Teil 16 von 129 · Geschichte · Diese Seite enthält den VOLLSTÄNDIGEN Text dieses Teils (Aus dem Riss — Geschichte 2/5 (Kapitel 8–12); ≈ 34 Tsd. Zeichen).

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Aus dem Riss — Geschichte (2/5) · Kapitel 8–12

VIII. Goldener Wind

Diesmal hatte die Begegnung nicht mit einer Frage begonnen und endete auch nicht in der Leere. Eher das Gegenteil - „Schön dich wieder auf See zu sehen." - und noch dazu, mit etwas in meiner inneren, rechten Brusttasche. Ich stand wieder vor der viel zu schönen Aluminiumtür des gelben Meeres und vermisste jetzt schon den Saum ihres Seins, geworfen auf mich, aus ihrer Seele. Ihre Seele ein violett angehauchtes Rosa im seicht tanzenden Schein zwischen Gelb und Rot. Der Saum nur zu spüren, lässt sie ihren dunklen Nebel, ihre Licht-undurchlässige Hülle, fallen.

Ich hatte beim stillen Essen gemerkt, wie wir uns Dinge sagen können, ohne zu reden.

Der Besuch im gelben Meer hallte tief in meinen Gedankenflüssen und auch die vielen, über Quittenkohle gegrillten Kebabs lagen, nach hohem Genuss, am Grunde meines Magens. Ich fragte mich kurz, was sie wohl wahrnimmt an mir - ich schloss kurz meine Augen - und lenkte den Gedankenfluss zu anderen Ufern. Öffnete meine Augen wieder und lief, gegen den Wind, die Straße hinunter.

Ich stand zwei Blocks nördlich vom gelben Meer an einer großen Kreuzung mitten in der Mega-Großstadt. Die Ampel des Fußgängerübergangs war gerade rot geworden und ich nutzte die Zeit, um mir nochmal an die Brust zu fassen und ließ danach meine Hände in die Seitentaschen meiner Jacke gleiten. Ich spürte die passenden Umrisse - meine Versicherung - auf den geschäftlichen Teil des Meeres war Verlass.

Ich musste die Objekte natürlich noch inspizieren und mich mit ihnen vertraut machen, aber hier war sicher nicht der richtige Ort dafür.

Die Ampel wollte nicht grün werden und mein Gedankenstrom ließ mir keine Ruhe und auch mein Magen war übervoll und meldete sich mit lautem Grummeln. Ich entschied mich für eine kleine Mauer hinter mir und setzte mich, während ich mich leicht in die direkt an die Mauer angrenzende Hecke, aus grün-roten Sträuchern, lehnte.

Ich folgte dem wirren Treiben um mich herum, was im Gegensatz zu den letzten Stunden, wie ein spiegelglatter Bergsee, auf mich wirkte. Die letzten Stunden fühlten sich wie ein Traum an und für mich war es ein Schöner. Ich träumte wenig in den letzten Jahren, schlief ich doch nur mit meiner glitzernden Medizin wirklich ruhig. Als Kind war das anders.

War nie beim Militär, aber meine Vorfahren scheinen den Krieg in meine Träume getragen zu haben.

Ihr grausamer Tod im Chaos der Welten hat sich mit meinem Lebensfluss verwebt.

Ich habe früh gelernt meine Träume zu deuten
Und ihre Tiefe und Größe war einfach nicht zu übersehen
Sie waren dennoch einfach gestrickt
Und ihre Nachricht habe ich verinnerlicht:
Jede Entscheidung, die nicht meine ist
Kann - nein - wird den Tod bedeuten

Wer leben will muss opfern, seine Familie, seine Freunde, seine Liebe, aber auch seinen Hass, seinen Willen, wie seine Lust, und vor allem seine eigenen Gedanken, um sein Selbst in großer Schönheit in der kleinen Seele aufgehen zu lassen. Aber der Wert der Schönheit, der den Opfern entgegengesetzt ist, muss sich im Ganzen dem Chaos der Seele aufwiegen.

Plötzlich verschwamm meine Sicht im wirren Treiben, der Verkehr auf der Kreuzung fuhr, auf der linken Seite meines Blickfeldes, in ein schwarzes Nichts. Mein Blick schweift nach rechts und ein dichter gelb-brauner Schleier vernebelt mir die Sicht. Vor mir zerfallen die Hochhäuser zu grauem Staub und ein starker Wind trägt ihn in die Höhe. Der Himmel färbt sich langsam grau, die moderne Großstadt um mich herum wandelt sich zu einer dreckig-grauen Einöde. Egal wohin ich schaue, eine Landschaft, als hätte die Stadt die letzten Jahrzehnte nichts als Zerstörung von nicht greifbarem Ausmaß erfahren.

Schutt und Asche.

Ich ließ meinen Blick wieder von links nach rechts schweifen und dabei traf mich, wie aus dem Nichts, ein goldener Strahl. In die Weite geschaut - war es nicht nur ein Strahl, es war ein ganzer Schweif, gold-gelb, er spielte mit dem Grau des Staubes und zog sich fließend durch die Trümmer-Landschaft. Es entstanden gold-graue Muster, in die ich mich wahrlich hätte fallen lassen können, allerdings tat ich es nicht, ich hörte Schritte von rechts - viele Schritte, in einheitlichem Rhythmus.

Ich blieb ruhig sitzen und löste meinen Blick vom Schweif und drehte meinen Kopf langsam wieder nach rechts. Um die zwanzig Mann in alt-modischer Militärkleidung erschienen, in nicht allzu weiter Ferne, aus dem gelb-braunen Schleier. Die Kleidung war überzogen mit einer grauen Staubschicht, mit Waffen in den Händen marschierten sie eisern dem goldenen Schweif hinterher, in den ich mich gerade noch fallen lassen wollte.

Mein Fokus war ganz auf ihnen. Einer der Soldaten ließ sich zurückfallen in der Gruppe und mit vorbeiziehender Zeit, setzte er sich unscheinbar nach hinten ab. Ohne sich weiter umzuschauen, drehte er sich nach links - in meine Richtung - und ging gerade auf mich zu, während die restlichen Soldaten weitermarschierten. Noch konnte ich sein Gesicht nicht erkennen, aber er gab ein heroisches Bild ab, mit dem abklingenden goldenen Schweif in seinem Rücken, während der Wind seinen mit grauem Staub bedeckten Mantel majestätisch anhob.

Als er ein Stück nähergekommen war, stand in seinem Gesicht jedoch etwas anderes geschrieben, nämlich Gleichgültigkeit gepaart mit durchdringender Entschlossenheit. Jede Kontur wurde untermalt von tiefen, breiten, kleinen, großen, mit Staub gefüllten, Falten. Je näher er kam, desto komplexer und mannigfaltiger wurde die Falten-Landschaft geformt durch seine sanft wandelnden Gesichtszüge.

Doch was wirklich bis in meine Seele strömte war sein tief greller Blick, aus Augen, die sich der Wirklichkeit entgegensetzten.

Der normalerweise weiße Hintergrund, die Lederhaut, ein dunkles Schwarz-Braun, als hätte man Kohle grob mit dunkler Erde vermischt, die Iris ein mattes Grau mit seichten helleren und dunkleren Schlieren in gold-grauer Farbe, als hätte sich der Schweif der Trümmerlandschaft auf einen Tanz mit dem grauen Staub der Luft eingelassen in den Tiefen seiner Seele. Und die Pupille glitzerte silber-weiß, wie frisch gefallener Schnee im gespiegelten Licht des Vollmondes.

Soldat: Du hier, im ausgetrockneten Flussbett meines Seins.

Sagte er mit kratziger Stimme aber sanftem Unterton.

Ich: Ich weiß nicht, wo genau ich bin, aber es ist irgendwie schön grausam, grausam schön.

Antwortete ich ehrlich.

Soldat: Schön gesagt, du musst wissen, unsere Betten sind es alle. Das Chaos hat sie geformt und nur mein Blut kann die Spuren der vertrockneten Schönheit sehen. Um sie dann doch wieder zu fluten mit einer fließenden Welle des Seins. Wie Wasser sickern Samen in den Grund des Bettes.

Mir war nicht bewusst, was er mir genau vermitteln wollte, trotzdem nickte ich zustimmend und nach kurzer Pause fragte ich was mir auf der Zunge brannte.

Ich: In welche Schlacht ziehst du mit deinen Kameraden oder kommt ihr gerade aus einer? Und wohin wird dieser goldene Schweif euch führen?

Soldat: Wir führten eine Schlacht auf dem Grund des Meeres, wo unsere Opfer der Wirklichkeit liegen.

Ich: Von welchen Opfern sprichst du?

Soldat: Lass mich ausführen. Wir haben unser Sein dort oben geopfert...

Er zeigte auf den Boden, bevor er fortsetzte.

Soldat: ...unser Potenzial in der Unendlichkeit des Ganzen versenkt, damit ein Samen im Licht unserer vergangenen Finsternis zukünftig neu aufblühen kann.

Mein Blick traf seinen und das spiegelnd weiße Licht aus seiner Pupille ließ mich nicht los und zog meinen Gedankenfluss in die Leere, während er weitersprach.

Soldat: Wir sind zusammen in die gefrorene Nacht gegangen, meine Kameraden und ich, im Glauben ihr Licht zu schenken und Bedeutung zu finden. Am Ende sind wir dabei gemeinsam am Chaos unserer Zeit zu Grunde gegangen. Lange war alles dunkel und der Kampf, sowie die Suche, aussichtslos. Wir kennen es jedoch nicht anders, es ist Gewohnheit geworden. Doch vor wenigen Tagen brachen wir durch die Front, es war zuerst eine schwarze Finsternis. Ein Schwarz, das dunkle Kohle weiß wirken ließ. Doch statt von dieser Finsternis verschluckt zu werden, hielten wir inne. Nach einer ewigen Weile öffnete sich ein winziger Spalt in der schwarzen Leere, in der wir standen und ein kleines Ungeziefer kroch hervor, oder genauer nur sein Schatten. Er spannte seine Flügel und zog einen winzigen - goldenen - Schweif aus der Tiefe des Risses hinter sich her. Seit diesem Moment marschieren wir - pausenlos.

Ich: Ich hoffe der Schatten führt euch aus der Finsternis. Ich frage mich, warum du mir das alles erzählst. Nicht falsch verstehen, ich höre gerne zu. Aber du scheinst mich zu kennen, was habe ich mit all dem zu tun?

Er nahm seinen rechten Finger, zeigte auf sein Ohr, führte den Finger in die Mitte seines Gesichts, bis er auf Höhe der Nasenspitze war, und machte von dort einen geschmeidigen Bogen abwärts Richtung seines Herzens. Dort angekommen bohrte er den Finger in seine Brust und führte ihn in einer wirbelnden Bewegung aufwärts bis er über seinem Kopf gerade nach oben zeigte. Dann sprach er.

Soldat: Du bist weder Licht noch Schatten, du spiegelst tief gesätes Gleichgewicht. Du bist meine Zukunft, ich deine Vergangenheit, wir liegen im gleichen Bett. Du hast das Feuer deiner Quelle neu entfacht, mir etwas Hoffnung mit nur einem Tropfen Wasser gemacht, und uns die goldene Flut gebracht.

Ich: Die Wirkung deiner Worte in mir zeigt, wie groß deine Opfer waren. Ich werde dein Gesprochenes ernst nehmen und sie mit meinem Sein verweben. Möge die Flut zwischen Tropfen und Meer schwellen.

Schenk dieser Welt Gleichgewicht
Der Tod schwimmt im gefrorenen Chaos
Auf dem Meer der Leere
In welches du es geschafft hast zu sinken

Soldat: Ich muss zu meinen Kameraden aufschließen. Du willst nicht, dass wir zu spät kommen.

Er drehte sich um und ging im Marschschritt, ohne sich nochmal umzudrehen, dem erblassenden Schweif wieder entgegen. Ich starrte in seine Richtung und sprach leise zu mir selbst.

Ich werde es für dich tun. Du bist mein...

IX. Rote Kreuzung

Im grauen Staub tauchte auf einmal ein rotes Licht auf.

[Bild: Rotes Licht]

Und einen Moment später starrte ich wieder auf die Ampel am Fußgängerübergang, sie war immer noch rot. Ein Gedanke formte sich, als ich mich nochmal an die Begegnung im gelben Meer erinnerte, besonders der Punkt an dem sie sagte - „Die Totgeglaubten standen schon immer im Sturm des Lebens. Wie Steine auf dem Tisch, vier Blocks von hier, wo das Licht erst spät erlischt."

Das Licht... vielleicht dreht es sich um das entblößende rote Licht, welches in der Dunkelheit leuchtet, egal in welcher Stadt.

Es waren egal wo auf der Welt, eigenartig menschliche Orte. Vier Blocks vom gelben Meer - nahm ich wörtlich, ich packte mein Handy aus, öffnete die Karte und malte mit meinem Finger einen Kreis um die Position des gelben Meeres, sodass er sich in alle vier Himmelsrichtungen mindestens vier Blocks weit streckte - der Suchradius. Allerdings schien es mir, in diesem Großstadtdschungel, sehr unwahrscheinlich, wenn nicht sogar unmöglich, das Gebäude auf gut Glück zu finden.

Ich brauchte zumindest eine Richtung.


Ich stand noch immer an der Ampel, wie angewurzelt, als es auf einmal Worte in meinen Ohren hallte. Neben mir stand ein Pärchen westlicher Herkunft, sie wollte über die Ampel, er vermutlich zurück ins Büro. Er sagte ihr etwas das sich in mir verselbstständigte.

„Please do not forget!"

In meiner Vorstellungskraft baute sich ein Raum auf.

Wenige Sekunden später stand ich inmitten eines leeren Gerichtssaales, als ich mich umschaute, war keine Seele zu sehen. Doch nach kurzer Geduld hallte eine Stimme im Saal, sie klang ernst, so als würde ein Richter sein Urteil verkünden:

Richter: Bitte vergiss nicht. Nur wenn in der Region der Dunkelheit kein Ruf nach Rache erklingt, wird in deiner Welt des Lichts der Frieden gedeihen.

Ich nickte, drehte mich um und verließ den Saal durch eine geschwungene Doppeltür und stand wieder an der roten Ampel.

Endlich wurde die Ampel grün und ich konnte im Strom, von hunderten Menschen, die Straße überqueren. Ich ließ mich einfach vom Strom mitziehen, ich war innerlich noch am Verarbeiten der Nachricht aus dem Gerichtssaal.

Es kam mir so vor als hätte ich die Worte schon mal gehört. Nicht nur gehört, sie wurden zu mir gepredigt.

Dann kam die Erinnerung zurück - das Meisterwerk, das meine Mutter mir zum Einschlafen vorlas. Nachdem der Tang Emperor in der Unterwelt die achtzehnfaltige Hölle hinter dem Berg des immerwährenden Schattens hinter sich gelassen hatte und mit dem Richter Cui am sechsfaltigen Rad der Seelenwanderung angekommen war, war es an der Zeit für den Tang Emperor auf den Weg der Vornehmheit, den Weg des Adels, zu schreiten.

Richter Cui äußerte es in seinen Ratschlägen
Für den Tang Emperor
Der davor war wieder in die Welt des Lichtes aufzusteigen
Nur wenn in der Region der Dunkelheit kein Ruf nach Rache erklingt
Wird in deiner Welt des Lichts der Frieden gedeihen

Ich wusste es war an der Zeit eine Messe für Chaos und Schönheit zu feiern, um die elendigen, heimatlosen Seelen zu erlösen.

Wo diese Messe stattfinden könne war mir noch nicht klar, aber ich wusste, spätestens nach meinem Besuch im gelben Meer, dass ich mich auf hoher See befand, und es jetzt an der Zeit war Chaos zu finden.

Ich war auf der anderen Seite der Straße angekommen, öffnete meine Karte am Handy, realisierte ich war in Richtung Norden unterwegs, drehte mich instinktiv nach rechts und lief ohne weitere Gedankenlast die Straße hinunter.

X. Keinen Hunger

Es dämmerte und die letzten zwei Stunden meiner Suche waren erfolglos. Ein Gebäude, das an den Wolken kratzte, sah aus wie das nächste für mich. In jedes zweite kam ich, ohne Zugangsberechtigung, auch gar nicht erst hinein. Ich war gerade wieder an der nächsten Kreuzung und schaute links die Straße hinunter, dutzende Lebensmittelläden und Restaurants luden mich zum Schlendern und potenziellen Schlemmen ein, Hunger hatte ich jedoch weiterhin keinen.

Der erste Laden, der mein Interesse weckte, hatte unzählige Variationen an Nüssen und getrockneten Früchten, ich schaute eine lange Weile durch die Scheibe und überlegte, wo die ganzen Nüsse wohl herkamen.

Antworten fand ich in mir keine und ich ging weiter.

Der zweite Laden, der meine Aufmerksamkeit erregte, war eine kleine Ramen-Stube. Vielleicht zwanzig Quadratmeter, einfache, durchsichtige Plastikvorhänge am Eingang, drei winzige Tische vor der Küchenzeile am Ende der Stube. Das Menü war mit Kreide auf eine schwarze Tafel geschrieben und in der Küche war ein riesiger Kochtopf aus Stahl, in dem die wohlriechende Brühe simmerte und riesige Knochen drin schwammen. Von der Straße sah man bereits, wie der Koch hinter der Zeile dabei war, den Nudelteig mit geschmeidigen Handbewegungen und außergewöhnlicher Fingerfertigkeit in Ramen zu verwandeln.

Ich hatte meinen Ort zum Abendessen gefunden, aber der Hunger war noch zu klein, so ließ ich den Ramenduft schweren Magens hinter mir.

Ich zog meine Cap wieder tiefer ins Gesicht und ging die Straße weiter hinunter. Entlang eines Fischladens, zwei riesigen Shops die nichts als Obst und Gemüse verkauften, diese hatten alle Arten und Züchtungen, die man sich nur vorstellen konnte und noch mehr, einer Ledermanufaktur, ein Porzellan- und Jadehändler, sowie ein Laden spezialisiert auf Kochmesser.

Irgendetwas zog mich an diesen Läden vorbei, meine Aufmerksamkeit blieb nicht an ihnen haften, als säße ich auf dem Beifahrersitz eines schnellen Autos, von wo ich die Landschaft sehen, aber nicht genießen kann.

Kurz vor der nächsten großen Kreuzung tat sich rechts von mir eine kleine Gasse auf und mein Blick blieb an einem runden Schild hängen. Ich ging einige Schritte in die Gasse hinein. Das Schild sah aus, als würde eine Schlange ihren Kopf aus ihm strecken und die darunter vorbeigehenden Leute nicht nur listig von oben beobachten, sondern auch mit gespaltener Zunge anzischen.

Je länger ich das Schild anstarrte, desto mehr bewegte sich der Kopf der Schlange in meine Richtung und ihre rot leuchtenden Augen kamen zum Vorschein.

Ich fühlte, wie meine rechte Hand schwerer wurde und mir Gewicht vom Herzen fiel.

Die Schlange zischte in meine Richtung, ich hob meine rechte Hand empor und ein pech-schwarzer Gegenstand befand sich in meiner Hand und meine Sicht verdunkelte sich. Die Gestalt und Form des Stabes waren nicht zu erkennen, kein Licht konnte zu ihm durchdringen. Die Wellen des roten Lichts ausgehend von den Augen der Schlange wurden von der Finsternis des Stabes gebrochen und dann verschluckt.

Kurz bevor das letzte Licht der Umgebung in der Finsternis verschwand, konnte ich meine Hand loseisen und den Gegenstand zurück in die Innentasche meiner Jacke gleiten lassen. Das wenige Licht, das war, kehrte zurück in die Gasse und das Schild entpuppte sich als stilvoll geschwungene Teekanne.

Ich fasste mir unauffällig an die Brust, spürte die gleiche Form wie davor, ein Lächeln huschte über mein Gesicht und eine Welle der Erfüllung schwappte durch meinen Körper.

Meine Seele sprach zu meinem Selbst -

Egal was passiert
Wir steigen zusammen in diese Tiefe
Für eine neue Zeit
Geboren im Chaos dieser Welt

Ich schaute mich kurz um, ob ich Aufmerksamkeit erregt hatte, sah nichts Auffälliges und schritt mit leerer Entschlossenheit auf die Tür zu, über welcher die verführerisch geschmeidige Teekanne hing.

XI. Tonvasen

Ich setzte meinen ersten Fuß in den Raum hinter der Tür und konnte spüren ich war an einem besonderen Ort gelandet. Die vier Wände des Raumes waren quasi nicht zu sehen, an allen vier waren Regale bis zur Decke gefüllt mit Tongefäßen verschiedener Größen und Farben, von weiß, grau, gelb, braun über rot zu einer zentral im Raum stehenden grünlichen Tonvase gefüllt mit sieben hell-weißen Rosen.

Die schönsten Blumen, die ich je gesehen habe.

[Bild: Pfingstrosen]

Verkäufer: Hundert Jahre alte Pfingstrosen, sei dir sicher hier wird dich kein böser Geist überkommen.

Kam von links in passablem Englisch vom Verkäufer der gerade ein graues Tongefäß, mit Blumen verzierten Deckel, ins Regal hinter sich zurückstellte. Ich drehte mich zu ihm und antwortete mit leicht verdutztem Gesicht:

Ich: Wunderschöne Blüten, was außer böse Geister fernhalten, wird diesen Pflanzen noch zugesprochen?

Verkäufer: Um effektiv böse Geister abzuwehren, müssen die Rosen schon tief verwurzelt sein, mindestens fünfzig Jahre Wachstum nach oben und nach unten, sonst kannst du auch einfach deinem Aberglauben vertrauen. Aber die ich da drüben im unteren Eck des Regals habe, in dem weißen Gefäß mit dem schwarzen Kreis auf der Vorderseite, die sind nicht sehr alt, aber effektiv in der Schmerzlinderung, der Nährung des Blutes und um deine kühle und ruhige Energie, dein Yin, zu regenerieren. Du weißt schon... im Gleichgewicht zur Hitze des Yang. Wird auch viel von Frauen benutzt, um Menstruationsbeschwerden vorzubeugen oder Muskelkrämpfe zu lösen. Bei deiner Spannung würde ich dir aber eher zur Akupunktur raten.

Ich: Hätte ich eine Dame an meiner Seite, würde ich dir ein paar abkaufen. Und ja die Spannung im Körper ist hoch, hat man seine Segel in den Wind gespannt. Du musst eine gute Menschenkenntnis haben, um die Spannung so schnell aus mir lesen zu können.

Verkäufer: Seine Segel in den Wind gespannt. Habe ich hier einen kleinen Poeten vor mir?

Ich: Nein, manchmal spricht meine Seele und nicht mein Selbst.

Verkäufer: Ich freue mich, dass du in meinen Laden gestolpert bist, setz dich auf den Hocker da drüben und ich bereite dir einen Tee zu, der dir im großen Sturm die nötige Ruhe gibt.

Ich setzte mich auf den kleinen Hocker neben dem kleinen Tisch, aus dunklem Holz, verziert mit grünem Jade, mit der grünlichen Vase in der Mitte, von der die sieben Pfingstrosen mit ihrer Schönheit den Raum mit Harmonie fluteten.

Ich hätte anderes erwartet, hätte ich nicht alle Erwartungen abgelegt, wie man es auf der Jagd tun muss. Vielleicht gilt das gleiche auch für das Leben.

Ich schaute die Wände auf und ab, versuchte eine Ahnung zu erhaschen, was wohl in den ganzen Gefäßen gelagert wurde. Währenddessen holte der Verkäufer eine kleine Trittleiter aus Holz aus der Ecke und trug einen Behälter nach dem anderen aus verschiedenen Regalen zusammen.

Er stellte sie in die vordere linke Ecke des Raumes, dort war ein rundes Loch im hölzernen Boden, Durchmesser etwas mehr als ein Meter, zwanzig vielleicht dreißig Zentimeter tief, und in der Mitte stand auf schwarzer Erde ein kleines Metallgerüst mit vier Beinen, darunter war bereits etwas Holz, sauber in Kegelform zusammengestellt, sodass von unten Luft in die Struktur ziehen konnte.

Ich saß auf meinem kleinen Hocker und saugte die Energie des Raumes in mich auf, ließ dabei meinen Blick immer wieder schweifen und schaute dem Verkäufer dabei zu, wie er eine eiserne Teekanne zum Kreis im Boden trug. Er stellte die Teekanne auf das Gerüst in der Mitte des Kreises, setzte sich auf die Kante und öffnete nacheinander die Behälter und fing an die Kanne mit getrockneten Blättern und Kräutern zu füllen. Was aus dem letzten Behälter hervorgezaubert wurde, verdutzte mich etwas, er hatte sie an einem ihrer Beine aus dem Gefäß gefischt, eine längliche, schwarze, dunkel dreinblickende, getrocknete Heuschrecke. Gefühlvoll warf er sie in die Kanne und richtete seinen Blick auf mich.

Verkäufer: Um von der Sechs zur Sieben zu kommen, auf dem Pfad der Acht, musst du mir noch ein Rosenblatt der hundert Jahre alten Pfingstrosen pflücken.

Ich nickte ihm zu, schaute auf die Harmonie der sieben Rosen in der grünen Tonvase direkt vor mir und griff entschlossen nach dem ersten, weiß strahlenden Blatt, das meine Aufmerksamkeit zu sich gezogen hatte. Ich ließ es aus den Fingerspitzen, in die Kanne gleiten. Jetzt nickte er mir mit zufriedenem Blick zu, griff nach einer Glas-Karaffe und füllte Wasser in die Kanne, entzündete den Holzkegel unter der Kanne und wir schauten beide in die auflodernden Flammen, als würden dort unsere Seelen miteinander verschmelzen.


Das Knistern der Flammen lag in der Luft und webte sich in die Harmonie des Raumes. Darunter schwoll ein nicht zu greifender Geruch, der in sanften Wellen aus der Kanne strömte. Ein nicht zu beschreibendes Gefühl durchdrang mein Sein, eine volle Leere, eine Überlagerung von allen Gefühlszuständen meiner Erfahrung, alle waren da aber kein Gefühl wirklich präsent.

Mein Gedankenfluss trocknete aus und ich fühlte mich, wie eine nicht greifbare Form in der Gestalt von hellgrauen, sich aufbäumenden Wolken.


Er sah körperlich schwach aus, wie er am Feuer saß, in seinem einfachen dunkelgrünen Shirt, schwarzer Stoffhose und den offenen dunkelbraunen Lederschuhen. Sein schwarz-graues Haar zur Seite gekämmt und eine runde Brille mit schwarzem Rahmen auf der Nase. Die Falten seiner Haut sprachen von Erfahrungen des Lebens. Doch sobald ich ihm in die Augen schaute, drehte sich das Blatt und seine dunklen, tiefbraunen Augen zogen meine Aufmerksamkeit mit ungeheurer Stärke in ihre schwarze Mitte.

Dort entfaltete sich ein heller Raum voller Leere und so begann unser Gespräch über eine Kanne wundersamen Tees.

Verkäufer: Sei so lieb und hol uns zwei Tassen, stehen dort drüben im Regal, hinter dem hell-gelben Tongefäß.

Ich ging hinüber, nahm zwei der winzigen Porzellantassen und ging damit zum Kreis.

Ich: Ein kaum zu beschreibender Geruch liegt in der Luft, was für einen wohlriechenden Tee hast du uns hier zusammengebraut?

Er nahm mir die erste Tasse aus der Hand, stellte sie auf den Boden neben sich, und hievte die schwere Eisenkanne vom Feuer.

Verkäufer: Einen Sieben-Tee für deinen achten Weg. Eine unbefleckte Lotusblume aus dem schwarzen Schlamm der Wirklichkeit. Eine gelbe Chrysantheme die gegen das dunkle Verlangen strahlt. Die Schrecke für klärende Verbindung in die Unterwelt. Etwas Safran für ein schützendes Schild um das Mosaik deines Herzens. Ein Stück Ginseng für einen ruhigen Geist im Sturm deiner Gedanken. Einige Blätter grüner Tee, Longjing, für die Fülle deiner Aufmerksamkeit. Und das Pfingstrosenblatt für die Schönheit in deinem Tun. So wirst du im gegenwärtigen Moment dein eigenes Sein sammeln können, um es zurück in den Fluss der Wirklichkeit strömen zu lassen.

Ich saugte die Informationen auf, wie den aufsteigenden Geruch des Tees aus meiner Tasse, mit jedem Atemzug. Als er fertig gesprochen hatte, hob ich einfach nur meine Tasse leicht an, er tat mir gleich, und wir tranken beide den ersten Schluck.

Ich trank noch drei große Schlucke und dann...

Ein Gefühl steigt von unten in mich auf
Es durchdringt meine Fasern und mein Geist
Es setzt sich nicht und ruht nicht, sondern schwillt
Ich spüre die Verbundenheit in einen gefüllten Abgrund
Der sich in die Weiten streckt

Ich fange an mich wie ein Schiff zu fühlen
Halb unter Wasser, halb auf See
Jede Welle hebt und senkt mein Sein
Die Wellen, die mich tragen kommen aus den Tiefen des Meeres
Und leiten mich geradewegs in den Sturm meines Seins
Der sich am Horizont auftürmt

Ich richtete meine Aufmerksamkeit vollständig nach außen und saß wieder mit Tee in der Hand auf meinem Hocker. Mein Magen krampfte leicht und ich sollte wohl besser aufs Klo.

Ich musste kein Wort sagen, der Ladenbesitzer schaute kurz auf und zeigte auf einen Durchgang in der Ecke vom Raum aus welcher er die Trittleiter geholt hatte.

Ich stellte die Tasse auf den Boden und wankte leicht verkrampft in die Ecke des Raumes, bis ich um die Ecke schauen konnte, wo die Trittleiter gestanden haben muss.

XII. Feine Maserung

Eine große Massivholzplatte war in die Wand eingelassen, nicht irgendein Stück Holz, das Holz, das Holz mit dem Muster aus meinen Träumen, Träumen davon noch einmal mit Ma an der Hand durch die Tür der Bibliothek zu schreiten.

Das Holz vor mir war genauso mit wellenartigen Mustern verziert, wie die mittelalterliche Tür der Kindheitsbibliothek. Die Wellen strömten von den Rändern in ihre geteilte Mitte, dort entstanden zwei Strudel, die parallellaufende Linien schmolzen und in Formen zu Mustern verliefen.

Sie muss aus einem einzigen Stamm gefertigt worden sein, denn bei genauerem Hinschauen wurde mir bewusst, dass die Wellen die Maserung des Holzes waren.

Ich starrte auf die Maserung, das Muster das sich bei mir bereits als Kind eingebrannt hatte.

[Bild: Maserung]

Der Satz meiner Ma kam wieder hoch:

Ma (Erinnerung): Außer am Ende und Anfang der Wirklichkeit geht es immer um Gleichgewicht.

Ich starrte weiter auf die Maserung und folgte den fließenden Wellen in die strudelnden Formen und wieder hinaus, um wieder hineingezogen zu werden. Eine kleine Ewigkeit verbrachte ich damit. Und verlor meine Aufmerksamkeit immer wieder am gleichen Punkt.

Es kam mir vor wie ein Spiel, das Muster der Maserung lud mich zum Spielen ein. Beim Spielen ging es mir um eins - Es zu brechen.


Zu oft hatte ich meiner Ma zugeschaut, wie sie gegen Unbekannte im Park, mit schwarzen Figuren, in den geistigen Krieg zog, während ich auf dem Spielplatz oder Bolzplatz war. An einem regnerischen Tag rannte ich zu ihr vom Bolzplatz, die Jungs waren rein wegen dem Wetter und ich wollte heim. Ma war gerade dabei die letzten Züge über das Brett gleiten zu lassen und den Mann im schwarzen Mantel, der einen schwarzen Regenschirm in seiner linken Hand hatte, Schach-Matt zu stellen. Dies war nicht nötig, der Mann sagte ruhig:

Mann in Schwarz: Ihr Spielstil ist schrecklich, er zermürbt, nimmt mir den Platz, obwohl ich ihn habe, er vernichtet Gedanken und zwingt mir Leere auf. Meine Position erstarrt und ihre Figuren nutzen die Lücken, als wären sie Wasser in einem Sieb.

Dann nahm er seinen König und legte ihn seitlich auf das Brett, um seine Aufgabe zu signalisieren. Ma nickte nur und sagte:

Ma: Dort wo sie Muster nicht mehr fließen sehen, brichst du ihr Spiel.

Der Herr in Schwarz schaute leicht verdutzt, dachte kurz nach, und nickte dann doch mit einem leichten Schmunzeln. Ma drehte sich zu mir:

Ma: Schon genug Fußball?! Es ist doch nur Regen kein Gewitter.

Ich zuckte mit den Achseln. Ma schaute mir in die Augen, nahm ihre Tasche und wir gingen erhobenen Hauptes, nebeneinander, durch den Regen zum Auto.


Ich ließ weiterhin meinen Finger sanft und geschmeidig über die feine Maserung des Holzes fließen, als mein Finger zum wiederholten Male stockte in seiner Bewegung. Ich war am rechten unteren Rand des Musters, etwas über Kniehöhe, wo die Wellen außerhalb der zentralen Strudel mit größerem Abstand zueinander schwelgten.

Direkt biss ein Gedanke an meiner Bewusstseinsschnur, er hatte gesagt: „...meine Position erstarrt und ihre Figuren nutzten die Lücken, als wären sie Wasser..." Bin ich etwa mit meinem Finger über eine Lücke in der fließend gewachsenen Maserung des Holzes gestolpert?

Ich ging leicht in die Knie, holte dabei mein Handy aus der Tasche, schaltete mit einem kurzen Doppeldruck auf die untere Seite des Lautstärkereglers die Taschenlampenfunktion ein und richtete meine volle Aufmerksamkeit auf die erhellte Stelle in der Tür. Ich nahm wieder meinen Zeigefinger und fuhr langsam die Maserung nach, bis ich wieder zum Stocken kam. Vier Mal von der einen Seite, vier Mal von der anderen Seite her. Nichts passierte, und schlauer wurde ich daraus auch irgendwie nicht.

Ich stand in der Ecke des Ladens und wusste nicht so recht weiter, bis ich etwas fühlte tief in mir, ein Aufschwellen, als würde das leere Watt meiner Seele geflutet werden, als würde ein rundes Glas vom Boden aus mit Wasser befüllt. Bevor die Flut meine runde Anhöhe, in der mein Bewusstsein sich schwimmend voll entfaltete, erreichte, setzte ich meinen Finger erneut auf die Maserung des Holzes und schloss meine Augen.

Die Flut in mir schwoll weiter an und erreichte meine Brust. Ich hörte meinem Herzen zu, wie es mit tiefem Hall im Rhythmus in mir pochte - eins..zwei..drei..vier - der tiefe Hall wurde dumpf und das energiegeladene Gefühl der dunklen Flut floss über meine Schultern die Arme hinunter.

Gleichzeitig stieg der Pegel von den Schultern den Hals herauf. Im selben Moment, in dem der erste Schwall meine unzähligen Nervenenden in den Fingerkuppen überreizte, hob die Flut mein Bewusstsein auf ihr steigendes Meer. Ich glitt ab in einen unvorstellbaren Tunnel, erst unglaublich dunkel und schwarz, dann war ein Boden und seitlich ansteigende Wände zu sehen, die einen Eindruck vermittelten, als hätte jemand den offenen Ozean bei starker Brise eingefroren und ihm ein bräunliches Schimmern verpasst. Aber irgendwie sah ich die Konturen der Wellen nie wirklich klar und je mehr ich in die Weite schaute, desto mehr schien mir alles in Bewegung zu sein. Ich konnte weit schauen, der halboffene Tunnel ging leicht bergab und der Himmel war grell weiß, sodass man beim Hinaufschauen erblindete.

Ich hatte gerade ein letztes Mal versucht in den Himmel zu blicken und schüttelte mich leicht, als ich meinen bergab gerichteten Blick wieder fokussieren wollte. Die gesamte Ozeanlandschaft schien zu schwanken. Ich spürte wieder die Flut in mir selbst, sie senkte sich immer wieder Richtung Brust, um wieder über den Hals hinweg zu steigen. Ich begann meinen Kopf nach rechts und links zu neigen und nahm dabei meine Hüfte und Beine mit.

Die Flut in mir, sowie der Ozean vor meinen Augen, alles folgte mir ohne Verzögerung, wir schaukelten einen traumhaft synchronen Tanz.

Der Tunnel wurde zu einem stürmisch aufbrausenden Geflecht aus Wellenmustern, die sich immer wieder auftürmten, um auf sich selbst zurückzufallen. Die Flut im Inneren sank immer weiter ab und ich spürte einen Druck aufkommen, aber er lastete komischerweise nicht auf mir, sondern auf dem Wechselwirken zwischen mir und dem Fluss der Wellen um mich herum. Der Druck entwickelte eine eigene Dynamik mit der Zeit und trieb mich immer weiter nach links und die Tunnelwand begann sich langsam über mir aufzutürmen.

Ich hatte diese Dynamik unterschätzt, sie hatte schnell an Schwung aufgenommen und hatte mir die Kontrolle über den Bewegungsfluss entrissen.

Es ging rauf und runter, geschmeidig durch wild geschwungene Muster mit einem unersättlichen Drang, wie reibungsloses Gleiten auf spiegelglattem Eis - wunderschön bis zum Kontrollverlust - wir steuerten direkt auf eine scheinbar unbezwingbare Wand zu an der wir zerschellen würden. Neben mir waren jetzt Muster räumlicher Ebenen, die mein Verstand, mit seiner Sicht von unten, bei weitem nicht mehr greifen konnte. Mit vollem Schwung glitten wir unter einer räumlichen Welle unüberschreitbarer Tiefe entlang und glitten unter dem Bogen der Welle direkt am Abgrund entlang. Der Pegel meiner Flut war weit unter die Brust gesunken, beim allzu nahen Fall in einen nie endenden Abgrund voller Leere.

Die Leere, die gleichzeitig die Wellen auftürmte und zurück auf den Boden krachen ließ.

Dem Abgrund knapp entkommen, schnellten wir mit Linksdrall in ein gigantisches Muster aus ineinander überfließenden Wellen, die wie ein Baum vom Stamm in die Krone am Himmel wuchsen - wir waren auf die Wand geprallt.

Wir flossen zwischen den wellenartigen Fasern des Stammes und es fühlte sich an, als würde ein Strom an Bewegung von hinten schieben. Bis in die Krone geschoben, dort weiteten sich die Abstände zwischen den Wellenmustern und überall neben ihnen bildeten sich kleine Strudel aus.

Ich war gänzlich im Fluss versunken, während wir von einer mächtigen Faser aus mehreren verwebten Wellenmustern mitgezogen wurden bis in die Tiefen der Krone. Dort öffnete sich ein riesiger Strudel abwärts fließender Wellen, von dem wir bereits ein Teil waren bevor ich es überhaupt realisieren konnte.

Ich genoss den überaus tragischen Fluss meines Seins, durch eine Landschaft in der mein Selbst keine Kontrolle hatte - es war tragisch schön.

Schöne Wellen
Im absteigenden Fluss
In die tragende Leere
Unter dem Ganzen meines Seins

Es ging mit spiralförmigem Momentum abwärts, bereit in den leeren Abgrund am Ende der ewigen Spirale zu stürzen. Die Wellen wurden jedoch langsam sanfter und jedes Muster verlor sich in einer eigenartig einheitlichen Glätte, über die ich glitt mit gedämpftem Schwung.

Dann plötzlich ein riesiger Druck auf meinem Inneren, als wär eine riesige Druckwelle in rasanter Geschwindigkeit über die glatte Landschaft gefegt und ich riss meine Augen auf.

Ich starrte auf die Maserung im Holz, ich starrte auf meinen Finger, ich starrte auf eine winzige Vertiefung in einer kaum sichtbaren Mulde ein kleines Stückchen neben der flussbrechenden Lücke der Maserung.

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