Sektion IV — Zeit, Weite, Höhe und Tiefe
Die vier Dimensionen des Flussbetts
Die dynamische Spannung von Kraft und Fluss erhebt sich aus den fundamentalen Formen, die die Wirklichkeit eröffnen: Zeit, Weite, Höhe und Tiefe – diese vier formen das Flussbett der Wirklichkeit, ein Bett das Leere und Ganzes verbindet und die Unendlichkeit durchdringt. Sie sind nicht nur Dimensionen im räumlichen Sinne, sondern lebendige Qualitäten der Veränderung selbst.
Die Nadel der Veränderung strickt die Zeit und sticht in die Weite, Höhe und Tiefe.
Ein Flussbett schwimmend auf einem Meer der Leere,
Aus dem Formen gefüllt mit erstarrtem Potenzial schwellen.
Die Möglichkeiten gespiegelt im Ganzen verwirklichen das Potenzial
In der Schönheit fließender Veränderung.
Ein pulsierender Strom aus verwebten Mustern
Die im Gleichgewicht zwischen Ordnung und Unordnung im Bett liegen
Schwellen, brechen, aber irgendwie immer weiter fließen.
So spannt sich die Wirklichkeit vom greifbaren Ufer
Der Formen, Muster und Gestalten
Bis zum unbegreifbaren Ganzen und Leeren,
Nur lebendig geworden durch den Tanz vergänglicher Wechselwirkungen,
Gewogen im Gleichgewicht der Aufmerksamkeit, gespiegelt in der Erfahrung,
Geschickt vom kräftig fließenden Willen des Schönen.
Die fließende Musterlandschaft entspringt der Veränderung,
Der Wechselwirkung von umschlossenen Formen der Leere.
Aus geordneter, vorhersehbarer Wechselwirkung
Entstehen die Eigenschaften des Geordneten,
Hohen Ganzen mit Wert für den tiefen Fluss des Schönen;
aus der Quelle, die die Unendlichkeit teilt, schwillt die Veränderung,
Die neue Formen voller umschlossenem Potenzial, aus der Leere, zur Entfaltung,
In der vergänglichen Wirklichkeit Richtung überspannenden Ganzen schickt.
Ein ewiger Zustand des Dazwischen-Seins, nur zu überstehen,
Zu bewältigen, zu übersteigen im ewigen Gleichgewicht des spindelnden Flusses.
Die Zeit reißt dich mit
In der Weite verloren gehen
Aus der Höhe stürzen
In die Leere fallen
Im Chaos enden
Mit der Zeit geh'n
In der Weite suchen
Zur Höhe schweben
In Schönheit fließen
Und trotzdem wieder in die Tiefe sinken
Im Spindelnden Fluss, wo Leere und Ganzes tanzen
Und die Wirklichkeit sich webt.
Zeit: Fließende Veränderung
Die erste fundamentale Form der Veränderung ist die Veränderung selbst in ihrer Fortläufigkeit, der Kontinuität, mit welcher sie Alles durchzieht: die Zeit – fließende, kontinuierliche Veränderung selbst.
Wenn sich nichts verändert, steht alles still, nichts kann passieren, es ist nicht erfahrbar und aus unserer Ebene des Seins nicht greifbar. Die absolute Stille, die Unendlichkeit des Ganzen und Vollkommenen wie die der Leere und des Nichts existieren nur ohne Veränderung. Ein unzerstörbarer Kristall auf der einen und ein nie endender Abgrund auf der anderen Seite.
Das Ganze und die Leere sind beide ohne Möglichkeit auf Veränderung und damit außerhalb der Zeit. Zeit entspringt, oder besser ist, fließende, kontinuierliche Veränderung. Unendliches Potenzial auf Veränderung schlummert in der Leere, im Nichts, kann dort allerdings nicht verwirklicht werden, ohne sie zu füllen. Das Ganze darüber ist in voller Unendlichkeit erstarrt, es ist jedes Potenzial, jede Möglichkeit, verwirklicht in Einem.
Wenn man nun Leere und Ganzes zur Wechselwirkung bringen will, kann dies nie auf direktem Wege passieren, denn sie wären direkt weder völlig leer noch völlig ganz. Es braucht einen Vermittler – eine *fließende Grenze*, die Leere und Ganzes in Gleichgewicht hält, mit verbindenden Formen und Qualitäten sowohl in die Leere als auch zum Ganzen.
Die Messung der Veränderung
Wir versuchen Zeit zu greifen, indem wir relative Veränderung messen im Verhältnis zu einer kontinuierlich wiederkehrenden Veränderung. Am Anfang hat die kontinuierliche Veränderung von Sonnenauf- und Untergang den Tag gebracht, heutzutage die Schwingung eines Atoms die Sekunde.
In der Wissenschaft ist die Sekunde als die Dauer von 9.192.631.770 Schwingungen eines Cäsium-Atoms definiert – also anhand eines 9.192.631.770 mal wiederkehrenden Musters der Veränderung auf atomarer Ebene.
Atomuhr-Definition der SI-Sekunde
Zeit ist eine Erfahrung, eine Erfahrung aus dem Inneren der Veränderung selbst und der daraus entstehenden Verwirklichung – von Chaos und Materie zu Schönheit im Bewusstsein.
Zeit ist nicht immer gleich, sie ist kontextgebunden und nur im relativen Sinne messbar. Jeder weiß das, weiß wie schnell Zeit vergehen kann in der Hektik, im Neuen, im Spaßigen und Schönen und wie sie steht, wenn sich nichts verändert, man wartet und sich Ereignisse spiegeln und schlaufenartig wiederholen.
Es wird deutlich, dass die Erfahrung der Zeit von der Aufmerksamkeit abhängt, wahrgenommene Veränderung erfährt man relativ zur tatsächlichen Veränderung. Zeit scheint direkt mit dem lokalen Grad der Veränderung relativ zum Kontext verwebt zu sein und ist die Form, die Veränderung in Wechselwirkung webt.
Zeit in den Ebenen des Lebens
Nehmen wir eine einzelne menschliche Zelle: In ihr schwimmen Millionen von Proteinen. Die Enzyme unter ihnen katalysieren zehntausende Reaktionen jede Sekunde, was nichts anderes ist als stoffliche Veränderung – enzym-katalysierte Reaktionen, die Moleküle umwandeln.
Ein menschlicher Körper besteht aus ungefähr dreißig Billionen Zellen, die alle, auf die ein oder andere Weise, miteinander verbunden sind und kollaborieren. In jeder Zelle geschehen 10.000 bis 100.000 Stoffumwandlungen pro Sekunde. Dies bedeutet, dass in einem Menschen pro Sekunde dreihundert Billionen bis drei Trillionen stoffliche Veränderungen stattfinden.
Zelluläre Stoffwechselrate
2.6 \times 10^{23} > 10^{21}
Wenn man nun davon ausgeht, dass jede Veränderung eine Erfahrung widerspiegelt, macht jede Zelle, egal ob sie nur wenige Tage, Jahre oder Jahrzehnte in unserem Körper verweilt, eine unvorstellbare Menge an Erfahrungen. Ein Moment des Nichts-Tuns, wenige Sekunden oder Minuten, bedeutet doch Trilliarden an Erfahrungen für unsere Zellen.
So kann man sich bewusst werden, dass auf zellulärer Ebene, auf kleineren Ebenen mit einem höheren Grad der Wechselwirkung, die Veränderung wesentlich schneller fließt als auf der größeren, makroskopischen, menschlichen Ebene, die aus ihnen hervorgeht. Somit vergeht die Zeit auf der zellulären Ebene, relativ gesehen, schneller als auf der menschlichen Ebene.
In gewissem Sinne kreiert die zellulare Veränderung menschlich bewusst erfahrbare Zeit,
Und darunter kreiert molekulare Veränderung zellulär bewusst erfahrbare Zeit,
Und darunter kreiert atomare Veränderung molekular bewusst erfahrbare Zeit,
Und immer so weiter bis zur Quelle.
So wird auch offensichtlich, warum die Zeit bei einer Reise in das Weltall, das Vakuum, das Nichts, die Leere, langsamer vergehen sollte als in der eng verwebten natürlichen Wirklichkeit der Erde. Es ist die Geschwindigkeit des Flusses, die die Zeit definiert anhand der Veränderung, die im unterschiedlichen Kontext, abhängig von der Verwebung der spiralförmigen Ebenen, unterschiedlich schnell fließen kann.
Dieser fließende Übergang, der das Wechselwirken zwischen Leere und Ganzen ermöglicht,
lässt den entstehenden Fluss der Veränderung, die Zeit,
und damit auch den entstehenden Raum – verkörpert durch die Qualitäten Weite, Höhe und Tiefe –
durch das Nadelöhr des Chaos ins Ganze,
und durch das Nadelöhr der Schönheit zurück in die Leere fließen,
wie ein Fluss durch enge Pässe, der Potenzial filtert und formt.
So zieht das Chaos eingefrorenes Potenzial aus der unendlichen Leere zur Grenze am Ganzen
schmelzende Schönheit verwirklicht umschlossenes Potenzial
Im endlichen Fluss –
bis es verblüht im Licht des spiegelnden Kristalls
und so zurück in den dunklen Abgrund wurzelt.
Zeit kommt aus der Leere und fließt auch dorthin zurück.
Sie trägt erstarrtes Potenzial mit sich in Form von möglicher Veränderung,
das im Wechselwirken von Formen und Mustern verwirklicht werden kann.
^^Zeit ist die fließende Veränderung selbst.^^
Weite: Der Wind der Anpassungsfähigkeit
Aus der Zeit entspringt die Weite, der Raum der möglichen Pfade, der Wind der Anpassungsfähigkeit. Wir schauen in die Weite, bis zum Horizont oder sogar darüber hinaus in unserer Vorstellungskraft – weit-weit darüber hinaus. Wir malen Wege in die Weite, wir sehen Möglichkeiten in ihr, wir handeln nach ihr und finden so unseren Fluss.
Weite ist wie der erste Blick, der erste Schritt auf einen leeren, unberührten Spielplatz, bei dem jede Möglichkeit, jeder Weg, jedes Spiel noch offen steht und eine sich potenziell gleich entfaltende Möglichkeit ist.
In der Vorstellung gespiegelt sehen wir die Weite der kommenden Veränderung.
Bei den Interaktionen von lebenden Zellen sehe ich die Weite in der schieren Komplexität ihrer dynamisch vernetzten Netzwerke, ihren sogenannten Systemen:
Immunsystem – *der dynamische Verteidigungsapparat* Signaltransduktion – *der Wahrnehmungssinn einer Zelle, der die innerliche Veränderung der äußeren anpasst* Stoffwechsel – *der Wille, der Motor für Veränderung der Zelle, der eine Vielzahl an Treibstoffen nutzen kann* Genexpression – *ein Muster das die Formen der ganzen Gestalt der Zelle neu teilt* Zellzyklusregulation – *der Mechanismus der Reproduktion, das Wunder von neuem Leben*
Jede Zelle ist breit gefächert in Komplexität und den daraus hervorgebrachten Fähigkeiten, eben eine Zelle, wie jede andere und doch verwebt im Ganzen, wie keine andere. Sie kümmern sich um sich, wie um den fortlaufenden Fluss des ganzen Organismus. Allerdings muss nicht jedes Signal von der darüber liegenden Ebene des Organismus befolgt werden. Jede Zelle nimmt ihren Kontext und dessen Weite wahr und reagiert und signalisiert gleichzeitig neue Möglichkeiten, neue Wege in das Kommende.
Weite ist die Ausdehnung, schwellende Flusswellen die Anpassungsfähigkeit weben.
Ein frei schwimmendes Molekül oder Protein in einer Zelle
Ist nichts anderes als ein Muster im Zustand der Konformationsabtastung.
Selbst Planeten müssen sich kosmischen Gezeiten beugen.
Weite ist breit, flexibel, lädt zu Resilienz ein,
Hält die Landschaft geschmeidig und lebendig durch zweckgerichtete Unordnung
Zum Wohl kommender, doch verblühend sinnloser Ordnung.
Weite spiegelt auf der einen Seite Vergangenes
Auf der anderen schickt sie dich in kommende Höhen
^^Zeit ist die fließende Veränderung selbst.^^
^^Weite sind die möglichen Wege der Veränderung^^ – ein Wind, der den Fluss vorantreibt und in das Bett der Wirklichkeit leitet.
Höhe: Die erlebte Erfahrung der ewigen Endlichkeit
Von der Weite erhebt sich die Höhe, die Front der Welle der strömenden Veränderung. Wir streben nach der Höhe, wir sehen viel von dort, doch können da oben kaum atmen, geschweige denn gut leben.
Die Höhe ist die vorderste Front der Welle der strömenden Veränderung, Potenzial das realisiert wird, auf dem Grund vorangegangener Veränderung. Doch die Verwirklichung findet in der Endlichkeit statt, sie fließt stetig in das Vergängliche. Dort gewinnt die Wirklichkeit an Tiefe und wurzelt hinunter, wo alte Blüten eine neue Zeit aus der Leere heben.
Die fünfzigste Etage eines Hochhauses baut auf die neunundvierzigste Etage. Diese auf der achtundvierzigsten, hinunter zum Kellergewölbe unter der Flut – gefüllt mit leerem Raum, runter bis zum bodenlosen Fundament. Ein Vogel fliegt durch die Höhen der Luft, weil ihm in vorangegangener Zeit Flügel geschenkt wurden. Und natürlich, weil er seine Flügel geschmeidig durch die Luft schwingt, in welcher Stickstoff und Sauerstoff Atome das nötige Gewicht liefern, um die Eigenschaft des Auftriebs aus der Wechselwirkung von Flügeln und Luft hervorzubringen.
Veränderung hängt von Veränderung ab, das Kommende von dem was war, und die Höhe der Erfahrung, das erlebte Wirkliche, liegt dazwischen.
Eine endliche Unendlichkeit im ewigen Fluss.
Auf der zellulären Ebene passieren Billarden, Trillarden von Veränderungen in Sekunden, zwischen ihnen liegt die Veränderung auf der menschlichen Ebene, in dieser Komplexität liegt das menschliche Sein, die Höhe der nächsten Veränderung.
Die Höhe der Wirklichkeit fließt über Berge in Täler von Erfahrungen
Und gefriert in Erinnerungen.
In der Höhe gewinnen Vorstellungen und Möglichkeiten
Aus der gesamten Weite ihre bewusste Anpassungsfähigkeit
Mit der sie über die fließende Grenze strömen
Um in einer verwirklichten Blüte des Seins zu schweben.
^^Zeit ist die fließende Veränderung selbst.^^
^^Weite sind die möglichen Wege der Veränderung.^^
^^Höhe ist die Verwirklichung selbst^^, die erfahrbare Endlichkeit in Form von Veränderung.
Tiefe: Stabilisierende Erneuerung
Die Höhe führt zur Tiefe, wo Erneuerung wurzelt – die Reflektion, die alten Fluss zu neuen Quellen der Zeit führt. Veränderung, und damit Zeit, entsteht aus der Leere unter etwas Ganzen.
Sie fließt auf die Weite an Möglichkeiten zu, verwirklicht sich in der Erfahrung und kehrt nach ihrer Blüte in der Höhe in die Leere zurück. Veränderung fließt in einem sich hebenden und senkenden Kreis und wurzelt durch die Tiefe, die Länge ihrer nie endenden auf sich aufbauenden Wechselwirkungen im Ganzen, in die Leere, in ihre Quelle und Ursprung zurück. So entsteht Kontinuität, Veränderung ohne Fragmentierung, nicht viele einzelne Bilder sondern eine Erfahrung, ohne klare Grenzen oder lückenhafte Sprünge.
So erhebt sich die Spindel der Wirklichkeit, das Sein, aus fließender Veränderung, verankert und verwurzelt sich tief, webt einen Berg in die Höhe der kristallinen Komplexität, da sie wie ein Stoff eine Landschaft formt in der sich Muster heben und senken im Gleichgewicht von Ordnung und Unordnung, sich oft spiegeln aber nie wiederholen.
Tiefe besteht gewissermaßen aus verblühten Mustern die neues Potenzial aus der Leere heben. Wie ein Denkmuster, eine Gewohnheit die gebrochen wurde und die eingeleitete Veränderung durch den Bruch des Musters, baut die neuen neuronalen Strukturen im Fluss des Kontext auf altem Kern neu auf – oder wie neuronale Pfade, die aus gebrochenen Gewohnheiten neu entstehen und alte Erfahrungen in frische Potenziale wandeln.
Tiefe spiegelt einen sich selbst erneuernden Prozess wieder,
Es ist eine Reflektion der Blüte
Um den endlichen Fluss der Veränderung in die Ewigkeit zu leiten,
Und so in ihm die Unendlichkeit der Leere und des Ganzen zu spiegeln.
Diese Spiegelung ist in die Spindel der Wirklichkeit, in das Sein, gewebt
Durch das Nadelöhr des Chaos und das Nadelöhr der Schönheit,
Zwischen bodenloser Leere und dem all-überspannenden Ganzen.
Tiefe ist eine Rückkehr zur Quelle, wurzeln der Wirklichkeit die zu den Samen der Schöpfung reichen – gespiegelt im heißen Kern eines Sterns, der alte Schöpfung zu sich zieht und neue Elemente in den Kosmos wirft. Nach dem Prinzip: *Altes wird gespiegelt, Neues wird geschickt.*
Aber da wahrlich schöne Muster einen ganzen Samen in ihrem leeren Kern tragen,
Ist die Quelle der Spindel der Ort
Wo ganze Unendlichkeit und leere Unendlichkeit enden und beginnen.
Wie tiefe Wurzeln eines Baumes mäßigt Tiefe den Schwung der Veränderung, lenkt sie, schafft einen Fels, auf dem Komplexität entsteht und an dem sie bricht.
^^Zeit ist die fließende Veränderung selbst.^^
^^Weite sind die möglichen Wege der Veränderung.^^
^^Höhe ist die Verwirklichung selbst^^, die erfahrbare Endlichkeit in Form von Veränderung.
^^Tiefe spiegelt die Reflektion der Erfahrung^^ in einen neuen Fluss der Zeit.
Diese vier fundamentalen Formen – Zeit, Weite, Höhe und Tiefe – bilden das Gerüst, in dem sich die Wirklichkeit entfaltet. Doch sie allein genügen nicht, um die volle Komplexität des Seins zu fassen. Die Frage drängt sich auf: Wo sind die Grenzen dieses Flusses? Zwischen welchen Ufern strömt die Veränderung? Diese Frage führt uns zur nächsten Betrachtung – zu jener Spannung zwischen dem absolut Leeren und dem absolut Ganzen, zwischen denen sich alles Erfahrbare webt.