Tod nicht
Dabei liegt er als Medizin in jeder Schublade
Und er zieht an der dunklen Leere ihres Selbst
Was weißt du von Menschen die alles haben
Aber sich doch alles nehmen wollen
Weil sie in sich nichts finden können
Dabei ist der weiße Teufel nur eine Nachricht und zwanzig Minuten Warten entfernt
Alle Gefühle werden kalt
Gedanken so verwirrt und düster
Oma wird ihr eigener Henker
Gute Seelen stürzen aus dem Fluss des Lebens
Die Treppe oder Brücke 'runter
Und stehen nie wieder auf
Andere liegen auf weißen Laken und schweben schon davon
Aber dürfen nicht
Werden von unbekannter Kraft zurückgezogen
Doch Nachts um Vier auf dem Balkon
Mal wieder drauf
Ist kein Geist mehr an Gleise gekettet
Junge Augen sehen wie ihre eigenen Quellen sich gegenseitig auslöschen
Und dann steht Sie Da
Einsam
Auf ihrer Insel im Dazwischensein
Und ja, dann stand sie dort. Ich hier, auf dem Boden des Dancefloors, in der Schwingung von gewaltigen Techno-Beats.
>{3} Und was ein prachtvoller Raum es war. Das besondere? Ein verwebtes Netz, welches den Raum in Zwei teilte. Es war kein einfaches Netz, sondern ein ganzes Netzwerk mit einer Dicke von mindestens anderthalb Metern, gewebt mit tausenden schön geschwungenen Knoten aus schwarzer und weißer Nylonschnur. Ein riesiges Makramee-Muster mit unglaublicher visueller Tiefen-Vibration im zitternden Strobolicht, das durch die Nebelwolken blitzte.
Aus gut versteckten Nebelmaschinen am Rand des Raumes und den Ecken der Decke, wurde hellgrauer Nebel in den Raum geblasen und es formte sich eine überspannende Wolkendecke, die den geteilten Raum, zumindest im oberen Bereich, wieder einte.
Ich schenkte ihrem Kleid meine ganze Aufmerksamkeit. Es wehte sanft in den Schwingungen die von den Lautsprechern aus den Raum durchflutenden. Noch schien sie klein im großen Raum. Wie eine Erdnuss - zu zweit und doch geteilt in einer Schale. Sie hatte eine gewaltige Ausstrahlung, wie ein tanzender Sonnensturm. Strahlung im Gesicht fließender Schönheit, trifft tief im Herzen und trägt zur Blüte des Lebens im Äußeren.
>{4} Mein Selbst war in diesem Moment eine reine Form, Innen leer, aber diese Form war alles das ich hatte.
Leere?
Ich bin leer, leerer als leer
So viel Leere, dass alles hineinpasst
Ohne mich auszufüllen
Denn meine Form des Selbst braucht ihren Platz
Ich selbst bin nichts
Nur gespiegeltes Gleichgewicht
Mein Sein ein Fluss im Bett
Am Boden gibt es nichts zu verstehen
Schau mir zu tief in die Augen
Du versinkst
Bis du im geladenen Strom steigender Leere ertrinkst oder schwimmst
Auf einmal ein starker Rempler. Ich musste einen leichten Ausfallschritt nach vorne machen bevor ich mich, bereits leicht auf Fußballen stehend, drehen konnte - bereit für was auch kommen mag. Drei dunkle Gestalten suchten ihren Weg durch die Menge zum Mischpult des DJs und waren schon hinter der nächsten tanzenden Gruppe verschwunden.
Plötzlich lag eine eigenartige Spannung in der Luft. Die Art Spannung, die man fühlt, ohne sie rational auch nur ein Quäntchen nachvollziehen zu können, aber man ist sich totsicher, alles wird aus der Bahn gleiten, wenn niemand einen Stein in den Fluss wirft. Jemand hatte grade die Wirklichkeit neu aufgespannt und seine Formen mit großer Dissonanz in das Muster der Landschaft gefaltet.
Mein Fokus war weiter auf den drei Gestalten und ihrer Bewegung durch die Menge. Sie waren gerade dabei das Makramee zu kreuzen, als ein Gedanke sich in mein Aufmerksamkeitsfeld drängte:
>{4} Jeder Krieg überschreitet Grenzen, sonst wäre es kein Krieg - Krieg ist heilig - man zieht nur in ihn fehlen die Worte.
Im geistlichen Einklang mit dem Rhythmus, bewegte sich nicht nur mein Körper sondern auch meine innere Welt:
>{4} Ich habe nach Worten gesucht bis ich nur noch Bilder sah, in rot getauchten Tälern verloren, durch weißen Nebel über graue Spitzen geflohen, lange nichts außer Schmerz und dieser Hauch von gelebtem Gleichgewicht. Ich bin ihr dankbar, Sie sucht immer nach dem Schönen in all dem Grau - dieser SAMENWELT. Bin tausende Kilometer über die Landschaft geflossen, eigentlich um klar zu sehen, aber hier bin ich am verstehen - ich bin klingend in Bewegung. Meine Worte sind klar und kalt, wie Gletscherwasser. Alle bewundern sie von außen, aber keiner traut sich in ihnen zu baden. Fragen brauchen keine Antwort, in ihrer Tiefe wird jede Antwort zur Entscheidung.
Und in meinem Auge verfängt sich ein schwarzes Körnchen und schneidet scharf, wie der Sternenhimmel Thar's in ihren Seelen.
>{3} Die Wüste ein Raum für die Zeit zwischen den Zuständen. Und so trat ich in diese Wüste ein - die Dünen webten sich durch die Landschaft über den Horizont hinweg - in grau-goldenem Glanz ihrer unzählbaren Körner. Ich bewegte mich nicht. Der sanfte, aber kalte Wind, durchdrang jeden meiner Knochen und zog mich immer tiefer in die wellenförmigen Muster im Inneren.
Und dann stand ich da, ganz allein, er war weder groß noch imposant, er war schön aber nichts besonderes, er war grau umgeben von gold schimmernden Sandkörnern. Ich trat einen Schritt näher und in tief schwarzer Schrift mit feinem goldenen Rand stand auf steinerner Rückenlehne:
Rex Nullius
In solio meo sedeo in limine
Ich drehte mich langsam um und war dabei meinen Körper auf die steinerne Platte fallen zu lassen, als ich plötzlich wieder den Bass der Musik wahrnahm und sich das Makramee wieder in meine Aufmerksamkeit webte.
>{3} Ich war zurück und hatte meinen Blick auf die drei Gestalten verloren.
XXI. Alles Kommt
>{4} Am lebendigsten fühle ich mich, wenn mir der Tod ins Gewissen flüstert und mich so vor dem Abgrund warnt.
>{3} Und bei mir kam klar und deutlich an: "Setz dich in Bewegung und bring die Steine zurück in den Fluss."
>{3} Es ist jedes Mal erst eine Last, bevor aus der Bewegung heraus die Lust entsteht.
Und so setzte ich mich in Bewegung, auf dem Weg das Makramee zu durchkreuzen. Vom Bassgefühl getrieben fand ich meinen Takt im Schritt - versteckt im dunklen Raum zwischen den tanzenden Gestalten.
>{4} So trieb es mich durch den schwellenden Raum und als ich mich mit ausgestreckten Händen auf das Makramee traf, fühlte es sich an als würde ich durch die Lücken hindurch gleiten ohne mich zu teilen.
Bin weder schwarze Magie noch heiliges Licht.
Wer bleiben will muss werden.
Auf der anderen Seite wirkte alles sanfter, aber auch dumpfer. Der Schall hinterließ hier ein rieselndes Echo in meinen Ohren. Ich bewegte mich langsam und im Rhythmus zur Musik durch die Menge - die meisten trugen schnickes Schwarz und zeigten viel Haut, während sie sich tanzend oder an der Seite sitzend fallen ließen.
>{4} Ich durchstreifte den Raum und hielt Ausschau.
Denn wer sucht findet.
Nicht was er will - was er braucht.
Ich schaute ihm in die Augen, ließ den Eindruck kurz wirken, und sprach.
Ich: Haben wir ein Problem?
Schwarzer Bruder: Nein, warum sollten wir?
Ich: Es scheint eine spürbare Spannung zwischen uns zu liegen. Oder spür ich hier etwas, das nicht existiert?
Schwarzer Bruder: Spannung zwischen uns? In welche Richtung zieht es dich denn?
Ich: Ich geh in meine Richtung mal mit dem größeren Strom, öfter mal dagegen.
Schwarzer Bruder: Geh weiter Richtung Tod mein Freund, meine Feinde warten dort auf dich. Auf deine Rückkehr und ihre Umkehr. Willst du mir sagen woher du kommst?
Ich: Lebe zwischen Osten und Westen, wie der Urwald zwischen den beiden Polen dieser Welt. Und du bist wo aufgewachsen? Sicher nicht ohne Drama, wenn man deinen Augen Glauben schenkt.
Schwarzer Bruder: Da wo ich her komm, siehst du sie immer wieder, helle Seelen - dunkle Herzen. Jeder der mit mir aufwuchs wusste irgendwann, er wird niemals untergeh'n, mal waren sie stolz, mal weil sie es mir verzweifelt gewünscht haben. Es ist mir mittlerweile egal, welches Drama in meinen Lebensfluss tropft, ich genieße den Regen und wässer meine Saat im schwarzen Boden mit ihm.
Sein Freund rechts von ihm, lockergekleidet im schwarzen Jogger, schwarzes T-Shirt und offen getragene weiße Trainingsjacke darüber, gepaart mit schwarzen, zurückgegelten Haaren unter rückwärts getragener Cap - lächelte mich halb schelmisch, halb herzlich an.
>{3} Ich gab dem Ganzen einen akzeptierenden Blick und nahm die Konversation wieder auf.
Ich: Du musst einiges an Leid erfahren haben.
Schwarzer Bruder: Mhh, was ist schon Leid, wenn du die Schmerzen gewöhnt bist. Leid ist etwas, das dich trägt, deswegen ist es so schwer wenn es auf dir lastet.
Ich: Was soll ich dir sagen.. Bruder. Wenn ich Sie über das Leid anderer reden höre, frage ich mich, soll ich sieben Stunden durch paar Täler über spitze Grate auf hohe Spitzen laufen um in der Demut der Schöpfung zu baden oder soll ich mit Kunst, erst unten das Gleichgewicht nehmen um dann oben, mit Grinsen im Gesicht, ein' Ellenbogen auf die Schläfe gleiten zu lassen.
Schwarzer Bruder: Zum Glück kannst du mich nicht schlagen - ich spiele ohne Karten und Figuren. Wir sind wenigstens auf dieser Ebene gebunden. Sie glauben sie könnten gut sein, und so nistet sich erst das Schlechte, dann das Böse ein.
Er schaute für eine kurze Weile an mir vorbei, jemand oder etwas hatte seine Aufmerksamkeit gefangen.
Schwarzer Bruder: Aber jetzt sag mir - wo bist du her?
Ich: Wo bin ich aufgewachsen? Ich geh den Weg zurück und frag mich, wohin die Wellen des Lebens mich getragen haben.. War es das wert? War so lange Feind von Jedem, jetzt hab ich ihn als Foto an der Wand. Ich seh kein Licht, doch will Sterne zählen. So oft ist es wieder 3 Uhr nachts und ich spiele meine Musik und bau in Gedanken kein Schloss aus Sand, nur ein Tschibit mit, nicht am, Hindu Kush, sag mir nicht ich soll besser rennen. Ich tauch durch das Flussbett von Erinnerung bis zu kommenden Visionen. Bruder, willkommen im Niemandsland.
Schwarzer Bruder: Du bist da wo wir hin wollen. Und wer bleiben will muss werden. Zum König geboren im Reich der Menschen.
Ich: In Demut aus dunkler Vergangenheit gewachsen - Mensch geworden.
Schwarzer Bruder: Dunkler Vergangenheit?
Ich: Mein liebster Geist hat auf dem Hof tanzen gelernt, um am Ende des Tals sieben Tage mit den Jungs gegen vierhundert eiserne Maschinen und siebenundzwanzigtausend Seelen zu bestehen.
Wanderer: Schöpf aus deiner Leere und alles wird werden, nicht alles wird gut, aber alles wird sein. Glaub' einfach dran und alles wird real.
Ich: Aus welcher Tiefe sprichst du auf einmal. Du hast aber mehr als Recht. Alles kommt.
Es machte sich eine sanft schwellende Stille in der Runde breit.
Von links ertönte plötzlich eine recht helle, doch kratzende, weibliche Stimme.
Dort waren drei Mädels, ohne Scheu, an uns herangetreten. Ganz rechts hatte wunderschön geschwungenen Eyeliner, was auf blassem Gesicht besonders schön zur Geltung kam.
Ganz links war größer als ich, hatte lange Beine, die alles andere als dünn waren, aber auch nicht dick, es war natürliches Gleichgewicht, und dank der schwarzen Netzstrümpfe gepaart mit schwarzem Body hoben sie sie in volle Pracht.
In der Mitte starrten mich grau-grüne Augen zitternd an, ihre Aufmerksamkeit sprang zwischen den Männern der Runde umher. Sie trug eine Art lockeres schwarzes Korsett mit verwebtem Minirock.
>{4} An der linken Seite war ein weißes Orchideen-Stick-Muster. Ich folgte dem Stiel der Orchidee von unten nach oben, es war eine fließende Begegnung, sie bewegte ihren Körper leicht zitternd mit dem Rhythmus des gerade eben neu angestimmten Beats. Mein Blick glitt weiter nach oben, immer dem Muster entlang, bis zur schön verzierten Brust, darüber kam dann viel von ihrer eigenen Blüte zum Vorschein, darüber die flackernden grau-grünen Kristalle.
Sie (Mitte): Wanderer, hast du noch was für uns. Wir haben nur zwei rausbekommen, wie soll uns das für den Abend reichen?
Wanderer: Ihr liebt das Zeug viel zu sehr. Ich komm gleich zu euch.
Freundin rechts: Alles was ich liebe beginnt mit K.
Freundin links: Wenn du uns hilfst, lieben wir heute dich.
Wanderer: Nicht nötig, liebt euch lieber selbst. Gebt uns zwei Minuten.
Die Mädels drehten sich um und gingen ein paar Meter zur Seite, um sich am Rand auf die gestapelten Paletten zu setzen.
Schwarzer Bruder: Liebt euch lieber selbst? Hast du nicht wirklich gesagt.
Wanderer: Ich kann alleine, aber nicht einsam sterben.
Ich: So wirklich, wie die Vorstellungskraft selbst. Was hilft schon gegen Einsamkeit.. außer alleine sein.
Wanderer: Lieber Gott, bitte verhandle mit dem Teufel mein Gleichgewicht.
Schwarzer Bruder: Was will Gott bei dir noch tun?
Ich: Gott kann nichts gegen den Teufel tun. Hinter überschrittenen Grenzen lassen wir unsere leitenden Prinzipien fallen und tauchen zurück in alte Muster...
Wanderer: ..Muster der Gewalt.
Schwarzer Bruder: Woher wisst ihr, dass eure Worte wahr sind?
Ich: Ich weiß es nicht, ich schenk ihnen Glauben, bis.. der Hall von Erfahrung mir das Wissen schenkt.
Wanderer: Alles andere nasip.
Der Wanderer wickelte noch seine Geschäfte ab - ich ließ mich noch etwas vom Bass tanzend treiben.
Schwarzer Bruder: Wenn man dir zuschaut, dir zuhört, weiß man nicht ob du gleich in Flammen aufgehst oder sich gleich eine große Flut ergießt. Und was wirklich geschieht weiß ich nicht.
Wanderer: Und trotzdem bekommt man dieses Gefühl auf schwarzer Erde zu stehen mit neuen Wurzeln unter einem. Du hast Feuer in den Augen, aber bewegst dich wie Wasser. Trotz unserer Kraft bist du verwurzelt in fruchtbarer Zeit.
Wer will mir das Wasser reichen?
Ich bin das Wasser selbst.
Wer will mich anzünden?
Ich trage Feuer in den Augen.
Wer will die Blüte im Winter?
Ich bin schwarze Erde, auf der grüne Wiese wächst, unter weißer eisiger Haut.
Wer will mich tragen?
Ich bin frei von Leid.
Ich: Dabei will ich doch nur frei sein, wie der Wind der den Regen bringt.
Wanderer: Du bist wie ein Geschenk, das man öffnet nur damit es sich wieder neu verpackt.
Ich: Wir werden loslassen müssen um unser Sein im Strom halten zu können.
Die beiden nickten still mit dem Kopf. Wir schauten einander kurz vertrauenssuchend in die Augen, wurden fündig und verließen die Location durch einen Hinterausgang.
>{3} Stiegen in einen kleinen Fünftürer mit langer Schnauze und fuhren los.
Sind verwoben zwischen Welten
Wie Song Jiang der zeitige Regen
Zwischen Liang-Schan-Moor
Und dem hohen Bild jeder Seele
Einfaches Sein mit Schlangen und Vögeln
Sie haben Herzen ganz geöffnet
In ihrer Flucht
Erst fühlst Du den Schmerz
Dann sollte der Hass kommen
Doch alles was hinausströmt
Ist klar doch nicht sichtbar.
Wir hielten an einer Ecke, sie stiegen beide aus, ich sah im Rückspiegel, wie sie in einem Hauseingang verschwanden.
Ich schaute neben mir die Stockwerke der grauen Fassade hoch. Im dritten hingen Blumenkästen ohne Blumen, im sechsten lehnte sich ein Mann, im weißen Unterhemd und telefonierend, über die Brüstung. Zwei über ihm hingen zarte Hände Wäsche auf, dann zog es meinen Blick weiter hoch an die Kante, wo eine schwarze Kreatur sich in diesem Moment im sanften Schwebflug auf das Dach gleiten ließ.
Sie folgen mir, hören nicht auf mich.
Sie kommen nicht wenn ich sie rufe.
Sie sind da wenn ich sie brauche.
Sie sind die Boten des Todes
und im stillen Flug säen sie das Leben.
Wenn ich gehe,
zerpicken mich Tausende
und säen meinen letzten goldenen Rest
in schwarze Erde.
Eine Tiefe, gegen die du nichts mehr tun kannst.
Die Krähe schwang sich im Schwebflug auf das nächste Dach. Ich ließ meinen Blick folgen..
Und aus dem Nichts, die Fahrertür öffnete sich.
Schwarzer Bruder: Das ist einer angekommen.
Es geht nicht ums Ankommen - einfach da sein.
Meine durchdachte Antwort formte sich langsam, während sich der Wanderer geschmeidig auf die Rückbank gleiten ließ.
Ich: Bin einfach nur hier.
>{3} Ich skippte zum nächsten Song - Grüne Wiesen - und wir rollten zur nächsten Subway-Station.
>{4} Kurze Übergabe, letzte Worte tauschen und Umarmung geben - ich richtete meine Cap und verschwand nach kurzem Blick in den Himmel im Untergrund.
>{3} Zweimal umgestiegen und die Landschaft zog an mir vorbei, während ein sanfter Regen einsetzte.
>{3} Die letzten Stufen nach oben, Türe auf, von außen nach innen einen bauen und einen Wuyi-Felsentee aufsetzen - der mit holziger Vanille-Note.
>{4} Dann auf den Balkon um Inneres in äußere Gedanken zu tragen. Ich blickte beim Schritt über die Schwelle nach draußen auf die schwungvoll geschriebene Karte, welche an einer Pflanze auf der Fensterbank lehnte.
Dort stand:
Ja was wird kommen für uns Junge?
Was wird sein, wenn dies alles zu Ende ist?
Wer wird anfangen können?
Wer wird überhaupt aus diesem bösen Traum aufwachen?
Wer wird uns beim Aufstehen helfen?
So stand ich endlich wieder auf meinem Balkon und ließ meinen Blick über die ergrünte Landschaft streifen.
Ich habe es gesehen, doch ich habe es nicht mehr in Gedanken. Ich habe es jetzt verstanden und das ist gut für ihn und für mich. Ich zieh' den Teufel an. Und ich lasse es zu, denn es wird Neues gebären. Ich habe auf kleinster Ebene versucht die schwersten Krankheiten zu überkommen - bis es mich krank gemacht hat. Weder weiße Hyphe in meinen Händen noch grauer Rauch auf weißen Gipfeln haben mich gerettet - nur gehalten.
Zu mir selbst: Augen Richtung Abgrund - mein ganzes Sein loslassen und einfach sinken. Danke für die zweite Zeit voller Nadeln - voller Schmerz - voller Herz. Für mich? Für die ganze Familie. Auch die, die nie aus dem Krieg zurückkamen. Für die Teile unserer Seelen, die an Sturmtagen verloren gingen. Wir wurden abgesägt, verdrängt, widerstrebten oder folgten und segelten doch in neue Weiten durch eisige Stille. Bauten alles wieder auf und zerfielen im Inneren doch. Und keiner sah bis hier, was wir im Äußeren ließen.
Dann vibrierte mein Handy.
Nachricht von Iain: Die Zeit des Führens ist vorbei. Wir schicken dich zurück zu den Sternen, wo du uns das Ganze zurück in die Leere spiegeln wirst.
Ich schaute auf die Straße unter mir.
Endlich geht es wieder bergauf.
>{3} Ich schrieb Iain:
Ich an Iain: Machen wir so. Der Regen wird weiter auf die Erde fallen.