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Aus dem Riss — Geschichte (1/2)

1. Am See

Wo die Gedanken treiben

Hinausschauend auf einen kleinen See sah ich den schwarzen Enten beim Treiben zu.

>{1} Sie sind so viel kleiner als bei uns.

Der leichte Wind von Osten sorgte für sanfte Wellenmuster auf dem See vor dem grauen Palast, in dem Botanik aus der ganzen Welt zu Hause war.

Vielleicht ein Zeichen, dass die Welt groß ist, aber doch irgendwie kleiner wird.

Ein weiterer Gedanke streifte durch meinen Kopf.

Zurück zu den Sternen
zurück in die Weiten und Tiefen
unseres Seins

Die Scheiben des grauen Palasts waren beschlagen von der hohen Luftfeuchtigkeit im Inneren und der kühlen, einstelligen Temperatur des Äußeren. Das Grün der Pflanzen schimmerte nur in vagen Umrissen hindurch. Um mich herum war alles künstlich, künstlich schön. Die Sonne schien und wärmte mich durch den schwarzen Mantel, der im Stehen bis über meine Knie fiel. Neben mich setzte sich eine Gruppe Jugendlicher, oder vielleicht doch schon junger Erwachsener. Ich sah nicht mal auf. Sie sprachen eine Sprache, die ich kein bisschen verstand und auch nie verstehen werde. Links von mir redete eine alte Dame in lila-gelber Jacke, eine komplette Geschmackverirrung aus meiner Sicht, auf ihr Enkelkind ein. Das Mädchen sprang gekonnt auf den Steinen am Wasser umher.

Eine Frage durchkreuzte mein Sinken in die Gedankenwelt:

Warum haben alte Menschen so viel Angst, dass etwas passiert? Wenn nichts passiert, leben wir dann überhaupt?

Ein kleines Schmunzeln zog über mein Gesicht und ich versank weiter in meiner Welt.

Am Ende interessierte mich weder rechts noch links, ich nahm das athletisch begabte Mädchen und die Jungs neben mir nur am Rand meines peripheren Blickfeldes wahr, schenkte ihnen aber trotzdem die nötige Aufmerksamkeit. Der Großteil meiner Aufmerksamkeit richtete sich auf meinen Handy-Bildschirm.

System: Mail eingetroffen - Wichtigkeit: sehr hoch

Die Nachricht war vor zwei Minuten auf dem Bildschirm erschienen.

>{2} Ich spürte, es war Zeit, tief zu sinken. Ich war mal wieder froh über die speziellen Fähigkeiten meines Handys. Gerade jetzt sollte niemand wissen, wie viel oder mit wem ich kommuniziere.

>{3} Statt aufzustehen und zur nächsten Metro-Station zu rennen, schloss ich meine Augen und genoss die Stille meiner eigenen Welt, die sich in mir öffnete, wenn ich meine Aufmerksamkeit nach innen richtete.

II. Farbe der Seele

Vor Jahren hatte ich eine Begegnung, welche mit einer Frage begann und im leeren Raum endete. Die Frage brachte mich erstaunlich lange zum Nachdenken, bevor ich eine Antwort gab.

>{3} Die Antwort war mir intuitiv sofort klar.

Ich hatte meine Augen nur kurz geschlossen gehabt - *Alles war wie immer in meiner inneren Welt* - und sah nach kurzem Schweifen meines Blickes eine graue Gestalt. Die Umrisse waren verschwommen. Ich konnte sehen, ohne etwas zu erkennen. Ich kannte die Welt vor meinem inneren Auge nicht anders.

Ich habe, zugegeben, auch nicht wirklich nachgedacht, ich wollte nur kurz in meiner Welt versinken und dieser Prozess braucht nun mal etwas Zeit. Erst als Sie erneut fragte:

Sie: Und? Als welche Farbe würdest du dich beschreiben?

und klarstellte:

Sie: Und ich meine nicht deine Lieblingsfarbe.

sagte ich in stoischem Ton:

Ich: Grau. Es war so, es ist so und es wird immer so sein.

Sie zeigte mir Wochen später nach Vertrauensaufbau, durch stundenlangen Austausch von Erfahrungen, bei einem platonischen Treffen in ihrer kleinen Kellerwohnung, ein kleines Buch, in dem sie in teils winziger, aber durchaus schöner Handschrift hunderte, wenn nicht tausende Male denselben, ungefähr zweihundert Worte langen Text geschrieben hatte. Sie schrieb ihn jede Nacht, wirklich jede. Keine Seite hatte auch nur einen Quadratzentimeter Platz. Jede Ecke, jeder gelassene Absatz, jeder leere Raum wurde von ihr genutzt, um ihn mit diesem Text zu füllen. Es war eine schauerlich schöne Ansicht. Sie gab das Buch nicht aus ihrer Hand. Sie blätterte nur einen langen Augenblick vor mir in ihrem, für sie eindeutig persönlich wertvollen, Buch herum. Sie gab mir nie die Chance, auch nicht auf Nachfrage, den Text, den sie jede Nacht niederschrieb, zu lesen.

Vielleicht spürte sie, dass ich noch nicht bereit war.

Eins wusste ich seit jener Nacht, in der ihr Buch in meine Welt fiel -
egal wie grau-sam die Welt, eine gute Seele verliert ihre Farbe nie.

Sie verriet mir ihre Antwort auf die Frage Wochen zuvor, ihre Seelenfarbe war nicht schwarz oder weiß. Auch nicht grau. Mit der Vision ihres Buches vorbeirauschend am inneren Auge tauchte ich wieder auf und schaute zum dritten Mal auf die Nachricht, die immer noch auf meinem Handy-Bildschirm aufblinkte.

Meine Intuition sagte mir: >{4} du brauchst Sie nicht öffnen. Du kennst ihren Inhalt, du kennst die Zeilen.

Ich öffnete sie trotzdem. Ich schaute auf meinen grauen Bildschirm und ließ die Nachricht langsam an mir vorbeiziehen.

An jeder Kreuzung steht Sie
Nicht immer gehst du ihren Weg
Und geht Sie nicht mit dir
Komm ich aus der Dunkelheit
Aus dem Schutz des finsteren Waldes
Ich zieh' Sie von dir
Von dir in die Tiefen
Dunkler als die Nacht
Sie sieht deinen Traum
Versteht nicht was du meinst
Geb' Acht - Ich bin nicht dein Freund
Doch warte im leeren Raum
Treffen um halb acht

Als die letzte Zeile in meine Tiefe gefallen war, fühlte ich eine Leere in mir.

>{5} Sie erschien mir blau-grau mit körnigem Hintergrund in dunkler grau-grüner Farbe. Irgendwie ruhiges Chaos, irgendwie stürmische Ruhe. Wenn diese Leere, die ich fühlte, irgendwie beschrieben werden konnte, dann so.

III. Schöne Erinnerung

Es dauerte nicht lange und die Leere füllte sich wieder. Ich hatte noch keine Lust wieder aufzutauchen und verweilte in meinem Grau. Die Nachricht musste tiefer in mir aufsteigen zu den grauen Landschaften meines Seins. Zum Gipfel sinken und ins Tal hinaufsteigen. Auf einmal dachte ich an meinen Großvater.

Ich erinnere mich an wenig, was mein Großvater mir erzählte, dafür starb er zu früh an den Folgen der Bergarbeit. Großmutter meinte, dass er immer sagte: *„Die Arbeit hat meine Lunge und Seele zur Farbe der Berge gefärbt.“*

Großmutter: Recht mag er haben, warum weiß nur er.

An ein paar Zeilen von ihm, gerichtet an mich, vermag ich mich aber sehr gut zu erinnern. Er muss es mir am zweiten Weihnachtsabend nicht weit vor meinem vierten Geburtstag erzählt haben. Ich träumte oft davon, manchmal auch heute noch. Er saß in seinem schlichten Holzsessel mit minimaler Polsterung, weswegen dort immer mindestens drei karierte, zusammengelegte Wolldecken lagen. Ich saß auf seinem Schoß und er wippte mich mit geschmeidiger Bewegung seines rechten Oberschenkels. Er schaute auf den Weihnachtsbaum, an dem ungefähr zwanzig echte Kerzen, dreiviertel abgebrannt, warmes gold-gelbes Licht in den Raum warfen. Er begann gerade sein zweites Glas Wein des Abends zu schlürfen. Der Rest der Familie hatte sich vor einigen Minuten wegen Problemen mit dem Gasofen in der Küche zum Krisenstab versammelt. Ich war alleine mit ihm im Wohnzimmer. Plötzlich sagte er:

Großvater: Hör mir zu.

Ich schaute ihn an und wir blickten uns einen ewigen Augenblick tief in die Augen, bevor er begann zu sprechen. Ich hatte aufgehört mit meinen zwei Holzbausteinen in meinen Händen zu spielen und war gespannt, was jetzt kommen würde.

Großvater: Die Leute denken Schwarz ist der Tod und der Schrecken - Weiß das Licht und das Gute - Und die Grüne Natur bringt die Farbe.

Er machte eine längere Pause.

Großvater: Ich sage dir aber - Egal wie dunkel und tief die schwarze Finsternis erscheint, in ihrer Tiefe ist sie Grau - Egal wie hell und grell das weiße Licht, in der Höhe ist es Grau - Egal wie farbenfroh die Natur - schöne Gewalt bringt auch ihre Muster wieder ins Grau, hier und da mit buntem Saum. In deinen Augen sehe ich das Schöne im Grausamen. Das Schönste, das ich je gesehen habe. Wenn meine Zeit gekommen ist, ist mein Seelenstrudel dein'.

Wir schauten uns immer noch tief in die Augen, als er fertig war. Ich nahm intuitiv meinen rechten Zeigefinger und hielt ihn empor, Bausteine in der Linken. Er setzte sein Glas auf dem Fenstersims ab und machte mit seinem rechten Zeigefinger, ausgestreckt Richtung Himmel, eine fließende Bewegung nach Unten und ließ dabei langsam seinen Arm an der Stuhllehne vorbei sinken, bis der Finger vollständig Richtung Unten, dem Boden, zeigte.

So muss es passiert sein, denn ich sah es immer und immer wieder in meinen Träumen. Wie oft ich aufwachte, als sein Arm an der Lehne vorbeigesunken war. Er starb wenige Monate später kurz vor meinem Geburtstag.

>{3} Ich verspürte keine Trauer, sein Tod war mir gleichgültig. Ich wusste, er ist immer noch bei mir.

Ich war er, er war ich,
und doch sind wir beide
so viel mehr.

So war es, so ist es,
so wird es immer sein.

IV. Die Melodie ertönt

Ich war tief genug gesunken. Ich öffnete langsam wieder meine Augen. Aus Grau wurde wieder ein blaugrauer See mit gläsernem Botanik-Palast mit beschlagenen Scheiben zur Rechten und mittlerweile verlassenen Steinen zur Linken. Ich blickte auf und schaute in die Ferne, über eine steinerne Brücke hinweg auf einen kleinen Hügel dahinter. Die Bäume ein mattes Rot, hier und da ein paar mattgrüne oder gelbe - es war ja schließlich auch Winter. Ich schaute weiter rauf in den Himmel, ein helles Graublau.

>{1} Irgendwas schien komisch.

Ich drehte mich um. Die Sonne schien noch immer in vollem Glanze, wie sie es tat, als ich in den Park gekommen war, keine einzige Wolke am Himmel. Ich drehte mich wieder Richtung Hügel.

>{2} Irgendwas war sehr wohl komisch.

Ich starrte wieder hinauf in den wolkenlosen Himmel. Minuten lang. Es waren die Farben. Sie waren alle matt und grau.

>{3} Nicht sicher, ob ich zurück in der Realität der äußeren Welt war oder noch in meiner grauen Inneren.

Ich schloss meine Augen erneut. Alles wieder ein stumpfes Grau. Ich schüttelte meinen Kopf und chaotische Muster in Grautönen flossen in meine Welt. Nach einer kurzen Weile öffnete ich meine Augen neu. Und die Farben? ..wieder prachtvoll strahlend, ja die Farben, nicht mehr matt, nicht mehr mit diesen grauen Tiefen und Schlieren.

Das Handy war noch immer in meinen Händen. Als ich auf den schwarzen Bildschirm schaute und den Knopf an der Seite mit meinem Daumen drückte, erschien keine Nachricht auf meinem Sperrbildschirm. Ich gab meinen zehnstelligen Code ein. Aus Zahlen sowie arabischen und kyrillischen Schriftzeichen und am Ende eins von persönlichem Wert aus der Sprache des Nordens.

>{1} Es erinnerte mich an einen Tannenbaum, mit einem kleinen Knick am rechten unteren Rand.

Danach kamen der Fingerabdruck und noch ein Iris-Scan.

>{2} Verwundert, dass keine neue Textnachricht auf einer meiner zwei Prepaid-SIM-Karten oder den vier eSIM-Karten zu finden war, öffnete ich mein Mail-Fach. Es war noch tief in der Nacht im Hauptbüro, es sollten keine Nachrichten eingetroffen sein, mein Auftrag war klar.

Der Ladevorgang, über eine Vielzahl von Satelliten, Privat-Servern und eine geschickte Verknüpfung verschiedener Netzwerke im Ladeprozess - ein wahres Iain Cyber-Labyrinth - brauchte seine Zeit.

Ich schaute nochmal auf das Wasser vor mir, dann den Hügel hinauf, dann in den wolkenlosen Himmel - die Farben strahlend.

>{2} Ich war in der Realität.

Ich schwenkte den Blick zurück auf den Bildschirm und sah genau eine neue Nachricht.

Eingang: Betreff - Planänderung // Es geht auf Jagd - vor 2 Minuten eingetroffen.

V. Tee im Smog

Ich liebte die Jagd. Sie erfüllte mein Sein und im Gegensatz zu den meisten anderen Jagdpraktiken war unser Ziel nicht, unsere Beute zu töten oder zu schwächen. Oft war sie zu finden und auszukundschaften nutzlos. Es war keine klassische Jagd und die angewendeten Methoden waren unsere. Unsere Beute tarnte sich nicht mit natürlicher Camouflage in den Mustern ihrer Umgebung. Sie tarnte sich mit Ungewissheit und Vielfältigkeit im Chaos der modernen Welt. Oft zu finden, aber nie zu greifen.

>{2} Der Staat, der die Ordnung liebt und das Chaos hasst, stempelt unsere Beute meist als unbedeutend ab, hier und da auch als das Böse.

Sicher fragt ihr euch, was wir mit unserer Beute anstellten, wenn wir sie mal an der Angel hatten. Mein Chef, der gleichzeitig mein engster Vertrauter und Jagdkamerad in der virtuellen Cyberwelt war, sagte beim letzten persönlichen Treffen an einem Chai-Stand in der Nähe des Flughafens von Neu-Delhi etwas, das bis heute in mir hallt. Ich hatte Iain nur zweimal in meinem Leben persönlich getroffen und ich habe meine Zweifel, ob es sein richtiger Name ist.

>{4} Woran ich nie zweifelte, war sein gutes Herz.

Das letzte Treffen mit ihm hatte nicht gerade schön begonnen. Die Jagd war erfolglos, wir wurden ausgespielt - *komplett verarscht* - und am Ende wurde ich fast noch „hopsgenommen“. Man könnte auch sagen, man wollte mich loswerden, als ich einen meiner Kontakte in Rishikesh aufsuchte, in einer Seitengasse zwischen einem Hindu-Tempel, Yogaresort und mit Blick auf die atemberaubenden Sandstrände des Ganges. Der heilige Fluss, der hoch oben dem Gangotri-Gletscher im Himalaya entspringt und sich nach unten in den Dschungel schlängelt, und dabei Rishikesh rechts liegen lässt, bevor er sich Richtung Osten aufmacht.

>{1} Zum Glück ist der Fluss so nah an seiner Quelle noch nicht komplett verdreckt.

In besagter Seitengasse war ich gerade im Austausch mit einem Instrumentenbauer, er baute komisch aussehende Gitarren, Sitars. Die Sitar hatte Dutzende Saiten und sah wie eine überkomplexe, klobige Akustik-Gitarre aus. Von meinen vier vorangegangenen Besuchen wusste ich, dass nicht alle Saiten bespielt wurden und die Mehrzahl der Saiten zur Resonanz dienten.

>{2} Faszinierendes Instrument.

Und ich schaute eine besonders abgegriffene, in der Ecke stehende Sitar an, während ich dem Instrumentenbauer zuhörte, wie er seine Beobachtungen der letzten Tage schilderte, und mich plötzlich eine innere Intuition überkam. Mein Bauch krampfte und ich wusste, ich musste fliehen. Ich ging langsam Richtung Fenster und spätestens als ich unten die Tür knarzen hörte, wusste ich, es gab nur einen Ausweg. Meine Intuition rettete mich und natürlich der Sprung in den reißenden Ganges. In dem ich fast ertrank, war es wieder meine Intuition und natürlich das Raft-Schlauchboot, voll mit reichen Indern aus Mumbai, das mich rettete.

>{2} Tourismus ist irgendwo ja auch eine Form des Pilgerns.

Wie ich zurück nach Delhi kam? Durch den Dschungel, dann über und durch die Vorläufer des Himalayas, mehr oder weniger, als Anhalter in überfüllten Jeeps, überladenen LKWs und auf dem Rücksitz eines alten ikonischen Motorrads, dessen Namen der junge Fahrer mir enthusiastisch einzubläuen versuchte. Ich hatte mit Absicht nicht den direkten Weg nach Delhi zurückgenommen, um meine Spuren zu verwischen. Am Ende meiner Motorradfahrt war mir schlecht nach den ganzen Kurven der Gebirgsstraßen und ich war mit großen Umwegen in Mussoorie angekommen. Ich drückte dem Fahrer ein paar Scheine in die Hand, für die Fahrt und um mir einen letzten Gefallen zu schenken: Ein Taxi bestellen, das mich nach Delhi bringt.

Der Fahrer des Taxis war zum Glück die ganzen siebeneinhalb Stunden schweigsam und ließ mich drei Kilometer vor dem Flughafen am Straßenrand aussteigen - wir waren stecken geblieben im absolut verrückten Feierabendverkehr von Delhi. Ich wurde auf dem Weg an den Straßenrand nur siebenmal angehupt und dreimal knapp überfahren, als mich eine Hand wie aus dem Nichts an eine Thela heranzog, einen einfachen Holzkarren mit improvisiertem Dach aus blauer Plastikfolie. Es war ein kleiner Chai-Stand, der auch etwas Gemüse verkaufte. Es gab unzählige dieser Karren in Delhi. Und plötzlich stand ich vor ihm. Er war ganz in Schwarz gekleidet. Schwarze Sneaker, schwarze Hose, schwarzer Hoodie, schwarze Cap tief ins Gesicht gezogen, schwarze Atemmaske, es waren nur seine Augen zu sehen.

Perplex sagte ich, nach einem ewig erscheinenden Augenblick, in welchem ich mich versicherte, dass wirklich gerade Iain vor mir stand:

Ich: Was zum Gott verdammten Fick. Ich bin fast umgekommen. Ich will diesen Jagd-Scheiß hinter mir lassen. Meine Jagd wird immer mehr zur Flucht.

Iain: Du kannst mich und die Jagd nicht hinter dir lassen. Unsere Muster werden in die Ewigkeit hallen. Was glaubst du, wie ich dich gefunden habe?! Weißt du, warum wir diesen Scheiß hier machen?

Ein Moment der Leere wiegte zwischen uns, in dem wir beide in die Tiefe der anderen Seele schauten durch das Tor der Augen, bevor er fortsetzte:

Iain: Wir jagen scheinbar böse Menschen, weil die nötige Aufgabe, Gleichgewicht in die Welt zu bringen, eine undankbare ist.

Ich schaute immer noch in die Leere und er sprach weiter.

Iain: Ich kann es auch schöner ausdrücken, damit es bei dir ankommt. Wir suchen Sterne, weil der Himmel für das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse nicht ausreicht.

Immer noch mit Blick in den leeren Raum hinter seinen Augen, in welchem sich der Fluss einer Person aus der Vergangenheit durch die Gegenwart in die Zukunft spiegelt, senkte ich meinen Kopf leicht ab und schloss dabei kurz meine Augen, um Iain meine Zustimmung zu symbolisieren.

>{4} Es war zu tief, um passende Worte zu finden.

Iain griff in seine Hosentasche und drückte mir ein kleines graues Päckchen in die rechte Hand. Dabei sprach er leise:

Iain: Manchmal ruht der Fluss in der Finsternis, aber er steht niemals still.

Es kam aus meiner Tiefe, ich antwortete behutsam:

Ich: Also ist die Finsternis ein Freund unserer Jagd?! Unsere Schatten haben sich scheinbar aus gutem Grund in der Tiefe getroffen.

Mit unserer Hand leicht nach oben gerichtet schlugen wir ein, zogen uns gegenseitig näher und hielten in der Umarmung, mit gesenkten Köpfen, kurz inne. Dann gingen wir in gegensätzliche Richtung, aber beide durch den Dreck und Smog des schön chaotischen Delhis.

VI. Angeln

Mit meiner Aufmerksamkeit wieder auf die Mail von Iain gerichtet, welche vor drei Minuten eingetroffen war, öffnete ich ihren Inhalt. In der Mail stand ein einziger Satz.

Iain (Mail): Folge der Melodie, du kannst sie hören.

>{2} Noch hörte ich gar nichts, vielleicht war meine Frequenz noch nicht richtig eingestellt.

Iain muss ein Signal oder Muster aufgegriffen haben und ich vertraute ihm. Ich stand auf und schaute auf die Muster des Steins, auf dem ich eine sehr lange Weile gesessen habe, und machte mich dann auf den Weg zurück Richtung Metro-Station. Keine dreißig Meter gegangen, Richtung der Brücke, auf die ich vorher noch starrte, und ein Mädchen kam mir entgegen. Ihr kleiner Bruder war direkt hinter ihr an der Hand seines Vaters. Das Mädchen hatte einen leichten Schritt, ein strahlendes Lächeln und einen kleinen blauen Lautsprecher um den Hals baumelnd.

>{1} Ein Lautsprecher?!

Ich spitzte meine Ohren und hörte. Nach ein paar Sekunden realisierte ich, dass sie dabei war, Englisch zu lernen. Aus ihrem Lautsprecher erklang ein mythologisches Epos, ein Fantasy-Meisterwerk der chinesischen Literatur. Ich schärfte meine Aufmerksamkeit.

Sun Wukong, „equal to heaven“, wurde gerade von Buddha Shakyamuni bezwungen. Oder man sollte eher sagen, Sun Wukong wurde getäuscht. Statt aus der Hand an das Ende des Kosmos zu springen mit seinem Himmelssalto, endet sein Sprung an den Fingerspitzen des Buddhas. Allerdings konnte keine der Gottheiten im Himmel dem steinernen Affen auch nur ein Haar krümmen, geschweige denn dem Affen das Leben aushauchen. Egal ob mit Gewalt von Waffen, der Elemente oder mit Gift. Stattdessen sperrt der Buddha ihn in den Berg der fünf Elemente, wo der Affe mit geschmolzenem Metall gefüttert wird und in der Tiefe des Berges auf seine Erlösung warten muss.

>{3} Ich erinnerte mich, meine Ma hatte mir zum Einschlafen immer aus ihrem Lieblingsbuch gelesen. Daher liebte ich das Buch auch. Außerdem hat es mir viele Lebensweisheiten mit auf den Weg gegeben.

Das Meisterwerk - eine alte Pilgerreise von einem einfachen Mönch mit seinen mythischen Begleitern, vom Osten in den Westen und zurück, auf der Suche nach heiligen Schriften. Eine Geschichte von kosmischer Wichtigkeit.

In Gedanken versunken, sah ich meine Mutter neben mir am Bett sitzen, ihre Kette mit Kreuz in der linken, eine Turitella in der rechten Hand. Sie erzählte mir oft, für was sie standen.

Das Kreuz für die Opfer, die wir bringen
Und den Schmerz
Den wir bis zur Blüte des Schönen auf unseren Schultern tragen
Die siebenfach spiralförmig gewundene Muschel für die Kreise
Die wir drehen und so das Obere nach unten und das Untere nach oben tragen

Bevor Sie mein Zimmer verließ und die Tür bis auf einen kleinen Spalt heranzog, sagte sie für gewöhnlich:

Mutter: Außer am Ende und Anfang der Wirklichkeit geht es immer um Gleichgewicht.

Auf eine kleine Karte hatte sie mir geschrieben:

Ich bin immer da,
wenn du mich brauchst.
Egal ob hart oder weich,
arm oder reich,
für mich bleibst du immer meins.
So bleibst du ganz deins.

Finde eine, die ein großes Herz hat,
mit dir Träume teilt
und dabei ihren Fluss mit deinem eint.

Dann plötzlich wechselte die Szenerie und ich ging mit ihr auf eine große Holztür mit schönen mittelalterlichen Verzierungen zu. Es war die Tür unserer Stadtbibliothek. Ich schenkte den Verzierungen meine Aufmerksamkeit, bis sie verschwammen, und öffnete meine Augen, ließ mein Blick über die Wiese hinter mir schweifen, erblickte das Mädchen mit dem Lautsprecher um den Hals, sprach ein kleines Gebet in meine rechte Hand, oder eher eine kleine Danksagung:

Wir sehen uns wieder im Ganzen
Denn ich danke dir
Du weißt nicht für was, aber ich trage die Erinnerung in mir
Unsere Schatten tanzen
Und du nimmst mich mit
Auf einer Reise ins Gleichgewicht

... und warf ihr die Worte mit einer geschmeidigen Bewegung zu. Ich blickte in den Himmel, dann auf den Boden und wusste:

Die Jagd hat begonnen. Der Damm ist gebrochen, die Welle nicht zu stoppen.

VII. Das gelbe Meer

Mit schnellem Schritt trieb es mich durch die Menschenmenge, die sich durch den Park drückte. Meine Sicht war leicht verschwommen, doch ich fand meinen Weg, ohne nachdenken zu müssen, ohne mich aktiv zu orientieren. Ich stieg in die Linie 7, stellte mich an die Tür, mit Blick aus dem Fenster, und fuhr durch den Untergrund, vierzig Minuten, ganz in den Süden der Stadt. Aus dem Untergrund in den Sonnenschein zurück, der sich an den tausenden Scheiben der Glasfassaden zu einem Strahlen-Mosaik brach, welches am Ende auf graue Straßen klatschte - ein grau-gelbes Großstadtmeer.

Die dunkelgrüne Cap tief ins Gesicht gezogen, lief ich ostwärts für drei Blocks und bog in eine Nebenstraße ein. In der Ferne sah ich es, ein gelbes Schild mit schwarzer Schrift am unteren Rand und einem kalligraphischen Schriftzeichen in der Mitte. Es war ein Restaurant, nicht irgendeins, der beste Kebab der Stadt, zumindest nach Aussage eines Straßenkünstlers, der traurig-bunte, sehr abstrakte Ölgemälde malte und im winzigen Hinterzimmer seines Studios bis zur Decke stapelte. Er brachte seine nie endenden Träume von gestürzten Seiltänzern des modernen Liebesdramas auf Leinwand. Zwar mit bunter Farbe, aber in dunkelgrauen Formen und Gestalten.

Nach meinem Besuch im „gelben Meer" vor wenigen Tagen war auch ich überzeugt davon, dass es keinen besseren Laden in der Stadt geben kann.

>{2} Frisches Lammfleisch am Spieß über spezieller Quittenbaum-Kohle aus dem Norden des Landes, zubereitet in einer halb überdachten Feuerstelle aus hellen, sandgelben Schamottziegeln, ist einfach nicht zu schlagen.

Die Küche mit drei in Schwarz gekleideten Köchen war durch eine große Glasfront auf der rechten Seite komplett einsehbar. Die drei Köche trugen schwarze Bandanas mit einem einzigen hauchdünnen gelben Strich in der Mitte und wuselten im - eindeutig - koordinierten Chaos durch die Hitze des Ziegelofens. Ich stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite und blickte jetzt durch die große Fensterfront links vom Eingang. Ich schaute in einen großen Raum, an die zwanzig Tische aus dunklem Holz, umrundet von couch-artigen Bänken mit ockerfarbenen Stoffbezügen. Das Besondere war, dass Tische, die Sitzgelegenheiten, die Kerzenständer an den Wänden und über den Gästen, wie der Raum und seine Wände keine Ecken aufwiesen. Keine einzige Ecke, und je länger ich hinein starrte, desto mehr begann der Raum sich zu bewegen. Scheinbare Wellen flossen von den Lichtquellen über die Tische und verschwanden im hölzernen Boden. Der Raum wirkte wie ein gelb-braunes Meer bei seichtem Wind.

Fast versunken im gelben Meer, tauchte ich wieder auf und lenkte meine Aufmerksamkeit auf die Muster der gewebten, eng am Kopf anliegenden, bunten kleinen Mützen, getragen von den Kellnern, gekleidet in khakifarbenen, fast knielangen Shirts mit schwarzen Hosen und Schuhen. Laut meinen Recherchen am Handy auf der Fahrt mit der Linie 7 war der Name für die kleinen Mützen - Doppa - eine traditionelle Kopfbedeckung jener Gegenden. Ich erkannte einen der Kellner wieder. Er war wie vor wenigen Tagen im Dienst und lief mit geschmeidigem Schritt und vollem Tablett mit leeren Tellern und Gläsern zur mindestens fünf Meter langen Essenstheke aus mattschwarzem Stein. So wurde die Küche direkt mit dem Hauptraum des Restaurants verbunden und der unterschwellige Geruch von verbrannter Quitten-Kohle komplementierte die Atmosphäre des Restaurants zur nahenden Perfektion.

Langsam zog ich meinen Blick zurück aus dem Inneren des gelben Meeres und richtete meine Aufmerksamkeit auf die Eingangstür. Die Tür hatte sieben gewellte, horizontale Silber-Streifen auf eloxiertem, mattgrauem Aluminium, von ganz unten sich nach oben schlängelnd, auf unterschiedlicher Höhe endend, mit leichten Schnörkeln. Ohne weiteres Nachdenken öffnete ich die schwere Türe und stand im kleinen Eingangsbereich, der vom Hauptraum durch eine Tür aus Milchglas abgetrennt war. Der Vorraum war komplett mit dunklem Holz ausgekleidet, auch der Boden, nur die linke Wand war aus ockerfarbenem Lehm und ich starrte sie an. Mit geschwungener Schrift, ganz in Schwarz, stand dort etwas in einer fernen Sprache. Der Übersetzer meines Telefons spuckte Folgendes aus, auf der Fahrt mit der Linie 7, anhand des Fotos, welches ich beim ersten Besuch gemacht hatte:

Auf gelber See in großer Not
Im Kahn aus süßem Holz
Zieht der Geruch von schwarzer Kohle durch den Tod
Und macht uns, unsere Vorfahren, unsere Kinder stolz

Ich starrte immer noch auf die Wand und ließ die kalligraphischen Schriftzeichen tief sinken.

>{3} Sie hatten eine nicht greifbare Eleganz, als hätte sie der Wind gemalt.

Siebenmal flüsterte ich die Zeilen leise mir selber zu, dann drehte ich mich Richtung Glastür und ging hindurch. Er stand vor mir, nickte kurz und machte eine klare Handgeste, ihm zu folgen. Ich folgte und betrachtete dabei das Muster seiner Doppa.

>{2} Erst dachte ich, das eingewebte gelb-weiße Muster auf dunkelbraunem Hintergrund sollte einen Schmetterling darstellen, jedoch waren die Flügel nicht geschwungen. Sie richteten sich vom Kopf, nach außen abgehend, gerade nach hinten. Die Form beider Flügel wirkte eher wie ein umgekehrtes Herz und nicht wie geschwungene Schmetterlingsflügel.

Ich folgte ihm in die hintere rechte Ecke des Raumes an einen kleinen Tisch mit zwei Stühlen und wenig einfallendem Licht. Er zog den Richtung Fenster gerichteten Stuhl zurück und nahm mir meinen Mantel ab. Ich setzte mich und wollte dem Kellner grade mitteilen, dass ich gern einen weißen Tee mit einer Jujube hätte, wie beim letzten Mal, er war jedoch bereits drei Meter weiter an der Garderobe am Mantelaufhängen. Ich drehte meinen Kopf zurück Richtung Küchentheke und folgte mit Interesse dem Handeln der Kellner und Köche im gelben Meer.

Plötzlich eine Stimme ganz in meiner Nähe:

Sie: Schön, dich wieder auf See zu sehen. Lange genug hat dein Sturm geruht.

Ich drehte mich ganz Richtung Fensterfront und damit der mir am Tisch gegenübersitzenden Person entgegen. Ihr sanftes Gesicht kaum zu sehen, abgewendet von jeder Lichtquelle, ihre Haare wirkten im goldenen Schimmer des Raumes vanillegelb und an ihren gefalteten Händen, die auf dem Tisch lagen, waren außer langen weißen Fingernägeln drei Ringe an der rechten Hand zu sehen und vier an der Linken. Ich konnte nur die drei Ringe an der rechten Hand vollständig sehen. Am Mittelfinger waren zwei dünne Silber-Ringe zu sehen, die durch einen winzigen goldenen Stein in ihrer Mitte zu einem Ring verschmolzen. Der Ring am Zeigefinger muss schon einiges durchgemacht haben, der Bronzering hatte viel schwarze Patina, was den sich um den Finger schlängelnden Drachen noch mythischer wirken ließ. Am Ringfinger war ein einfacher Silber-Ring zu sehen mit einer Gravur mit geschwungenen Schriftzeichen, die ich leider nicht entziffern konnte, egal wie viel Licht auf sie scheinen würde. Ich sammelte mein Selbst und ließ ihren Satz in mir hallen. Dann antwortete ich:

Ich: Ich bin immer auf See, nur ohne Sturm kann ich niemanden finden und niemand findet mich. Ich folge dem Fluss meiner Intuition, der aus seiner Mitte strömt. Was ich mich frage, ist, warum ich dir hier begegne.

Sie zuckte leicht mit ihren Schultern, ihre Mundwinkel zogen sich leicht nach oben, genau wie ihre Augenbrauen.

Sie: Ich glaube an dich, weil du mir deinen Glauben geschenkt hast. Du hast deinen Glauben zwischen uns sterben lassen, damit er in mir Leben sät. So führe ich jetzt mit mir deine Armee der Totgeglaubten. Der Tod ist nur ein Schatten von allem, das gelebt wurde. Du wirst sagen ‚Nur? Nur ein Schatten?!'. Ich sage ja. Sie entspringen dem Licht und haben trotzdem Macht über ihren Schöpfer. Die Schöpfung des Lichts malt mit ihnen. Schatten sind alles, was wir sehen, alles, was wir sind, und doch ist das Licht so viel mehr.

Eine längere Pause entstand und sie nahm zwei Schlucke aus ihrem Weinglas, bevor ich einsetzte.

Ich: Der Fluss des Ganzen entscheidet, wann gestorbener Glaube in den Tiefen neues Leben sät. Es ist ein Segen, dass du sie führen kannst. Du scheinst der undankbaren Aufgabe, der Schaffung von Gleichgewicht, gerecht zu werden. Das, was ich in großen Stürmen am meisten brauche.

Mit den Erfahrungen der Zeit hatte ich gelernt, bei diesen Treffen das Denken einzustellen und von einem anderen Ort in mir zu sprechen. Ein Ort, aus dem wir entspringen und uns zum Schatten macht.

Sie: Wir werden an deiner Seite stehen. Die Totgeglaubten standen schon immer im Sturm des Lebens. Wie Steine auf dem Tisch, vier Blocks von hier, wo das Licht erst spät erlischt.

Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach - 'Steine auf dem Tisch...'. Doch ich spürte - ich war, wo ich sein sollte.

Ich: Schön zu hören, dass man nicht allein auf See ist. Ich folge einer Melodie, hörst du sie auch?

Sie: Welche Melodie? Ich höre nur dich.

Ich nickte und sie setzte fort.

Sie: Und jetzt zum geschäftlichen Teil, damit du im Sturm gut gewappnet bist, auch wenn wir mal nicht bei dir sind. Sie wird in der Innentasche stecken. Klein, leicht, ein loses Eisen, wenn du verstehst, nicht sehr langwierig, aber effektiv, sicher ein halbes Dutzend, mit viel Glück ein Ganzes. Alles verstanden, brauchst du noch etwas?

Erst nickte ich leicht, dann schob ich meine ausgestreckte rechte Hand von links nach rechts und schüttelte dabei leicht mit meinem Kopf, um zu symbolisieren, dass alles verstanden wurde und nichts mehr gebraucht wird. Dann sagte ich:

Ich: Lass uns Essen bestellen und das gelbe Meer genießen.

Sie winkte einen Kellner herbei und antwortete:

Sie: Bevor der Sturm aufzieht.

VIII. Goldener Wind

Diesmal hatte die Begegnung nicht mit einer Frage begonnen und endete auch nicht in der Leere. Eher das Gegenteil - „Schön dich wieder auf See zu sehen." - und noch dazu, mit etwas in meiner inneren, rechten Brusttasche. Ich stand wieder vor der viel zu schönen Aluminiumtür des gelben Meeres und vermisste jetzt schon den Saum ihres Seins, geworfen auf mich, aus ihrer Seele. Ihre Seele ein violett angehauchtes Rosa im seicht tanzenden Schein zwischen Gelb und Rot. Der Saum nur zu spüren, lässt sie ihren dunklen Nebel, ihre Licht-undurchlässige Hülle, fallen.

Ich hatte beim stillen Essen gemerkt, wie wir uns Dinge sagen können, ohne zu reden.

Der Besuch im gelben Meer hallte tief in meinen Gedankenflüssen und auch die vielen, über Quittenkohle gegrillten Kebabs lagen, nach hohem Genuss, am Grunde meines Magens. Ich fragte mich kurz, was sie wohl wahrnimmt an mir - ich schloss kurz meine Augen - und lenkte den Gedankenfluss zu anderen Ufern. Öffnete meine Augen wieder und lief, gegen den Wind, die Straße hinunter.

Ich stand zwei Blocks nördlich vom gelben Meer an einer großen Kreuzung mitten in der Mega-Großstadt. Die Ampel des Fußgängerübergangs war gerade rot geworden und ich nutzte die Zeit, um mir nochmal an die Brust zu fassen und ließ danach meine Hände in die Seitentaschen meiner Jacke gleiten. Ich spürte die passenden Umrisse - meine Versicherung - auf den geschäftlichen Teil des Meeres war Verlass.

>{2} Ich musste die Objekte natürlich noch inspizieren und mich mit ihnen vertraut machen, aber hier war sicher nicht der richtige Ort dafür.

Die Ampel wollte nicht grün werden und mein Gedankenstrom ließ mir keine Ruhe und auch mein Magen war übervoll und meldete sich mit lautem Grummeln. Ich entschied mich für eine kleine Mauer hinter mir und setzte mich, während ich mich leicht in die direkt an die Mauer angrenzende Hecke, aus grün-roten Sträuchern, lehnte.

Ich folgte dem wirren Treiben um mich herum, was im Gegensatz zu den letzten Stunden, wie ein spiegelglatter Bergsee, auf mich wirkte. Die letzten Stunden fühlten sich wie ein Traum an und für mich war es ein Schöner. Ich träumte wenig in den letzten Jahren, schlief ich doch nur mit meiner glitzernden Medizin wirklich ruhig. Als Kind war das anders.

>{4} War nie beim Militär, aber meine Vorfahren scheinen den Krieg in meine Träume getragen zu haben.

Ihr grausamer Tod im Chaos der Welten hat sich mit meinem Lebensfluss verwebt.

Ich habe früh gelernt meine Träume zu deuten
Und ihre Tiefe und Größe war einfach nicht zu übersehen
Sie waren dennoch einfach gestrickt
Und ihre Nachricht habe ich verinnerlicht:
Jede Entscheidung, die nicht meine ist
Kann - nein - wird den Tod bedeuten

Wer leben will muss opfern, seine Familie, seine Freunde, seine Liebe, aber auch seinen Hass, seinen Willen, wie seine Lust, und vor allem seine eigenen Gedanken, um sein Selbst in großer Schönheit in der kleinen Seele aufgehen zu lassen. Aber der Wert der Schönheit, der den Opfern entgegengesetzt ist, muss sich im Ganzen dem Chaos der Seele aufwiegen.

Plötzlich verschwamm meine Sicht im wirren Treiben, der Verkehr auf der Kreuzung fuhr, auf der linken Seite meines Blickfeldes, in ein schwarzes Nichts. Mein Blick schweift nach rechts und ein dichter gelb-brauner Schleier vernebelt mir die Sicht. Vor mir zerfallen die Hochhäuser zu grauem Staub und ein starker Wind trägt ihn in die Höhe. Der Himmel färbt sich langsam grau, die moderne Großstadt um mich herum wandelt sich zu einer dreckigen-grauen Einöde. Egal wohin ich schaue, eine Landschaft, als hätte die Stadt die letzten Jahrzehnte nichts als Zerstörung von nicht greifbarem Ausmaß erfahren.

>{5} Schutt und Asche.

Ich ließ meinen Blick wieder von links nach rechts schweifen und dabei traf mich, wie aus dem Nichts, ein goldener Strahl. In die Weite geschaut - war es nicht nur ein Strahl, es war ein ganzer Schweif, gold-gelb, er spielte mit dem Grau des Staubes und zog sich fließend durch die Trümmer-Landschaft. Es entstanden gold-graue Muster, in die ich mich wahrlich hätte fallen lassen können, allerdings tat ich es nicht, ich hörte Schritte von rechts - viele Schritte, in einheitlichem Rhythmus.

Ich blieb ruhig sitzen und löste meinen Blick vom Schweif und drehte meinen Kopf langsam wieder nach rechts. Um die zwanzig Mann in alt-modischer Militärkleidung erschienen, in nicht allzu weiter ferne, aus dem gelb-braunen Schleier. Die Kleidung war überzogen mit einer grauen Staubschicht, mit Waffen in den Händen marschierten sie eisern dem goldenen Schweif hinterher, in den ich mich grade noch fallen lassen wollte.

Mein Fokus war ganz auf ihnen. Einer der Soldaten ließ sich zurückfallen in der Gruppe und mit vorbeiziehender Zeit, setzte er sich unscheinbar nach hinten ab. Ohne sich weiter umzuschauen, drehte er sich nach links - in meine Richtung - und ging gerade auf mich zu, während die restlichen Soldaten weitermarschierten. Noch konnte ich sein Gesicht nicht erkennen, aber er gab ein heroisches Bild ab, mit dem abklingenden goldenen Schweif in seinem Rücken, während der Wind seinen mit grauem Staub bedeckten Mantel majestätisch anhob.

Als er ein Stück nähergekommen war, stand in seinem Gesicht jedoch etwas anderes geschrieben, nämlich Gleichgültigkeit gepaart mit durchdringender Entschlossenheit. Jede Kontur wurde untermalt von tiefen, breiten, kleinen, großen, mit Staub gefüllten, Falten. Je näher er kam, desto komplexer und mannigfaltiger wurde die Falten-Landschaft geformt durch seine sanft wandelnden Gesichtszüge.

>{4} Doch was wirklich bis in meine Seele strömte war sein tief greller Blick, aus Augen, die sich der Wirklichkeit entgegensetzten.

Der normalerweise weiße Hintergrund, die Lederhaut, ein dunkles schwarz-braun, als hätte man Kohle grob mit dunkler Erde vermischt, die Iris ein mattes Grau mit seichten helleren und dunkleren Schlieren in gold-grauer Farbe, als hätte sich der Schweif der Trümmerlandschaft auf einen Tanz mit dem grauen Staub der Luft eingelassen in den Tiefen seiner Seele. Und die Pupille glitzerte silber-weiß, wie frisch gefallener Schnee im gespiegelten Licht des Vollmondes.

Soldat: Du hier, im ausgetrockneten Flussbett meines Seins.

Sagte er mit kratziger Stimme aber sanftem Unterton.

Ich: Ich weiß nicht, wo genau ich bin, aber es ist irgendwie schön grausam, grausam schön.

Antwortete ich ehrlich.

Soldat: Schön gesagt, du musst wissen, unsere Betten sind es alle. Das Chaos hat sie geformt und nur mein Blut kann die Spuren der vertrockneten Schönheit sehen. Um sie dann doch wieder zu fluten mit einer fließenden Welle des Seins. Wie Wasser sickern Samen in den Grund des Bettes.

Mir war nicht bewusst, was er mir genau vermitteln wollte, trotzdem nickte ich zustimmend und nach kurzer Pause fragte ich was mir auf der Zunge brannte.

Ich: In welche Schlacht ziehst du mit deinen Kameraden oder kommt ihr gerade aus einer? Und wohin wird dieser goldene Schweif euch führen?

Soldat: Wir führten eine Schlacht auf dem Grund des Meeres, wo unsere Opfer der Wirklichkeit liegen.

Ich: Von welchen Opfern sprichst du?

Soldat: Lass mich ausführen. Wir haben unser Sein dort oben geopfert...

Er zeigte auf den Boden, bevor er fortsetzte.

Soldat: ...unser Potenzial in der Unendlichkeit des Ganzen versenkt, damit ein Samen im Licht unserer vergangenen Finsternis zukünftig neu aufblühen kann.

Mein Blick traf seinen und das spiegelnd weiße Licht aus seiner Pupille ließ mich nicht los und zog meinen Gedankenfluss in die Leere, während er weitersprach.

Soldat: Wir sind zusammen in die gefrorene Nacht gegangen, meine Kameraden und ich, im Glauben ihr Licht zu schenken und Bedeutung zu finden. Am Ende sind wir dabei gemeinsam am Chaos unserer Zeit zu Grunde gegangen. Lange war alles dunkel und der Kampf, sowie die Suche, aussichtslos. Wir kennen es jedoch nicht anders, es ist Gewohnheit geworden. Doch vor wenigen Tagen brachen wir durch die Front, es war zuerst eine schwarze Finsternis. Ein Schwarz, das dunkle Kohle weiß wirken ließ. Doch statt von dieser Finsternis verschluckt zu werden, hielten wir inne. Nach einer ewigen Weile öffnete sich ein winziger Spalt in der schwarzen Leere, in der wir standen und ein kleines Ungeziefer kroch hervor, oder genauer nur sein Schatten. Er spannte seine Flügel und zog einen winzigen - goldenen - Schweif aus der Tiefe des Risses hinter sich her. Seit diesem Moment marschieren wir - pausenlos.

Ich: Ich hoffe der Schatten führt euch aus der Finsternis. Ich frage mich, warum du mir das alles erzählst. Nicht falsch verstehen, ich höre gerne zu. Aber du scheinst mich zu kennen, was habe ich mit all dem zu tun?

Er nahm seinen rechten Finger, zeigte auf sein Ohr, führte den Finger in die Mitte seines Gesichts, bis er auf Höhe der Nasenspitze war, und machte von dort einen geschmeidigen Bogen abwärts Richtung seines Herzens. Dort angekommen bohrte er den Finger in seine Brust und führte ihn in einer wirbelnden Bewegung aufwärts bis er über seinem Kopf gerade nach oben zeigte. Dann sprach er.

Soldat: Du bist weder Licht noch Schatten, du spiegelst tief gesätes Gleichgewicht. Du bist meine Zukunft, ich deine Vergangenheit, wir liegen im gleichen Bett. Du hast das Feuer deiner Quelle neu entfacht, mir etwas Hoffnung mit nur einem Tropfen Wasser gemacht, und uns die goldene Flut gebracht.

Ich: Die Wirkung deiner Worte in mir, zeigen wie groß deine Opfer waren. Ich werde dein Gesprochenes ernst nehmen und sie mit meinem Sein verweben. Möge die Flut zwischen Tropfen und Meer schwellen.

Schenk dieser Welt Gleichgewicht
Der Tod schwimmt im gefrorenen Chaos
Auf dem Meer der Leere
In welches du es geschafft hast zu sinken

Soldat: Ich muss zu meinen Kameraden aufschließen. Du willst nicht, dass wir zu spät kommen.

Er drehte sich um und ging im Marschschritt, ohne sich nochmal umzudrehen, dem erblassenden Schweif wieder entgegen. Ich starrte in seine Richtung und sprach leise zu mir selbst.

Ich werde es für dich tun. Du bist mein...

IX. Rote Kreuzung

Im grauen Staub tauchte auf einmal ein rotes Licht auf.

Und einen Moment später starrte ich wieder auf die Ampel am Fußgängerübergang, sie war immer noch rot. Ein Gedanke formte sich, als ich mich nochmal an die Begegnung im gelben Meer erinnerte, besonders der Punkt an dem sie sagte - „Die Totgeglaubten standen schon immer im Sturm des Lebens. Wie Steine auf dem Tisch, vier Blocks von hier, wo das Licht erst spät erlischt."

>{3} Das Licht... vielleicht dreht es sich um das entblößende rote Licht, welches in der Dunkelheit leuchtet, egal in welcher Stadt.

Es waren egal wo auf der Welt, eigenartig menschliche Orte. Vier Blocks vom gelben Meer - nahm ich wörtlich, ich packte mein Handy aus, öffnete die Karte und malte mit meinem Finger einen Kreis um die Position des gelben Meeres, sodass er sich in alle vier Himmelsrichtungen mindestens vier Blocks weit streckte - der Suchradius. Allerdings schien es mir, in diesem Großstadtdschungel, sehr unwahrscheinlich, wenn nicht sogar unmöglich, das Gebäude auf gut Glück zu finden.

>{2} Ich brauchte zumindest eine Richtung.

Ich stand noch immer an der Ampel, wie angewurzelt, als es auf einmal Worte in meinen Ohren hallte. Neben mir stand ein Pärchen westlicher Herkunft, sie wollte über die Ampel, er vermutlich zurück ins Büro. Er sagte ihr etwas das sich in mir verselbstständigte.

„Please do not forget!"

In meiner Vorstellungskraft baute sich ein Raum auf.

Wenige Sekunden später stand ich inmitten eines leeren Gerichtssaales, als ich mich umschaute, war keine Seele zu sehen. Doch nach kurzer Geduld hallte eine Stimme im Saal, sie klang ernst, so als würde ein Richter sein Urteil verkünden:

Richter: Bitte vergiss nicht. Nur wenn in der Region der Dunkelheit kein Ruf nach Rache erklingt, wird in deiner Welt des Lichts der Frieden gedeihen.

Ich nickte, drehte mich um und verließ den Saal durch eine geschwungene Doppeltür und stand wieder an der roten Ampel.

Endlich wurde die Ampel grün und ich konnte im Strom, von hunderten Menschen, die Straße überqueren. Ich ließ mich einfach vom Strom mitziehen, ich war innerlich noch am Verarbeiten der Nachricht aus dem Gerichtssaal.

Es kam mir so vor als hätte ich die Worte schon mal gehört. Nicht nur gehört, sie wurden zu mir gepredigt.

Dann kam die Erinnerung zurück - das Meisterwerk, das meine Mutter mir zum Einschlafen vorlas. Nachdem der Tang Emperor in der Unterwelt die achtzehnfaltige Hölle hinter dem Berg des immerwährenden Schattens hinter sich gelassen hatte und mit dem Richter Cui am sechsfaltigen Rad der Seelenwanderung angekommen war, war es an der Zeit für den Tang Emperor auf den Weg der Vornehmheit, den Weg des Adels, zu schreiten.

Richter Cui äußerte es in seinen Ratschlägen
Für den Tang Emperor
Der davor war wieder in die Welt des Lichtes aufzusteigen
Nur wenn in der Region der Dunkelheit kein Ruf nach Rache erklingt
Wird in deiner Welt des Lichts der Frieden gedeihen

Ich wusste es war an der Zeit eine Messe für Chaos und Schönheit zu feiern, um die elendigen, heimatlosen Seelen zu erlösen.

Wo diese Messe stattfinden könne war mir noch nicht klar, aber ich wusste, spätestens nach meinem Besuch im gelben Meer, dass ich mich auf hoher See befand, und es jetzt an der Zeit war Chaos zu finden.

Ich war auf der anderen Seite der Straße angekommen, öffnete meine Karte am Handy, realisierte ich war in Richtung Norden unterwegs, drehte mich instinktiv nach rechts und lief ohne weitere Gedankenlast die Straße hinunter.

X. Keinen Hunger

Es dämmerte und die letzten zwei Stunden meiner Suche waren erfolgslos. Ein Gebäude, das an den Wolken kratzte sah aus wie das nächste für mich. In jedes zweite kam ich, ohne Zugangsberechtigung, auch gar nicht erst hinein. Ich war gerade wieder an der nächsten Kreuzung und schaute links die Straße hinunter, dutzende Lebensmittelläden und Restaurants luden mich zum Schlendern und potenziellen Schlemmen ein, Hunger hatte ich jedoch weiterhin keinen.

Der erste Laden der mein Interesse weckte, hatte unzählige Variationen an Nüssen und getrockneten Früchten, ich schaute eine lange Weile durch die Scheibe und überlegte, wo die ganzen Nüsse wohl herkamen.

>{2} Antworten fand ich in mir keine und ich ging weiter.

Der zweite Laden, der meine Aufmerksamkeit erregte, war eine kleine Ramen-Stube. Vielleicht zwanzig Quadratmeter, einfache, durchsichtige Plastikvorhänge am Eingang, drei winzige Tische vor der Küchenzeile am Ende der Stube. Das Menü war mit Kreide auf eine schwarze Tafel geschrieben und in der Küche war ein riesiger Kochtopf aus Stahl in dem die wohlriechende Brühe simmerte und riesige Knochen drin schwammen. Von der Straße sah man bereits, wie der Koch hinter der Zeile dabei war den Nudelteig, mit geschmeidigen Handbewegungen und außergewöhnlicher Fingerfertigkeit in Ramen verwandelte.

>{3} Ich hatte meinen Ort zum Abendessen gefunden, aber der Hunger war noch zu klein, so ließ ich den Ramenduft schweren Magens hinter mir.

Ich zog meine Cap wieder tiefer ins Gesicht und ging die Straße weiter hinunter. Entlang eines Fischladens, zwei riesigen Shops die nichts als Obst und Gemüse verkauften, diese hatten alle Arten und Züchtungen, die man sich nur vorstellen konnte und noch mehr, einer Ledermanufaktur, ein Porzellan- und Jadehändler, sowie ein Laden spezialisiert auf Kochmesser.

>{4} Irgendetwas zog mich an diesen Läden vorbei, meine Aufmerksamkeit blieb nicht an ihnen haften, als säße ich auf dem Beifahrersitz eines schnellen Autos, von wo ich die Landschaft sehen, aber nicht genießen kann.

Kurz vor der nächsten großen Kreuzung tat sich rechts von mir eine kleine Gasse auf und mein Blick blieb an einem runden Schild hängen. Ich ging einige Schritte in die Gasse hinein. Das Schild sah aus, als würde eine Schlange ihren Kopf aus ihm strecken und die darunter vorbeigehenden Leute nicht nur listig von oben beobachten, sondern auch mit gespaltener Zunge anzischen.

Je länger ich das Schild anstarrte, desto mehr bewegte sich der Kopf der Schlange in meine Richtung und ihre rot leuchtenden Augen kamen zum Vorschein.

Ich fühlte, wie meine rechte Hand schwerer wurde und mir Gewicht vom Herzen fiel.

Die Schlange zischte in meine Richtung, ich hob meine rechte Hand empor und ein pech-schwarzer Gegenstand befand sich in meiner Hand und meine Sicht verdunkelte sich. Die Gestalt und Form des Stabes waren nicht zu erkennen, kein Licht konnte zu ihm durchdringen. Die Wellen des roten Lichts ausgehend von den Augen der Schlange wurden von der Finsternis des Stabes gebrochen und dann verschluckt.

Kurz bevor das letzte Licht der Umgebung in der Finsternis verschwand, konnte ich meine Hand loseisen und den Gegenstand zurück in die Innentasche meiner Jacke gleiten lassen. Das wenige Licht, das war, kehrte zurück in die Gasse und das Schild entpuppte sich als stilvoll geschwungene Teekanne.

Ich fasste mir unauffällig an die Brust, spürte die gleiche Form wie davor, ein Lächeln huschte über mein Gesicht und eine Welle der Erfüllung schwappte durch meinen Körper.

Meine Seele sprach zu meinem Selbst -

Egal was passiert
Wir steigen zusammen in diese Tiefe
Für eine neue Zeit
Geboren im Chaos dieser Welt

Ich schaute mich kurz um, ob ich Aufmerksamkeit erregt hatte, sah nichts Auffälliges und schritt mit leerer Entschlossenheit auf die Tür zu, über welcher die verführerisch geschmeidige Teekanne hing.

XI. Tonvasen

Ich setzte meinen ersten Fuß in den Raum hinter der Tür und konnte spüren ich war an einem besonderen Ort gelandet. Die vier Wände des Raumes waren quasi nicht zu sehen, an allen vier waren Regale bis zu Decke gefüllt mit Tongefäßen verschiedener Größen und Farben, von weiß, grau, gelb, braun über rot zu einer zentral im Raum stehenden grünlichen Tonvase gefüllt mit sieben hell-weißen Rosen.

>{5} Die schönsten Blumen, die ich je gesehen habe.

Verkäufer: Hundert Jahre alte Pfingstrosen, sei dir sicher hier wird dich kein böser Geist überkommen.

Kam von links in passablem Englisch vom Verkäufer der gerade ein graues Tongefäß, mit Blumen verzierten Deckel, ins Regal hinter sich zurückstellte. Ich drehte mich zu ihm und antwortete mit leicht verdutztem Gesicht:

Ich: Wunderschöne Blüten, was außer böse Geister fernhalten, wird diesen Pflanzen noch zugesprochen?

Verkäufer: Um effektiv böse Geister abzuwehren, müssen die Rosen schon tief verwurzelt sein, mindestens fünfzig Jahre Wachstum nach oben und nach unten, sonst kannst du auch einfach deinem Aberglauben vertrauen. Aber die ich da drüben im unteren Eck des Regals habe, in dem weißen Gefäß mit dem schwarzen Kreis auf der Vorderseite, die sind nicht sehr alt, aber effektiv in der Schmerzlinderung, der Nährung des Blutes und um deine kühle und ruhige Energie, dein Yin, zu regenerieren. Du weißt schon... im Gleichgewicht zur Hitze des Yang. Wird auch viel von Frauen benutzt, um Menstruationsbeschwerden vorzubeugen oder Muskelkrämpfe zu lösen. Bei deiner Spannung würde ich dir aber eher zur Akupunktur raten.

Ich: Hätte ich eine Dame an meiner Seite, würde ich dir ein paar abkaufen. Und ja die Spannung im Körper ist hoch, hat man seine Segel in den Wind gespannt. Du musst eine gute Menschenkenntnis haben, um die Spannung so schnell aus mir lesen zu können.

Verkäufer: Seine Segel in den Wind gespannt. Habe ich hier einen kleinen Poeten vor mir?

Ich: Nein, manchmal spricht meine Seele und nicht mein Selbst.

Verkäufer: Ich freue mich, dass du in meinen Laden gestolpert bist, setz dich auf den Hocker da drüben und ich bereite dir einen Tee zu, der dir im großen Sturm die nötige Ruhe gibt.

Ich setzte mich auf den kleinen Hocker neben dem kleinen Tisch, aus dunklem Holz, verziert mit grünem Jade, mit der grünlichen Vase in der Mitte, von der die sieben Pfingstrosen mit ihrer Schönheit den Raum mit Harmonie fluteten.

>{3} Ich hätte anderes erwartet, hätte ich nicht alle Erwartungen abgelegt, wie man es auf der Jagd tun muss. Vielleicht gilt das gleiche auch für das Leben.

Ich schaute die Wände auf und ab, versuchte eine Ahnung zu erhaschen, was wohl in den ganzen Gefäßen gelagert wurde. Währenddessen holte der Verkäufer eine kleine Trittleiter aus Holz aus der Ecke und trug einen Behälter nach dem anderen aus verschiedenen Regalen zusammen.

Er stellte sie in die vordere linke Ecke des Raumes, dort war ein rundes Loch im hölzernen Boden, Durchmesser etwas mehr als ein Meter, zwanzig vielleicht dreißig Zentimeter tief, und in der Mitte stand auf schwarzer Erde ein kleines Metallgerüst mit vier Beinen, darunter war bereits etwas Holz, sauber in Kegelform zusammengestellt, sodass von unten Luft in die Struktur ziehen konnte.

Ich saß auf meinem kleinen Hocker und saugte die Energie des Raumes in mich auf, ließ dabei meinen Blick immer wieder schweifen und schaute dem Verkäufer dabei zu, wie er eine eiserne Teekanne zum Kreis im Boden trug. Er stellte die Teekanne auf das Gerüst in der Mitte des Kreises, setzte sich auf die Kante und öffnete nacheinander die Behälter und fing an die Kanne mit getrockneten Blättern und Kräutern zu füllen. Was aus dem letzten Behälter hervorgezaubert wurde, verdutzte mich etwas, er hatte sie an einem ihrer Beine aus dem Gefäß gefischt, eine längliche, schwarze, dunkel dreinblickende, getrocknete Heuschrecke. Gefühlvoll warf er sie in die Kanne und richtete seinen Blick auf mich.

Verkäufer: Um von der Sechs zur Sieben zu kommen, auf dem Pfad der Acht, musst du mir noch ein Rosenblatt der hundert Jahre alten Pfingstrosen pflücken.

Ich nickte ihm zu, schaute auf die Harmonie der sieben Rosen in der grünen Tonvase direkt vor mir und griff entschlossen nach dem ersten, weiß strahlenden Blatt, das meine Aufmerksamkeit zu sich gezogen hatte. Ich ließ es aus den Fingerspitzen, in die Kanne gleiten. Jetzt nickte er mir mit zufriedenem Blick zu, griff nach einer Glas-Karaffe und füllte Wasser in die Kanne, entzündete den Holzkegel unter der Kanne und wir schauten beide in die auflodernden Flammen, als würden dort unsere Seelen miteinander verschmelzen.

Das Knistern der Flammen lag in der Luft und webte sich in die Harmonie des Raumes. Darunter schwellte ein nicht zugreifender Geruch, der in sanften Wellen aus der Kanne strömte. Ein nicht zu beschreibendes Gefühl durchdrang mein Sein, eine volle Leere, eine Überlagerung von allen Gefühlszuständen meiner Erfahrung, alle waren da aber kein Gefühl wirklich präsent.

>{4} Mein Gedankenfluss trocknete aus und ich fühlte mich, wie eine nicht greifbare Form in der Gestalt von hellgrauen, sich aufbäumenden Wolken.

Er sah körperlich schwach aus, wie er am Feuer saß, in seinem einfachen dunkelgrünen Shirt, schwarzer Stoffhose und den offenen dunkelbraunen Lederschuhen. Sein schwarz-graues Haar zur Seite gekämmt und eine runde Brille mit schwarzem Rahmen auf der Nase. Die Falten seiner Haut sprachen von Erfahrungen des Lebens. Doch sobald ich ihm in die Augen schaute, drehte sich das Blatt und seine dunklen, tiefbraunen Augen zogen meine Aufmerksamkeit mit ungeheurer Stärke in ihre schwarze Mitte.

>{5} Dort entfaltete sich ein heller Raum voller Leere und so begann unser Gespräch über eine Kanne wundersamen Tees.

Verkäufer: Sei so lieb und hol uns zwei Tassen, stehen dort drüben im Regal, hinter dem hell-gelben Tongefäß.

Ich ging hinüber nahm zwei der winzigen Porzellantassen und ging damit zum Kreis.

Ich: Ein kaum zu beschreibender Geruch liegt in der Luft, was für einen wohlriechenden Tee hast du uns hier zusammengebraut?

Er nahm mir die erste Tasse aus der Hand, stellte sie auf den Boden neben sich, und hievte die schwere Eisenkanne vom Feuer.

Verkäufer: Einen Sieben-Tee für deinen achten Weg. Eine unbefleckte Lotusblume aus dem schwarzen Schlamm der Wirklichkeit. Eine gelbe Chrysantheme die gegen das dunkle Verlangen strahlt. Die Schrecke für klärende Verbindung in die Unterwelt. Etwas Safran für ein schützendes Schild um das Mosaik deines Herzens. Ein Stück Ginseng für einen ruhigen Geist im Sturm deiner Gedanken. Einige Blätter grüner Tee, Longjing, für die Fülle deiner Aufmerksamkeit. Und das Pfingstrosenblatt für die Schönheit in deinem Tun. So wirst du im gegenwärtigen Moment dein eigenes Sein sammeln können, um es zurück in den Fluss der Wirklichkeit strömen zu lassen.

Ich saugte die Informationen auf, wie den aufsteigenden Geruch des Tees aus meiner Tasse, mit jedem Atemzug. Als er fertig gesprochen hatte, hob ich einfach nur meine Tasse leicht an, er tat mir gleich, und wir tranken beide den ersten Schluck.

Ich trank noch drei große Schlucke und dann...

Ein Gefühl steigt von unten in mich auf
Es durchdringt meine Fasern und mein Geist
Es setzt sich nicht und ruht nicht, sondern schwillt
Ich spüre die Verbundenheit in einen gefüllten Abgrund
Der sich in die Weiten streckt

Ich fange an mich wie ein Schiff zu fühlen
Halb unter Wasser, halb auf See
Jede Welle hebt und senkt mein Sein
Die Wellen, die mich tragen kommen aus den Tiefen des Meeres
Und leiten mich geradewegs in den Sturm meines Seins
Der sich am Horizont auftürmt

Ich richtete meine Aufmerksamkeit vollständig nach außen und saß wieder mit Tee in der Hand auf meinem Hocker. Mein Magen krampfte leicht und ich sollte wohl besser aufs Klo.

Ich musste kein Wort sagen, der Ladenbesitzer schaute kurz auf und zeigte auf einen Durchgang in der Ecke vom Raum aus welcher er die Trittleiter geholt hatte.

Ich stellte die Tasse auf den Boden und wankte leicht verkrampft in die Ecke des Raumes, bis ich um die Ecke schauen konnte, wo die Trittleiter gestanden haben muss.

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