Aus dem Riss — Geschichte (3/4) · Kapitel 13–17
XIII. Segelschiff
Nichts war passiert, das Rätsel nicht gelöst, keine Tür geöffnet. Ich gab etwas Druck mit dem Finger auf die Mulde und spürte eine leichte Vibration. Ich schweifte mit dem Blick über die Maserung, doch nichts hatte sich geändert. Ich suchte die gesamte Holzplatte nach möglichen Veränderungen und kleinen Spalten ab, um versteckte Mechanismen zu finden, doch hatte keinen Erfolg oder nicht die nötige Geduld.
Ich lehnte mich geistlich erschöpft mit meiner Schulter gegen das Holz in der Wand, nichts passierte. Ich starrte auf die graue Betonwand neben mir. Graue Betonwand - Ich drehte mich um - noch eine graue Betonwand - dazwischen die wunderschöne Wand mit hölzerner Maserung.
Ich muss endlich wahnsinnig geworden sein und es geschafft haben mich in meiner inneren Welt einzuschließen - es war schön grausam, grausam schön. Wie meine Träume eben waren.
Ich schloss meine Augen und sprach ein kleines Gebet:
Ich saß in Stille
Stand im Sturm
Trank die Leere
Spuckte Alles voll
Lag in Schmerzen
Und rannte nie davon
Ich öffnete meine Augen und stand, entgegen meiner Hoffnung nicht wieder in der Ecke des Teeladens, doch immer noch eingeengt auf zwei Quadratmetern vor wunderschöner Wand. Verwundert drehte ich mich um, ich hatte ein klares Klimpern hinter mir gehört - Glas auf Glas. Ich war nicht allein auf diesen tiefen Ebenen und es muss einen Ausweg aus dieser Enge geben.
Und dieser Weg hatte sich direkt vor mir eröffnet, an der vierten, von der Holzplatte gegenüberliegenden Seite des winzigen Raumes war eine siebenstufig aufsteigende Treppe aus Beton, sie schien mich hinauf zu gedämpft gelbem Licht zu führen - vielleicht ein Gang, vielleicht ein Weg in neue Weiten.
Ich trat vor die erste Stufe der Treppe und fühlte eine leichte Unebenheit unter meinem linken Fuß. Ich machte einen kleinen Schritt zurück und auf dem Boden, in Beton gemeißelt, war ein Schiff zu sehen mit einer kleinen Inschrift. Das Schiff war in eine geschmeidige Welle eingebunden, die links ihre Tiefen erkundete und rechts ihre Höhe, das Schiff war ein einfacher Halbkreis, nach oben geöffnet, mit geradem Mast in der Mitte, an dem ein dreieckiges Segel im Wind stand. Das Schiff war mittig in der Welle und schien von links nach rechts zu segeln.
Das Schiff segelte durch meine Gedanken und ich war bereit - für was auch immer mich oben erwarten würde.
Auf jeder Stufe war eine weitere kleine Inschrift und sie schienen mir etwas mitteilen zu wollen. Von unten, der ersten Stufe, nach oben, der siebten Stufe, las ich folgendes:
ganz unten
ganz leer
ganz da
ganz hier
ganz oben
ganz voll
ganz still
Ganz still war offensichtlich nicht wahr, ich hatte auf der dritten Stufe erneut ein Klimpern von Glas gehört und blickte, nun wo ich ganz oben war, in einen langen, schmalen Gang mit vier einfachen Holztüren auf beiden Seiten.
Sieben Stufen zu den acht Entscheidungen - oder wie?
Intuitiv ordnete ich jeder Tür eine Inschrift von den Treppen zu. Die vier Türen auf der rechten Seite waren von vorne nach hinten: ganz unten, ganz da, ganz oben und ganz still. Die Türen auf der linken Seite waren von vorne nach hinten: ganz leer, ganz hier, ganz voll und der hintersten Türe schenkte ich erstmal keine Beachtung.
Es war kein Nachdenken, die Entscheidungen fielen aus dem tobenden Strom unter meinem Bewusstsein direkt in mein Handeln. Ich machte fünf Schritte und stand vor der zweiten Tür auf der linken Seite, drückte die Klinke hinunter und ging „ganz hier" ein.
Ich stand in einem großen Abstellraum voller Regale und großer Tiefkühltruhen, die Regale gefüllt mit hunderten Kartons und Kanistern. Direkt links neben der Tür war ein großes Regal mit tausenden kleinen Bechergläsern, die nicht mehr als hundert Milliliter fassen konnten.
Ich wollte gerade tiefer in den Raum vordringen und die Tiefkühltruhen genauer betrachten, doch ich hörte wieder Geräusche vom Gang, dann Schritte, eine Tür ging auf, ein paar laute Schritte über den Gang, wieder eine Tür und dann war Stille.
Ich hielt dabei meinen Atem an.
Freund oder Feind?!
Anhand der Schritte vom Gang war ich mir sicher, es war eine Frau, die Absätze hatten es preisgegeben.
Ich griff in meine Jacke, die ich selbst im Teeladen nie ausgezogen hatte. Zu meiner Verwunderung war es kein schwarzer Stab, sondern eine Handschusswaffe, die ich aus der Innentasche hervorzauberte. Eigentlich nicht verwunderlich, die Form hatte es schon nach dem gelben Meer. Aber die Frau im gelben Meer, ihre Worte, ihr Tun, hatte Magisches an sich, mit ihren Gegenständen war es sicher nicht groß anders.
Ich drückte alle Gedanken von mir weg, ich hatte keine Zeit für die stetigen Naturereignisse, die genau so viel aussagen wie sie einen blenden.
Ich machte die Türe hinter mir zu, ging leicht nach links und schob ein paar Bechergläser zur Seite und legte die Waffe ins Regal. Dann holte ich eine kleine Plastiktüte aus der äußeren rechten Jackentasche. Ich nahm alle Kugeln bis auf eine aus dem Magazin und packte die Kugeln in die Tüte und diese zurück in meine Jackentasche.
Dann betrachtete ich die Handfeuerwaffe genauer, sie schien eine Spezialanfertigung zu sein, nach dem Essen im gelben Meer hatte sie kurz etwas von speziellen Materialien geredet - Polymeren, Keramiken, Fasergeweben, Namen, die mir entfielen, kaum dass sie ausgesprochen waren, allerdings ging es dort um die kommende Mission zum Mars, an denen sie seit Jahren indirekt beteiligt war, und nicht um Waffen - oder wer weiß es schon.
Ich hörte ihr lange zu und hatte nur eine Frage gestellt, als sie andeutete, dass das Böse es bereits auf den roten Planeten geschafft hatte.
Ich: Wie kriegen wir das Böse unter Kontrolle?! Ist es überhaupt gut, das Böse kontrollieren zu wollen?
Frau im gelben Meer: Willst du das Böse zähmen, brauchst du eine gute Angel mit heißer, nein brennender Schnur. Und du triffst besser ins Auge - Nein, genau in die Iris.
Jetzt stand ich in einem Abstellraum voller Chemikalien, Bechergläsern und Erlenmeyerkolben, und wer weiß was in den ganzen Truhen gelagert wurde. Ich hatte das Magazin mit einer einzigen Kugel in die einzigartige Glock geschoben und war dabei die Tür zum Gang zu öffnen, bereit meine Angel auszuwerfen.
Der Gang war leer und alle sieben Türen waren geschlossen, ich zog die achte leise hinter mir zu und schlich mich durch die Stille.
Ich stand einige Zeit vor der Tür, hinten rechts, und lauschte aufmerksam. Nichts war zu hören.
Und dann öffnete sie die Tür und ich stand vor ihr, Waffe locker in der Linken, meine Rechte über meinem Herzen, sie mit weißem Laborkittel, schwarze Leggings, halb hohe schwarze Stiefel mit kleinem Absatz, schwarzes Haar nach hinten zum Zopf gebunden, runde schwarze Brille, ein Becherglas mit etwas durchsichtiger Flüssigkeit in der Linken, eine Pipette in der Rechten und ein Blick durch dunkelbraune Augen der schwache Leute in ihre Hölle schickt.
Ich: Kann ich reinkommen?
XIV. Dunkle Augen
Sie: Bleib ganz stillstehen
Ich tat, was sie sagte, während sie drei Schritte an mir vorbei machte und den Gang hinunterschaute, Richtung der Treppen, von denen ich gekommen war.
Sie: Hat er dich geschickt?
Ich: Mich hat niemand geschickt, ich folge einer Melodie. Aber ja, ich habe mit ihm geredet, einen kleinen Tee getrunken. Ich wollte nur kurz aufs Klo. Jetzt steh ich vor dir mit Waffe in der Hand.
Sie: Du bist ohne seine Hilfe hier hergelangt?
Ich: Naja, er hat mir die Richtung zum Klo gewiesen. Ich habe es jedoch nicht finden können.
Sie: Komm erstmal hinein, ich hoffe du hattest eine ruhige Überfahrt?!
Ich ging durch die offene Tür, in ein modernes Labor, ein feuchter Traum eines jeden Forschers im Bereich der Biomolekularen Wissenschaften, sie folgte mir und zog die Tür hinter sich zu. Dabei fragte ich:
Ich: Überfahrt wohin?
Sie: Nicht so wichtig, dein Boot treibt. Schön, dass du zu mir gefunden hast.
Ich: So gut wie man in den Strömen eines Sturms eben treiben kann. Schönes Labor, ich sehe viele verschiedene Lösemittel auf den Tischen, neben dem ganzen hochwertigen Equipment, was treibst du hier?
Ihre Augen öffneten sich etwas, wahrscheinlich leicht erfreut über die Aufmerksamkeit auf ihrer Arbeit. Ihr Blick weiter ernst aber nicht mehr feindlich.
Sie: Es gibt einiges zu lösen. Das Meer, auf dem du treibst, ist eine komplexe Landschaft, die nur im Fluss hinüberspannt. Der Tod muss immer wieder neu sein Ganzes in der Leere lösen, so fließt Leben durch nicht greifbare Wirklichkeit ins Ewige, weit über den Wolken am Horizont. Ich löse gelebten Tod in Erfahrungen des Seins. Der Tod wird gespiegelt in jeder Zelle, die das Leben webt. Ich breche ihre Muster in Lösemitteln, wie Aceton, Ethanol, Hexan, auch mal Chloroform oder natürlich am liebsten in einfachem Dihydrogenoxid - mein geliebtes Wasser. Das eine bringt Licht, das andere Gewicht, Wasser schützt das Gleichgewicht.
Ich: Ich glaube ich bin hier um zu lernen, zu erfahren, wie wir die Schnur lösen, um im überspannenden Gleichgewicht zu sein. Das Gefühl überkommt mich, dass die Wirklichkeit nicht greifbar ist, wie beschrieben von dir, doch so weiß ich nie was sich in meinen Händen auflöst
Sie: Hilf mir ein wenig das Chaos im Labor zu überspannen und wir kristallisieren deine Erfahrungen in etwas Wundersames. Du sprachst von Sieben-Tee - optimal, er fängt das Licht, schwebt über Finsternis, und schafft eine Landschaft von Gewicht im Zug des Gleichgewichts.
Sie schaute mir tief in die Augen und hob dabei das Becherglas unter mein Gesicht und sagte schlicht:
Sie: Spuck hinein
Ich hatte den Geschmack des Sieben-Tees noch auf meinen Lippen und tat, was sie forderte. Sie nahm das Becherglas mit zu einem Tisch und machte sich direkt an die Arbeit. Sie nahm zuerst einen kleinen Stab aus Glas und verrührte den Speichel mit der Lösung, welche sich bereits im Glas befand. Danach füllte sie den Inhalt in kleine, oben zylindrisch unten konische, Plastikröhrchen. Machte den Verschlussdeckel der sechs Röhrchen zu und öffnete, mit einem Fingerdruck, den runden Deckel eines kleinen, etwa 40x40cm großen, Kastens, der auf dem Tisch neben ihr stand.
In diesem Kasten war etwas das aussah wie ein eingelassenes schwarzes Rad, es war ein schwarzer Rotor mit zweiunddreißig kleinen Löchern am Rand - erinnerte mich direkt an Roulette.
Ich schaute ihr über die Schulter und sah, dass sie die sechs Röhrchen in Position sechs, sieben und acht und auf Position zweiundzwanzig, dreiundzwanzig und vierundzwanzig steckte, so war das Gewicht des Rotors im Gleichgewicht. Sie schloss den Deckel mit einer geschmeidigen Handbewegung und nach drei, vier Knopfdrücken an der Vorderseite der Box mit stylischen Lüftungsschlitzen am unteren Viertel des Kastens, begann die Zentrifuge zu spinnen.
Eine mit Zeit stärker werdende Vibration trug sich, über den Tisch, in den Raum.
Ich: Und jetzt machst du was mit meinem Speichel?
Sie: Jetzt gerade isoliere ich die Zellen, die in deinem Speichel enthalten sind vom Rest der Lösung. Die Zentrifugalkräfte helfen mir dabei. Danach werden wir die Zellen mit etwas Ultraschall aufbrechen und durch die mit, bildlich gesprochen, kleinen Angelhaken versehenen Proteine, der gentechnisch veränderten Sieben-Tee-Zutaten, mit Hilfe von Antikörpern an den Haken bekommen. Danach können wir mit einer einfachen Affinitätsmatrix die Proteine, die uns interessieren, aus dem Lysat purifizieren. Verschmolzene Aminosäurenketten werden zu funktionalen Gestalten gefaltet, einige Gestalten lieben den Stress und die Angst - Kinasen, Transkriptionsfaktoren, Hitzeschockproteine werden hochreguliert - die molekularen Muster spiegeln, was wir durchlebt haben. Ein optimaler Spiegel von Erfahrungen - den wir probieren werden zu kristallisieren - lese dich an ruhigen Tagen etwas ein, wenn es dich interessiert. Ich gebe dir gern ein paar Namen mit.
Ich: Das klingt nach Alchemie. Du verschmilzt fundamentale Muster meines Seins, ohne welche ich wahrscheinlich nicht in der Wirklichkeit wandeln könnte, und transformierst sie in eine neue Gestalt, einen Kristall, mit hoffentlich neuen Eigenschaften, die weiterhin mit mir verwebt sind?
Sie: Ja, du umgreifst es schon ganz gut, die Alchemie beschränkt sich nicht nur auf Metalle, jede Entität, egal ob Atom, Molekül, Protein, Zelle, Lebewesen oder darüber hinaus, kann mit Kraft aus dem Inneren neu im Äußeren Fluss aufblühen. Der Kristall wird deinen Einfluss sehr lange beeinflussen - wenn du verstehst.
Ein Lachen zog sich durch ihr Gesicht, bevor sie es schnell mit der Hand verdeckte.
Ich: Ich will ja sagen, aber in meinem Kopf entsteht ein komischer Druck, wenn ich es direkt aussprechen will.
Sie: Lass mich raten! Auf der linken Seite.
Ich: Ja etwas über meinem linken Ohr
Sie: Vertrau deinem Herz, hör auf das Grummeln von unten und betrachte den Sturm über dir, aber schenk ihm keine Furcht.
Die Zentrifuge piepte und der Deckel sprang auf.
Sie nahm die Proben hinaus und ich folgte ihr in den hinteren Teil des Labors.
Sie schüttete die Flüssigkeit aus den Röhrchen und füllte eine neue durchsichtige Flüssigkeit, irgendeine Buffer-Lösung, mit einer Pipette wieder hinein. Sie benützte die Pipette um die am Boden abgelagerten Zellen mit der neuen Lösung zu vermischen und sammelte die Lösung aus allen Röhrchen in einem kleinen Becherglas.
Das Becherglas wurde in einen Styroporring gesteckt und zu Wasser gelassen, in ein wesentlich größeres, ungefähr ein Liter fassendes, Becherglas gefüllt mit Eiswasser. Dann führte sie eine, an einem Gestell montierte, dünne Edelstahlantenne falsch herum von oben in die Flüssigkeit des kleinen Becherglases und gab mir ein paar Ohrenschützer.
Sie machte noch ein paar Einstellungen an einer Box, an welche die Antenne über ein Kabel am oberen Ende angeschlossen war. Dann machte sie eine kurze Handbewegung, ich zog meine Ohrenschützer an. Und man spürte und hörte den ersten pulsierenden Energiestoß, der von der Antenne ausgesendet wurde und auf meine Zellen traf und im Eismeer abklang.
Sie drehte sich um, ging mit zwei geschmeidigen Schritten an mir vorbei und musste nichts sagen oder andeuten, damit ich ihr aus der Tür des Labors ins Zimmer links daneben folgte.
Ein Raum voller Pflanzen eröffnete sich, und mit voll mein ich wirklich voll. Der Raum schien recht klein, aber war klar als Rückzugsort gedacht. Die Luft war ein Traum, Sauerstoff reich, frisch, nicht zu warm, nicht zu kalt, mit leicht erhöhter Luftfeuchtigkeit.
In der Mitte des Raumes war ein großer Farn. Dunkelgrün waren seine Wedel mit rötlichen Spitzen. Sie waren kreisförmig, im Stile einer Lotusblüte, angeordnet und wuchsen direkt aus der schwarzen Erde, auf welcher ich stand. Sie war pechschwarz und verwandelte den Raum in einen wahrlich mystischen Ort.
Hinter dem Farn war ein kleiner, bereits gedeckter, Holztisch und zwei einfache Stühle aus dunklem Holz versteckt. Wir setzten uns, nahmen die Ohrenschützer ab und sie schenkte uns beiden eine Tasse Tee ein.
Wir saßen einfach nur da. Ich war in einer Art Trancezustand, seit ich den Raum betreten hatte, und konnte nichts greifen, was auf geistlichen Ebenen an mir vorbeifloss.
Dann fragte sie plötzlich mit sanfter und ruhiger Stimme:
Sie: Du willst mir etwas sagen?
Normalerweise lösen Fragen, Gedanken aus, manchmal einen ganzen Sturm davon. Und irgendwie meinen wir, dass wir daraus unsere Entscheidung ableiten.
Diesmal passierte gar nichts bei mir, ich drehte nur instinktiv meinen Kopf in ihre Richtung und als ich ihr in die tiefbraunen Augen sah brach es aus mir heraus - als hätte sich mein Herz zu einem Geysir gewandelt.
Jedes Muster - verdammt zu brechen
Jedes Muster fordert dem Fluss sein Strömen heraus - Wellen entstehen
Die Welle bricht in die Asymmetrie
Beladen stürzt Masse in Gravitation
Umschließt so den Raum, der nicht ist
So kommt das Chaos in zweierlei Form
Aus dem Nichts und Allem das ist
Sei dir bewusst, es entspringt dem Chaos und fließt davon
Doch es formt Schleifen
Das Sein im wechselseitigen Wandel in unendlichen Bahnen
So steht eine schöne Bewegung dem Chaos entgegen
Das Sein ist eine volle Gestalt aus leeren Formen
Chaos und Schönheit in ihm können nichts als sich zu ändern
Veränderung ist Leben, anders sein und doch gleich
Menschlich wie jeder, du selbst wie keiner
Leben kennt die Zeit nicht
Die Zeit ist nicht das Leben, sondern nur dessen Wille
Innen ist er Leer und außen bloße Form
Er weiß nichts und gibt so auch nichts vor
Außer, dass er zurück in die Tiefe will
Aber vorher diese Gestalt abschütteln muss
Nachdem er Sie dem Ganzen geschenkt hat
Die Brutstätte des Chaos hinter sich gelassen hat
Und vor der Tiefe im Fluss wahrer Schönheit gebadet hat
Sie: Ich kenne eine schöne Stelle zum Baden. Wovor hast du Angst?
Ich kenne meine Angst
Habe ihr das Fürchten gelehrt
Jetzt haben Sie Angst aus gutem Grund
Ich trage meine Vergangenheit ins Jetzt
Und sie ist dunkel - voll mit grauen Gestalten
Sie haben geführt, gelenkt und sind doch gefolgt, haben gegeben und genommen
Haben Arme beschenkt, das Böse bekämpft
Sowie Unschuldige von hinten ohne Miene zu verziehen in den Kopf geschossen
Und Sie dann kalt in den Graben gestoßen
Das Alles liegt hinter mir und ist so immer vor meinem Auge
Habe es nur geträumt, doch in ihnen wirklich überkommen
Alles ist gleichgeblieben und in Einem etwas anderes geworden
Ich steh in ihrer Schuld, weil ich bin
Aber nie bin ich, da ich immer wandle
Wenn ich nicht bin, lenkt mich ihre Kraft zurück
Und ihre Hoffnung auf ein Ewig-Neues-Sein vereint in meiner Gestalt des Ichs.
Es herrschte eine lange Stille.
Ich: Möge mein Selbst mir beistehen.. - Lass uns baden gehen.
Sie: Lass uns davor noch in Ruhe unseren Tee trinken und eine Kleinigkeit essen. Wir werden etwas Kraft und Geduld brauchen für Ab- und Aufstieg.
XV. Der Abstieg
Der Tee war leer, die süßen Lotussamen im Magen. Sie stand vom Tisch auf und ich folgte ihr, am großen Farn vorbei, zurück auf den Gang, zwei Türen weiter nach links.
Während sie die Tür aufzog, wendete sie ihren Blick zu mir und sagte in ernstem Ton:
Sie: Egal was wir jetzt erfahren werden, sei dir bewusst: Ganz unten ist nichts gelagert, aber alles zu finden. Ganz oben ist alles gelagert, aber nichts zu erfahren.
Dann stiegen wir ab, Stufe für Stufe, eine Wendeltreppe hinunter, welche sich hinter der Tür offenbart hatte. Weiter und weiter in die Tiefe.
Ich konnte die nächste Stufe nicht sehen, alles war dunkel oder ich geblendet von der Schönheit vor mir.
Wir stiegen bereits einige Minuten hinab und ich konnte langsam mehr erkennen des wundersamen Abstiegs.
Die Treppenstufe, auf der ich nun stand, war keine Stufe, es waren drei klare, aber doch irgendwie verschwommene, seilartige Stränge, die von der einen Seite zur anderen spannten. Ich konnte hindurchschauen, aber nichts dabei sehen - außer mich selbst.
An der rechten Außenseite war ein kleiner Absatz zur Wand, ein kleiner Wasserstrom floss dort in einer Rinne, wie ein kleiner Bach, mit der Biegung den Gang hinab. Als ich auf die andere Seite blickte, spiegelte sich der Anblick, doch das Wasser floss hier mit scheinbar gleicher Flusskraft wie drüben, nicht wie man es erwartet hinab, sondern hinauf.
Aus diesen zwei Bächen stießen die Treppenstränge fontänenartig hinaus, auf der einen Seite mit leicht blau-grauem Farbton, auf der anderen ein eher gelblicher Ton. In der Mitte jeder Treppenstufe entstand ein spiegelndes, strudelförmiges Lichterspiel, blau-grau-gelb, zumindest schien es so.
In einem war ich mir aber sicher: Die Treppen waren aus Wasser. Wenn ich hindurchfalle, lande ich wenigstens nicht auf Beton, aber ertrinke dann wahrscheinlich mit der Zeit auf tiefer See.
Ein fairer Deal.
Ich vertraute der nächsten Stufe mein Gewicht an. Dabei sprach ich zu mir selbst:
Hier sollst du mich tragen,
ich schenke dem Element,
das das Leben zum Fließen gebracht hat,
mein Vertrauen.
Ich ging entschlossen weiter. Mir wurde bewusst, dass ganz unten ein weiter Weg sein kann, wenn man nicht fällt.
Und die Möglichkeit des Fallens gab es, auf der linken, wie der rechten, der inneren, wie äußeren Seite. Die wundersame Wendeltreppe hatte keine Wände, nur die Rinne des Baches lief spiralförmig, doch irgendwie leicht gezackt, in die Tiefe und schimmerte silber-grau.
Ich machte einen Schritt nach innen und wagte einen Blick hinunter.
Ich sah nichts außer Finsternis, die sich in der Tiefe immer mehr zu einem Sechseck formte, mit einem silbrig-grauen Außenglanz.
Ich schaute in die Finsternis zwischen den sechs Ecken und verlor mich schnell.
Eine dunkle Stimme kroch aus dem Unterholz der träumenden Aufmerksamkeit und zog an mir. Die Worte kamen langsam, eins nach dem anderen, aus der finsteren Tiefe meiner Grube der Vorstellung:
Lass deinen Gegenstrom hinter dir
und komm in mein Nichts,
wo du endlich alles findest,
das du wirklich willst.
Mein rechter Fuß begann sich von der Wasseroberfläche der Stufe abzudrücken, um durch die Luft Richtung Abgrund zu schwingen.
Ich fragte mich, wie lange ich wohl fallen würde und ob die silbernen spiralförmigen Rinnen mich wohl bis auf den Boden begleiten werden. Oder falle ich unten einfach nur ins Wasser und sinke dann weiter?
Es ist mir ein großes Rätsel und ein kleiner Reiz, zu wissen, was dort unten wartet. Nicht dass es am Ende oben ist und ich die Himmelsdecke durchbreche und einen Fall der Größten auslöse.
Inmitten meines Schrittes Richtung Abgrund fasste mich auf einmal eine Hand sanft an der Schulter, und ihre sanfte Stimme, noch geölter als im Labor und Garten, hallte meinem Bewusstsein wieder Leben ein:
Wasser kann fallen,
schnell in die Tiefe sinken.
Wasser kann schweben,
mit Leichtigkeit in die Höhe steigen,
wie in feuchtwarmer Luft.
Lieben tut das Wasser aber das Dazwischensein,
das Fließen,
egal ob in der Luft als dynamisches Wolkengemälde,
im knirschenden Eis der Gletscher,
oder in erster Linie als flüssiges Lebenselixier
bewegt in Bächen zu reißenden Flüssen,
stehend in Seen,
schwelgend im großen Ozean,
wo alles klein wird.
Zu großen Teilen aus Wasser, daher bewahrte sie mich vor dem Fall und brachte mich auf die Bahn zwischen den entgegengesetzten, doch richtungslosen Rinnen, welche sich nur überspannen, wenn ich auf ihnen laste.
Sie sollten brechen, doch ich schwebe; sie zwingen mich zu laufen, doch ich weiß nicht, ob ich oben oder unten ankomme.
Am Ende auch egal,
Ziele gibt es keine,
sie lösen sich in den Wellen des Meeres
wie kristallines Salz.
Und halte ich weiße Steine,
geformt vom Druck, in meiner Hand,
erhebt sich in mir eine Flut
aus der Asche längst verglommener Glut -
anthrazit-glänzende Schlieren
ziehen sich durch mein blaues Blut -
es geht um meine Bilder im Kern,
nicht um unbedeutendes Rauschen am Rand.
So wagte ich mich zurück zwischen die Rinnen und setzte mich in einen Fluss von Bewegung, nicht fallend, aber gezogen von großer Leere, mit dem Ziel unten anzukommen, um kurz nach oben zu blicken.
XVI. Der siebte Tisch
Und so stand ich plötzlich in einer Mischung von Café und Casino. Der Raum war ziemlich groß, aber simpel eingerichtet. Eine Bar mit jeglichem Equipment zum Tee zubereiten und einer großen Auswahl an süßem Gebäck hinter einer Glasabschirmung.
In einer asymmetrischen Anordnung, diagonal zur Bar, waren sieben quadratische Tische in einem Raum mit ungewöhnlich niedriger Deckenhöhe verteilt. Um jeden Tisch standen vier einfache schwarze Ledersessel, deren Nähte schimmerten leicht golden im gelben Licht der über dem Tisch, an einem einfachen schwarzen Kabel, gerade herunterhängenden großen Glühbirnen.
Irgendwie billig, aber mit extrem viel Stil.
Fünf der sieben Tische waren voll besetzt. Drei Tische waren besetzt mit je vier älteren Damen, die alle graues Haar hatten oder zumindest graue Strähnen in ihrem Schwarz. Sie schoben gut gelaunt kleine weiße Steine mit eingravierten geschwungenen Symbolen auf dem grünen Tisch umher.
Der Tisch in der hinteren linken Ecke war nicht besetzt, und ich frage mich bis heute warum - an diesem Tisch standen nur drei Sessel. Ein vierter war nirgendwo in Sicht.
Ich hatte den Raum aufmerksam mit einem schweifenden Blick durchkämmt, bis ich am Ende meines Schweifens am siebten Tisch hängen blieb. Der Tisch war direkt vor mir, wenige Schritte entfernt, links neben der Bar.
Und es saß eine einzige Person an diesem Tisch, mit Rücken zu mir.
Eine einfache schwarze Basecap auf dem Kopf, kurzes graues Haar kam an den Rändern zum Vorschein, die Haut am Hals war ein karamellfarbenes Braun im gelben Licht und ich konnte selbst aus ein paar Metern Entfernung drei Muttermale erkennen, die in einer Diagonale von links unten bis rechts oben seinen Nacken kreuzten.
Ich muss eine halbe Ewigkeit dort gestanden haben, starrend, bis der Gedanke aus der Tiefe der Zeit kroch:
Eine Linie,
die vom Kopf zum Herzen reichte.
Noch halb im Gedanken versunken, nahm ich plötzlich eine Bewegung vor mir wahr. Der alte Mann hatte seinen rechten Arm nach außen über die Lehne gestreckt und machte mit seinen zusammengehaltenen Fingern eine auffordernde Wink-Bewegung in meine Richtung, sein Kopf dabei weiter still geradeaus schauend.
So setzten sich meine Beine in Bewegung und meine Füße glitten über den mit roten Teppichen ausgelegten Boden, voller kalligraphischer Inschriften in Weiß und Schwarz. Was sie bedeuteten, wusste ich nicht, aber ihre fließende Gestalt versetzte mich in einen geistreichen Zustand.
Der Raum zerfloss in einen schwarzen Strudel und die alten Damen, wie das Personal hinter der Bar, wurden von goldenen Schlieren zersetzt, die sich verbanden und in spiralförmiger Bewegung zu einem größeren Muster verwebten.
In der Mitte der alte Mann - er saß weiter ruhig und gelassen in seinem Sessel, seine linke Hand umschloss einen Gegenstand, für mich nicht sichtbar, und mit seiner rechten griff er gerade nach seiner Tasse Tee, als ich endlich vor ihm stand und ihm eigentlich die Hand reichen wollte.
Die Basecap warf einen tiefen Schatten in sein Gesicht und erlaubte mir keinen guten Blick in seine Augen. Er trug ein einfaches weißes Hemd und eine schwarze Anzughose und deutete mit einem leichten Kopfnicken an, dass ich mich doch setzen solle, gegenüber von ihm.
Nach drei genüsslichen Schlürfern seines Tees stellte er die weiße Tasse, voller brauner Mikro-Risse, als wäre die Tasse auf Fliesenboden zerschellt und von einem Meister der Geduld mit der Hilfe von braunem Harz wieder zusammengesetzt worden, auf die grüne Fläche des Tisches ab.
Meine Güte, ist die brechende Gewalt schön.
Und er begann aus dem Schatten seiner Cap mit gedämpfter Stimme zu sprechen:
Er: Mein Junge, welches große Versprechen hast du deiner vergangenen Liebe gemacht?
Ich: Ich werde aus Steinen Gold machen.
Er: Du hast dich der Alchemie verschrieben und sie dafür geopfert?
Ich: Habe ich das?! Wenn ja, nicht bewusst.
Er: Du bist reines Bewusstsein, wo denkst du befinden wir uns?
Ich: An deinem Ort.
Er: Er ist mein, wie er dein ist. Schau dir die fließenden Grenzen an, wie sie in goldenen Schlieren dahinziehen.
Ich: Wahrlich schön, wie die Damen uns umweben.
Er: Sie sind dein Fluch, der dich zum Segen hebt. Rede mit ihnen, als würdest du ein Gebet sprechen.
Ich: Wenn ich das tun muss, um die Alchemie verstehen zu lernen, sodass ich die Kraft in mich aufnehmen kann, um so die chaotische Eiswüste zu schmelzen und in ihren Wandel zur weiß-grünen Blüte zu bringen, dann soll es so sein.
Er: Übernimm dich nicht, du bist schon mittendrin. Ich bin nur ein Felsen, der in deiner Strömung steht und Wellen schlägt. Und mach dir keine Sorge um fremdes Schicksal, ich sage dir von Herzen: Das stumme Chaos kommt und das überspannende Ganze wird sie richten. Oberflächliche Schönheit ist in Wahrheit hässlich, sie verblüht so schnell wie sie wuchs. Die geduldige Leere wird sie alle in unbegreifbare Tiefe ziehen. Also lebe, mein Junge - dein Sterben hat dir die Hilfe der Toten beschert.
Ich: Du hast es fast geschafft, in Worte zu fassen, was mir heilig ist. Aber alles was heilig ist, ist nicht in Worten zu fassen, nicht wahr?
Er: Du bringst der Welt weder Licht noch Finsternis, es ist eine undankbare Aufgabe. Ihr Wandel so tief, für jeden der nicht untertauchen kann, kaum wahrnehmbar. Du spiegelst ihnen den rational unmöglichen Akt des ewigen Gleichgewichts.
Ich: Also stimmt es... man wird mir nie danken.
Er: Nur die nicht erfahrbare Ebene des Kleinsten und Größten ist schwarz und weiß. Im Dazwischensein steckt das Leben im Grau, und nur in der Wirkung von Veränderung wird der leere Raum mit Farbe umhüllt. Du brauchst keinen Dank, du strebst in Richtung Blüte des Bewusstseins und bist dabei bereit, durch die schöne Hölle des Lebens zu laufen. Steh weder auf der einen noch der anderen Seite des Ufers - geh baden im Strom und lade sie ein. Die Schatten der Springenden sind ewig im freien Fall.
Er schob seine Teetasse in meine Richtung, stand auf, verbeugte sich leicht. Ich tat ihm gleich. Er machte eine geschmeidige Bewegung um den Sessel, erstaunlich angesichts seines geschätzten Alters, und ging in Richtung, aus welcher ich gekommen war.
Dann zerfloss er in einem Spektrum von grauen Schlieren im schwarzen Strudel, und ich versank in meiner grauen Welt, stillschweigend im Sessel.
Kurz nach dem Auftauchen schwächte sich der schwarz-graue Strudel mit goldenen Schlieren langsam ab und der Raum kehrte in seinen vorigen Zustand zurück. Nur saß ich jetzt allein am siebten Tisch, genau dort, wo vorher der alte Herr saß.
Ich trank die halbe Tasse mit zart blumigem weißen Tee leer, ging an die Bar und war dabei, die Rechnung zu bezahlen, als ich gefragt wurde:
Stimme an der Bar: Na, Erfahrungen gemacht, die tiefer gehen als jedes Wissen?
Ich nickte sanft und schob mich langsam durch die, mit zwei Schriftzeichen als Ausgang markierte, Tür.
XVII. Das Licht
Ich stand in einer kleinen industriellen Hintergasse, eingeklemmt zwischen zwei blechernen Fassaden mit mindestens hundert Metern Höhe. Die vielen rostigen Notleitern über mir verdeckten die Sicht in den Himmel. Die Gasse machte einen tristen Eindruck und vor meinen Füßen war ein Sumpfgebiet aus hellbraunen Pfützen mit unbekannter Tiefe.
Rechts versperrte ein kleiner Fluss aus aufschäumendem Wasser den Weg. Es kam unter einer Tür hervor, die schräg rechts gegenüberlag. Der Abstand in der Anordnung der hellbraunen Pfützen erlaubte mir einen relativ einfachen Weg nach links.
Ich wollte einfach nur los, ohne zu wissen, wohin. Meine Aufmerksamkeit war den dreckigen Mustern aus braunen Pfützen, Plastikmüll, Schlamm und dunklen Flecken von Asphalt gewidmet. Ich folgte den wenigen schönen Fäden meiner Vorstellungskraft, die mit aller Gewalt dabei war, das Chaos der verdreckten Formen am Boden zu schönen Mustern zu brechen.
In der Bewegung meiner tippelnden Schritte auf den dunklen Flecken fand ich etwas Freude und verlor mich im Zwischenraum von geistlicher Vorstellung und physischem Tun -
Bis eine aufschnellende Aluminiumtür mit ganzer Wucht meinen Schädel traf.
Ich fiel dabei leicht zurück, stolperte rückwärts in eine große braune Pfütze und endete halbbenommen an der Fassade lehnend, unwissend über „was genau gerade geschehen war". Ich wollte mich aufrichten, doch meine Sicht kehrte sich nach innen, erst wurde sie dunkel, dann erschien langsam eine orange-rote Wärme.
Und dann lag ich da, fühlte, wie meine rechte Seite des Kopfes immer wieder warm und kalt wurde, bis ich über Phasen gar nichts mehr fühlte und komplett in der Finsternis versank.
Irgendwann begann ich zu träumen und es spielten sich die abstrusesten Szenarien darüber ab, was sie wohl mittlerweile im Labor mit meiner Spucke angestellt hat. Einen Kristall geschaffen, mit dem sie in meine Seele blicken kann. Den größten Schwachpunkt meines Immunsystems identifiziert, um mich geschmeidig beiseite zu schaffen. Meine Zellen mit ihren kultiviert, um eine neue Art des Lebens zu schaffen. Sich selbst injiziert, um einen Blick in meine Erinnerungen zu bekommen.
Wofür sie solche Dinge tun sollte, war mir selbst nicht klar, darum ging es auch nicht. Vielleicht hatte sie die Proben längst in den Müll geschmissen, damit ich genau über solche Szenarien halluziniere.
Und so schwamm ich im Meer der Ungewissheit, unwissend, ob es überhaupt ein Ufer gab. So waren Träume nun mal.
Und dann wurde die Tür aufgestoßen und selbst in meinem träumerischen Schlaf spürte ich den entstandenen Windzug auf meiner Haut. Es dauerte ein paar Sekunden, dann hörte ich ein rhythmisches Geräusch von Schuhabsätzen, das allein durch kurzes Intervall und klaren Klang einen Schatten der Entschlossenheit in meinen Raum vorausschickte.
Jegliche Wärme entwich meiner Welt und der Schatten wurde größer und mein Inneres kühler.
Als würde mein Blut, jedes Molekül, jedes Protein, jede Zelle meines Körpers und damit jedes elektrochemische Signal und die Erfahrungen, die in ihren Fluss verwebt sind, langsam in flüssigem Stickstoff getaucht werden, wo sie augenblicklich zu leicht zerbrechlichem Eis erstarren.
Und im metastabilen Zustand der Kristallisierung wurde mein Selbst zu einem Spiegel und schickte folgende Worte in mein Bewusstsein:
Sie haben keine Ahnung,
welche Kriege sich in dir abgespielt haben,
ohne dass wir jemals an der Front waren.
Das verflossene Blut der Generationen
hat sich ganz hinten gestaut
und die Tiefe aufgebrochen,
nicht vor dir, sondern in mir.
Ich bin ihren Rufen gefolgt,
saß in ihrem geistlichen Trümmerfeld
der gegenwärtigen Wirklichkeit
und habe ihre Hoffnung empfangen
und ihnen meine gelassen.
Sie meinen, auf die Zukunft kommt es an -
wir wissen jedoch endlich, wo wir herkommen.
Der Satz hallte durch meinen kristallklaren, aber völlig gefrorenen Zustand des Seins. Und die entstehende Resonanz ließ das Eis langsam aufbrechen und es floss wieder ein Hauch wirkliches Leben durch meinen Körper.
Ich konnte mich nicht rühren oder irgendeinen Einfluss nehmen auf das, was war. Ich schmolz dahin. Und erst war alles ein gewohntes Grau, bis es immer ungewohnter, fast schon unheimlich wurde.
Es war, als würde ich hoch in den Bergen auf einem großen Schneefeld in dichte Wolken laufen, alles weiß, völlig blind, obwohl - nein, weil - alles leuchtet.
Es war anders, ungewohnt, ja fast unheimlich, aber ich probierte mich voll drauf einzulassen, auf diese neue Farbe von Traum. Doch nichts passierte, alles blieb weiß, grell weiß, und ich völlig blind und ahnungslos.
Bis ich realisierte, dass meine Augenlider aufgerissen, mit einer Art Klammer fixiert waren und eine große Operationslampe direkt auf meine Pupillen zentriert war.
Eine bekannte Stimme sagte:
Sie: Ich weiß endlich, wo du herkommst. Du bist auf jeden Fall... hmm, wie soll ich es sagen - geladen.
Sie: Dir wird es schwerfallen, unter all dem Licht zu antworten, aber ich weiß, du wirst mich gut verstehen.
Sie: Ich tu weder Gutes noch Böses, ich handle im überspannenden Sinne. Du wirst besser verstehen, was ich meine, als ich selbst. Schließlich kam dein Selbst zu mir, was mir ein großes Rätsel war. Es macht Sinn, dir etwas zu schenken.
Sie: Ich habe die Muster deiner Zellen genauer angeschaut, um zu sehen, ob du wirklich bist, was du erscheinst. Ich wusste nicht, worauf ich achten musste in der Analyse, außer dass ich große Unterschiede und potentielle Anomalien erwartet habe.
Sie: Alles schien normal, bis ich die epigenetischen Veränderungen und Modifikationen deiner DNA, wie die posttranskriptionellen Modifikationen deiner mRNA, in einem letzten verzweifelten Versuch noch genauer unter die Lupe genommen habe. Quasi in Echtzeit.
Sie: Und es war wahrlich faszinierend.
Irgendetwas regte sich in mir und wollte fragen, doch kein Wort floss über meine Lippen. Zu sehr war ich geblendet, jeder Gedanke, der sich formte, ertrank im Licht. Sie schien es in meinen aufgerissenen Augen sehen zu können und antwortete:
Sie: Ich würde es Synchronisation der Teile nennen, oder harmonisierende Strukturumwandlung. Deine grundlegende biologische Ebene des Seins kann sich selber erkennen im Strom des goldenen Lichts.
Sie: In deinen Zellen schwimmen DNA- und RNA-Komplexe, die sich drehen, winden. Wie so mancher Exportkanal einer Zelle halten sie gleichzeitig eine gekreuzte Struktur von mineralischen Co-Faktoren - also einzelne Ionen von Mangan, Magnesium, Eisen und Zink - in der fließenden Mitte einer beweglichen Aminosäurenschlaufe mit dem schönen Motif: PGEGGHGEGCGGP.
Sie: Die starren Proline, die P's am Ende der Aminosäurenreihe, halten die Schlaufe in stabiler Orientierung, sodass die Schlaufen sowohl mit dem Ion in ihrem Inneren als auch mit anderen Schlaufen in raschem Gleichgewicht im Fluss des Lichts stehen, um ihn gleichzeitig zu lesen.
Sie: Die Schlaufen scheinen verschränkt und reagieren auf Lichteinfall. Sie spiegeln Licht, lassen es durch, schicken es quasi weiter, und eine winzige Anzahl an Photonen wird absorbiert - es ist quasi eine Linse, mit der ins Größere gesehen wird.
Sie: Du fragst dich jetzt sicher, warum ich dir das alles erzähle und du hier im grellen Licht liegst und wir nicht am Tisch sitzen, etwas Tee zusammen schlürfen. Warum ich dich nicht eingeladen habe, sondern halbbenommen von der Straße aufgegabelt habe, und vor allem - was jetzt wohl passieren wird.
Sie: Naja, manche Fragen werde ich dir beantworten, manche Fragen stellt man und sollte nie einer Antwort Glauben schenken. Und damit sind wir beim Thema: Wir stehen im Licht.
Sie: Ich werde dir eine neue Sicht schenken und dir ein Auge dafür nehmen.
Sie: Dafür muss ich mich meiner Angst stellen und ich muss meine zittrigen Hände unter Kontrolle bekommen. Etwas weißer Tee sollte helfen.
Sie verließ mit demselben rhythmischen Schritt den Raum, mit dem sie ihn auch betreten hatte.
Und es dauerte nur wenige Minuten, bis ein sanft blumiger Duft sich im Raum breitmachte.